Alois Hotschnig – Erzählen über Erinnerungen

Ein Gespräch mit dem Autor über seinen aktuellen Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“.

Alois Hotschnig stammt aus Berg im Drautal und besuchte das Gymnasium in Lienz. Der Schriftsteller, der in Innsbruck lebt, wurde für seine Romane und Erzählungen mehrfach preisgekrönt. Heuer hat er im Verlag Kiepenheuer & Witsch seinen Roman „Der Silberfuchs meiner Mutter“ veröffentlicht. Über einen Zeitraum von fünf Jahren haben ihn Gespräche mit dem Schauspieler Heinz Fitz begleitet, an dessen Lebensgeschichte das Buch angelehnt ist.

Die Erzählung handelt von einer Norwegerin, die 1942 nach Vorarlberg auswandert. In ihrer Heimat kann sie nicht bleiben, weil sie von einem Wehrmachtssoldaten schwanger ist und somit als Kollaborateurin und „Nazi-Hure“ gebrandmarkt ist. Hotschnig schrieb dieses Schicksal nieder – und erzählt dabei nicht nur die Geschichte ihres Sohnes Heinz Fitz, sondern gleichzeitig die Geschichte unzähliger Individuen, die mit Erfahrungen von Flucht, Fremdheit und Entwurzelung konfrontiert sind. Warum dieser Roman entstanden ist und welche Relevanz die Erzählung für die Gegenwart hat, schildert der Autor im Interview.

Der Schriftsteller Alois Hotschnig stammt aus Berg im Drautal und lebt in Innsbruck. Foto: Rupert Larl

Wie sind Sie zur Person Heinz Fitz gekommen und was hat Sie so sehr an seiner Lebensgeschichte fasziniert?

Das hängt mit der Thematik zusammen. Bereits seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit allen möglichen Auswirkungen des Nationalsozialismus. Insbesondere interessiert mich der sogenannte Lebensborn, ein Projekt, das von SS-Führer Heinrich Himmler initiiert wurde, um uneheliche Kinder von Wehrmachtssoldaten vor Abtreibung zu schützen. Es ging darum, das „reine Blut“ zu erhalten. So gab man den Müttern die Möglichkeit, zu entbinden. Die Kinder kamen in ein Heim und wurden zur Adoption vermittelt.

Vor ein paar Jahren habe ich einen Fernsehbeitrag zu diesem Thema gesehen. Darin kam auch der in Igls lebende Schauspieler Heinz Fitz zu Wort. Seine Lebensgeschichte, also die paar Sätze, die ich von ihm gehört habe und die Art und Weise, wie er sie erzählt hat, haben mich fasziniert. Ich wusste gleich, dass ich einen Roman aus seiner Geschichte machen möchte, also habe ich ihn kontaktiert.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, aus seiner Lebensgeschichte einen Roman anstatt eine Biografie zu verfassen?

Weil ich seine Geschichte in einen größeren Zusammenhang stellen wollte. Ich habe in den ungefähr dreißig Jahren, in denen ich mich mit diesem historischen Thema beschäftigte, unzählige Bücher von Betroffenen gelesen, von sogenannten Lebensborn-Kindern. Jedes einzelne dieser Schicksale ist individuell, die Auswirkungen haben sich jeweils ganz unterschiedlich dargestellt. Über diese konkrete Geschichte hinaus wollte ich von gesellschaftlichen Bedingungen erzählen, die eigentlich jede und jeden von uns betreffen können.

Wie hat sich dabei die Zusammenarbeit mit dem Protagonisten Heinz Fitz gestaltet? War er mit Ihren Abänderungen, Ergänzungen und Anpassungen seiner Lebensgeschichte einverstanden?

Er war gerade deswegen so angetan von der Idee, weil er es als Schauspieler gewohnt war, mit Inszenierungen von Geschichten umzugehen, beziehungsweise, weil er wusste, dass es nicht nur die eine Aufführung einer Geschichte gibt, dass sie jeder Regisseur anders inszenieren würde – und in dem Fall ging es um die Geschichte seines Lebens. Dadurch war es mir von vornherein erlaubt, auch Dinge zu schreiben, die er mir nicht gesagt hat, die er so nicht gesagt hat oder von denen er das Gegenteil gesagt hat.

Ich habe mich im Zuge des Rechercheprozesses auch mit Historikern beraten und mit Zeitzeugen gesprochen. So konnte ich seine persönlichen Erinnerungen in alle möglichen Geschichten hinein erweitern.

Es sind schon zahlreihe Bücher zum Thema des Nationalsozialismus erschienen. Warum schien es Ihnen von Bedeutung, diese Geschichte überhaupt zu erzählen – welche Lücken schließt sie und welche Relevanz weist sie für die Gegenwart auf?

Die Bezüge zum Hier und Jetzt waren mir ganz wichtig und sie sind auch ausschlaggebend für die Entstehung dieses Romans. Ich sehe in der Gegenwart erschreckend viele Ähnlichkeiten zu Tendenzen, die es in den 30er- und 40er-Jahren gegeben hat.

Einer der wichtigsten Gründe für mich, dieses Buch zu schreiben, ist die Tatsache der Fortsetzung des Antisemitismus, der latent immer da gewesen ist und derzeit wieder verstärkt auflebt. Aber nicht nur der Antisemitismus, sondern allgemein die Fremdenfeindlichkeit. So ist es auch ein Buch über Migration – vor allem jetzt, wo die Grenzen bei uns wieder geschlossen sind. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir es waren, die vor ein paar Jahrzehnten unzählige Menschen zu Flüchtlingen gemacht haben.

