Foto: iStock/Andrey Popov

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Bei amtlichen Mitteilungen werde ich immer nervös

Diesmal aber ohne Grund, der Absender unterzeichnet „mit freundlichen Grüßen“.

Neulich habe ich in meinem Briefkasten, unter all den Reklamezuschriften, die einem gegenwärtig trotz affichierter Verzichtserklärung permanent den Posteingang verstopfen, wieder einmal eine amtliche Mitteilung gefunden. Bei amtlichen Mitteilungen werde ich immer nervös, weil sie ihre Anliegen gewöhnlich in einer Tonalität formulieren, gegen die eine Mahnung von der GIS die reinste Liebesliteratur ist.

Da man mit dem Blick auf die unmittelbar drohende Zukunft ohnehin nichts anderes mehr denken kann, konnte ich mir auch schon denken, was dieses Schreiben enthielt: die Aufforderung, endlich über die Grenzen des eigenen Körpers zu treten und sich zum festgesetzten Termin mit seinen 8,9 Millionen Mitmenschen solidarisch zu zeigen. Oder wenigstens mit 11.934 Lienzerinnen und Lienzern!

Die Behauptung „Mein Körper gehört mir!“ wird löchrig, wenn es um den Verstand und ums Herz geht. Gut, im ersteren Falle hat man sich angewöhnt, den Besitz desselben zu bestreiten, aber nur, wenn es um die anderen geht. Wenn es um einen selber geht, ist das nicht so ganz einfach, hat doch die Ausrede, dass der eigene Verstand längst nicht mehr vom eigenen Verstand kontrolliert wird, so ihre semantischen Tücken. „Homunculus-Problem“ nennt man das.

Geht es jedoch um mein Herz, wird alles ganz leicht, gehört mein Herz doch schon lange nicht mehr mir. Wenn du jetzt aber glaubst, es gehört Dolomitenstadt, bist du im Irrtum. Ich liebe Dolomitenstadt, nicht mehr. (Hoffentlich verzichtet das Lektorat von Dolomitenstadt jetzt nicht aus lauter Enttäuschung auf den Beistrich nach Dolomitenstadt!) Ich liebe Dolomitenstadt auf eine keusche, enthaltsame Weise, denn was gäbe es bei einem Online-Medium schon für Alternativen? Cybersex?

Trotz, oder möglicherweise sogar wegen dieser zölibatären Beziehung, liefere ich regelmäßig meine Beiträge ab. Manchmal bin ich säumig, habe deswegen aber noch nie eine Mahnung bekommen. Das sind so meine Gedanken, wenn ich eine Mahnung bekomme und mich nicht dazu überwinden kann, sie zu öffnen. Von den technischen Schwierigkeiten ganz zu schweigen. Einen Brieföffner besitze ich nicht, das Küchenmesser habe ich aus Klimaschutzgründen auf Elektrobetrieb umgerüstet, und keines meiner Körperteile ist scharf genug um der Herausforderung zu begegnen. Die Zunge vielleicht, aber die dient bekanntlich zum Schließen, nicht zum Öffnen von Briefen.

Ich weiß ohnehin, auf welchen Körperteil sie es abgesehen haben. Auf meinen Musculus deltoideus! Der Musculus deltoideus dient zum Heben des Armes, ist also der wichtigste Muskel der Parlamentarier. Bei manchen von ihnen kommt noch der Supraspinatus ins Spiel. Kein Wunder, dass diese neulich im Nationalrat darüber ausführlich debattierten. Es ging um die Frage, ob man den Musculus deltoideus beim Stechen durch Aspiration beschädigen dürfe.

Aspiration sei längst nicht mehr üblich, entgegnete der Gesundheitsminister und behielt damit recht. Aspiration ist der medizinische Ausdruck für das Ansaugen von Flüssigkeit, und das ist tatsächlich nicht mehr erlaubt. Wenigstens nicht für einen bestimmten Teil der Bevölkerung.

Als ich den Briefumschlag endlich geöffnet hatte, war ich einigermaßen erstaunt. Keine Spur von dem harschen Ton, auf den ich mich eingestellt hatte, im Gegenteil: Das erste, das mir ins Auge sprang, war die Formel „Mit freundlichen Grüßen“, in so großen Lettern gedruckt, dass die Verfasser des Schreibens sie abkürzen mussten. Als Akronym, sozusagen. Und das schon im Briefkopf!

Danach folgte eine Liste mit ganzen vier Namen, die mir allesamt unbekannt waren. Die wären dann zum fraglichen Termin wohl vor mir an der Reihe. Schon griff ich zum Kugelschreiber, um meinen eigenen Namen darunterzusetzen und anzukreuzen, zögerte dann aber doch: Ich erkläre mich doch nicht solidarisch mit Leuten, die ich nicht kenne, nicht mit Hinz und schon gar nicht mit Kunz! Also steckte ich das Papier wieder in seinen Umschlag und schickte es an den Absender zurück. Mit freundlichen Grüßen.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

5 Postings

Raphael Pichler

Ich glaube hier einem Paradoxon auf der Spur zu sein: Bei Angehörigen gewisser politischer Strömungen gilt nämlich ein Gruß mit - durch angespannten Musculus deltoideus - gehobenem Arm nicht als besonders freundlich.

 
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    Kiew

    Du meinst aber nicht "Adolf, den Verlustreichen", wie ihn mein Lehrer treffend immer nannte?

     
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arlingriese

Dankeschön für die exzellente Randnotiz und den Tipp, Herr Rudi! Mit freundlichen Grüßen hatte ich noch keinen Kontakt. Ist die amtliche Mitteilung im Postkasten, dann "returned tu sender" 😂 ...

 
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Gotwald1

Herrlich, wieder mal AM PUNKT Herr Ingruber. Das gefällt mir, und auch meiner Seele, GELL ❤ Leider habe ich meinen Brief dem Recyclingkreislauf wieder zugeführt, als das er bald als Klopapier diene, auf das man "..." kann, GELL 😁

 
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bergfex

Herr Rudolf, sie sprechen mir aus der Seele oder so ähnlich.

 
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