Oft ist es leichter, das Gestern zu beschreiben als das Heute. Ein Blick auf Lienz aus dem Jahr 1850. Stahlstich von Carl Mayer´s Kunstanstalt, Nürnberg. Repro: Stadtbuch Lienz, 2022

Oft ist es leichter, das Gestern zu beschreiben als das Heute. Ein Blick auf Lienz aus dem Jahr 1850. Stahlstich von Carl Mayer´s Kunstanstalt, Nürnberg. Repro: Stadtbuch Lienz, 2022

Was weißt du über die sonnigste Stadt Österreichs?

Das neue Stadtbuch schaut solide zurück und schwächelt beim Blick auf Gegenwärtiges.

Was weißt du über die sonnigste Stadt Österreichs? Abgesehen davon, dass die Produktinformation zu dem lange angekündigten und vor knapp einem Monat endlich klammheimlich erschienenen Buch der Stadt Lienz gleich mehrere Antworten nachschiebt, müsste die Kernfrage doch lauten: Wer will denn das überhaupt wissen? Im Geleitwort der Bürgermeisterin Elisabeth Blanik werden „Lienzerinnen und Lienzer, Gäste und Freunde der Stadt Lienz“ adressiert, die der Autor Meinrad Pizzinini einleitend durch ein Wirgefühl zusammenzuschließen versucht: Heimat und Menschlichkeit seien Synonyme, und „wo man sich auskennt, fühlt man sich wohl“.

Auf 343 reichlich bebilderten Seiten wird die Stadt „Lienz in Geschichte und Gegenwart“, so der Titel des Buches, nicht zum ersten Mal – und das in Deutsch, Englisch und Italienisch – durchdekliniert. Das Werk versteht sich, nach 1987 und 1999 als dritte Auflage einer Kurzfassung des 1982 vom selben Autor verfassten „Großen Stadtbuchs“, die, je nach Zählweise, um das kommunale Geschehen der letzten beiden Jahrzehnte hätte ergänzt werden sollen: „Selbstverständlich wurden alle Abschnitte im vorliegenden Buch unter Einbeziehung aktueller Forschungen und Literatur auf den neuesten Stand gebracht.“

Die Herkulesaufgabe bestand also darin, dass sich die neuere Literatur einerseits an den mittlerweile fast kanonisierten Ergebnissen der Urfassung von 1982 abzuarbeiten hatte, andererseits aber zum geringsten Teil von deren Autor selbst verfasst worden ist – mit anderen Worten: Wie sehr musste sich der ausgewiesene Fachmann für die Geschichte der Stadt auf sich selber verlassen, und wie weit nahm er neuere Ereignisse und Quellen zur Kenntnis?

Zwei Beispiele: Die fünfte Fassung des „Totentanzes“ von Egger-Lienz wurde 2006 an die rechtmäßige Erbin restituiert und kann heute nicht mehr als Pars pro Toto für die Bedeutung der Sammlung auf Schloss Bruck angeführt werden, wohl aber für eine Kulturtat, die mehr als recht und billig, aber doch freiwillig und in gewisser Weise auch fortschrittlich war. Auch darüber gibt es Literatur. Lienz im Zusammenhang mit dem „Mechatronik-Campus“ als „Universitätsstadt“ zu akklamieren geht dafür nicht mehr.

Es ist weder die Aufgabe des Historikers, noch steht es in seiner Macht, der Geschichte in die Parade zu fahren. Umgekehrt macht die Geschichte das ohne mit der Wimper zu zucken, zumal, wenn sie sich unter dem Decknamen der Gegenwart nicht so recht fassen und auch nicht mit Gewalt in die wissenschaftlich ausdifferenzierte Vergangenheit abdrängen lässt. Kein Mensch hätte Pizzininis Expertise bezweifelt, hätte er etwas mehr Mut zur Prognose oder auch nur zum Unwägbaren und Vorläufigen bewiesen, statt „so ist es, oder so war es“ auch manchmal „so könnte es (gewesen) sein“ gesagt.