In Ihrem Roman sprechen Sie auch die Schicksale osteuropäischer Zwangsarbeiter:innen an – wo sehen Sie hierbei Verbindungen?

In meiner Kindheit haben mich vor allem die Erzählungen um die Kosaken fasziniert, die in der Nähe meines Dorfes stationiert waren. Sie haben unter dem Nationalsozialismus auf der Seite Hitlers gekämpft. Nach dem Krieg wurden sie von den Engländern an Stalin ausgeliefert. Diesen historischen Aspekt habe ich ganz bewusst mitgedacht, als ich die Passagen über die osteuropäischen Zwangsarbeiter:innen in Hohenems geschrieben habe. In beiden Fällen kam es dazu, dass Frauen ihre Kinder zurückgelassen haben, um sie vor dem Schicksal der Auslieferung zu bewahren. Die Kosaken wären im Gulag gelandet, aber auch die Zwangsarbeiter:innen hatten es nach dem Krieg schwer, in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie dort als diejenigen angesehen wurden, die für den Feind gearbeitet hatten.

Ich vermische dabei nicht die historischen Dimensionen. Ich wollte aufzeigen, dass sich die einzelnen Schicksale teilweise identisch zeigen, obwohl die Ursachen ganz andere sind. Auch heute haben wir es nach wie vor mit der Ausbeutung von osteuropäischen Arbeitskräften zu tun. In all diesen Fällen geht es um den Kampf um die eigene Verwurzelung. Wobei es nicht zwangsläufig beim Kampf bleiben muss, teilweise werden daraus auch Erzählungen eines gelingenden Lebens.

Was ist der Grund, wieso Sie diese Fragen nach Identität, Heimat oder Verwurzelung persönlich so sehr beschäftigen?

Ich bin ja in Kärnten aufgewachsen und da habe ich schon während meiner Kindheit immer wieder mitbekommen, wie mit der slowenischen Volksgruppe umgegangen worden ist, dass diese Menschen Mitbürger:innen zweiter Klasse waren. Ähnlich erging es den evangelischen Kindern in meiner Schule, die als die anderen abgestempelt waren, nur weil sie nicht mit uns am katholischen Religionsunterricht teilnahmen.

Es war eine Irritation da und ich wollte wissen – was ist da los? Was ist eigentlich der Grund dahinter? Weil ich keine befriedigende Antwort darauf bekommen habe, hat mich die Suche nach einer Antwort immer begleitet. Irritationen sind der Ursprung meines Schreibens überhaupt.

Sie haben sich in diesem Roman an einen ungewohnten Schreibstil herangewagt – der Text liest sich wie ein sich wandelnder Denkprozess mit abgehakten, holprigen Sätzen und vielen Wiederholungen. Welchen Effekt wollten Sie damit erzielen?

Beim Thema der Erinnerung geht es immer um Fragen wie – warum bin ich so, wie ich bin? Warum ist es so gekommen? Könnte es auch anders gewesen sein? Ich habe Heinz Fitz sehr viel aus seinem Leben erzählen lassen, so wie er es in Erinnerung hat. Und das spontan, auf eine unreflektierte Weise. Erinnerungen sind Narrationen, die auch anders erzählt oder interpretiert werden könnten, die zum Teil auch Widersprüche in sich tragen. Diesen Aspekt wollte ich auch sprachlich zum Ausdruck bringen, ohne direkt darüber zu sprechen.

Hatten Sie beim Schreiben dieses Romans zuweilen auch mit Herausforderung zu kämpfen?

Es war für mich höchst schwierig, die Geschichte entlang einer lebenden Person zu entwickeln – so etwas habe ich vorher noch nie gemacht. Es wäre natürlich einfacher gewesen, die Figur von vornherein frei zu erfinden – schlussendlich wurde sie ja zu einer erfundenen Figur, aber sie ist immer noch einem lebenden Menschen entnommen, der mir in die Augen schauen kann. Daher konnte ich mit ihr nicht alles machen, das theoretisch mit den Mitteln der Fantasie möglich gewesen wäre. Ich musste Rücksicht nehmen, nicht nur auf Heinz Fitz, sondern auch auf seine Angehörigen, die ich zum Teil gar nicht kenne. Ich habe ihnen gegenüber eine enorme Verpflichtung gespürt – denn, wie komme ich denn dazu, der Öffentlichkeit etwas aus ihrem Leben zu erzählen. Hierbei eine Balance zu finden, gestaltete sich als ein ständiger Abwägungsprozess. Vom Ausmaß dieser Herausforderung, die mit der Zeit auch immer größer wurde, habe ich zu Beginn noch nichts geahnt.

Was empfinden Sie persönlich als die größte Bereicherung an dem herausfordernden Schreibprozess?

Das Beglückendste für mich, in den ganzen fünf Jahren, in denen ich an dem Roman gearbeitet habe, war auf jeden Fall die Zusammenarbeit mit Heinz Fitz, unsere zwischenmenschliche Begegnung im Laufe dieses Prozesses. Mittlerweile sind wir eng miteinander befreundet. Ich empfinde es als großes Geschenk, dass er es mir gestattet hat, mich in seiner Lebensgeschichte zu bewegen und diese aus meiner Perspektive frei zu erzählen.

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