Seine besten Momente entfaltet das Buch dort, wo die Geschichte ins Anekdotische driftet. So wird uns z.B. unter dem Titel „Frommes Erschauern, Sangeslust und Gemeinschaftssinn“ das seit 1638 bestehende Amt des Bürgermeisters als Institution zur Förderung von katholischem Glauben und Manneszucht, die „Lastern wie Trinken, Völlerei und Spielen“ Einhalt gebieten soll, vorgestellt. Allein die von den Kapitelüberschriften genährte Erwartung wird immer wieder vom Bedacht auf den „offiziellen Charakter“ des Buches, zu dem sich der Autor ja nicht selber beauftragt hat, und damit von dessen Bemühen, es allen recht zu machen, gebremst.

Das zeigt zum Beispiel das Kapitel über die Entwicklung der bildenden Künste, die im ausgehenden Mittelalter und im Spätbarock zweifellos ihre beiden Gipfel erreichte, in der Gegenwart aber in eine alphabetisch gereihte Namensliste ausläuft. „Nichts ist gewiss erfreulicher als eine Liste, Werkzeug wunderbarer Hypotyposen“ (U. Eco), sofern diese als detaillierende Häufung noch jenen Hauptgedanken zu stützen vermögen, dass die kulturelle Reputation einer Kleinstadt letztlich doch nur an einer höchst überschaubaren Anzahl an Namen zu messen ist.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Für uns kritzelt er Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

3 Postings

Claudia Moser

Schöne Analyse, danke Rudi! Und ich finde, das nächste Stadtbuch solltest du schreiben.

 
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Herr_Kules

Es mag "die Herkulesaufgabe darin bestehen, dass sich die neuere Literatur einerseits an den mittlerweile fast kanonisierten Ergebnissen der Urfassung von 1982 abzuarbeiten hatte, andererseits aber zum geringsten Teil von deren Autor selbst verfasst worden ist." Die Herr_Kulesaufgabe besteht jedoch darin, der Dolomitenstadtliteratur blöde, provokante Postings hinzuzufügen.

In diesem Fall halte ich es allerdings unironisch für verwunderlich, dass sich alle für die Nachbesetzung des BKH-Obmanns und keiner für das neue Stadtbuch und den damit verbundenen Skandal interessiert. Offensichtlich nicht einmal die Dolomitenstadtredaktion selbst: Am 6.5.2020 konnte man lesen, dass für das Buch 65.000 Euro ausgegeben werden sollen. Am 2.2.2022 wurden die Ausgaben dann 65.000 Euro um 7.000 auf 60.000 Euro angehoben (wie auch immer diese Rechnung aufgehen soll) und zuletzt wurde am 30.3.2022 von 62.000 Euro gesprochen.

Danke an Herrn Ingruber, der sicher sehr gut einzuschätzen weiß, was das Buch wirklich wert ist. Es scheint, als wären auch 50.000 Euro zu viel gewesen ... oder 40... oder 30... oder 20... oder 10...

 
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    Chronos

    @Hercules, das liegt daran, dass z.B. ich in kultureller Geschichte/Literatur fachlich kaum mitreden kann! Möglicherweise auch nicht andere… Bei Ihnen verhält sich das augenscheinlich anders! Und Herr Ingruber ist ein ausgewiesener Fachmann – toll, wie seine Sichtweise zum "Großen Stadtbuch" mir da einen Ein/Ausblick in Hinsicht auf die neuere Literatur für die neue Auflage gibt. Mit den zwei Beispielen verstehe selbst ich, dass von Autor Pizzinini die Einbeziehung aktueller Forschung und Literatur nicht allzu gelungen erscheint!

    Interessant, Ihre Angaben zu den Kostensteigerungen. Da sollte die Frau Bürgermeisterin schon Erklärungen liefern! Was die Nachbesetzung des BKH-Obmanns betrifft, bestand natürlich allg. Interesse. AK ist Geschichte! Damit flammt dieses Thema nicht wieder auf…

     
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