Die Helden im Film sind eindeutig die Kinder der Insel, die Hubert Sauper als "die jungen Propheten" bezeichnet. Foto: Hubert Sauper

Die Helden im Film sind eindeutig die Kinder der Insel, die Hubert Sauper als "die jungen Propheten" bezeichnet. Foto: Hubert Sauper

Epicentro: Die Kamera als Sprachrohr und Lupe

Hubert Saupers Liebeserklärung an Kuba sammelt weiter Filmpreise.

Es kommt nicht allzu oft vor, dass der in Kitzbühel geborene und im Mölltal aufgewachsene Filmemacher Hubert Sauper die Zeit findet, seine alte Heimat zu besuchen. Nach Aufenthalten in Italien, England und den USA lebt er seit 1994 in Frankreich. Und natürlich nicht nur dort. In den letzten Jahren verbrachte er zum Beispiel auch drei Jahre auf Kuba, unterrichtete dort an der Filmakademie als Gastprofessor und hielt die Bilder dieser Zeit in Havanna mit seiner Kamera fest. Das Resultat kann sich sehen – und auch anschauen lassen – und war auch der Grund, wieso Hubert Sauper vor Kurzem in Villach war. Nachdem er bereits im Dezember – zwar nur im Livestream – den Kärntner Landeskulturpreis erhalten hatte, holte er sich nun mit seinem Film „Epicentro“ den Langfilmpreis des K3 Film Festivals, das ebenfalls pandemiebedingt verschoben werden musste und passenderweise den Titel „Re:Animated“ trug.

Es ist nicht der erste Filmpreis für „Epicentro“, denn schon bei seiner Premiere in dem von Robert Redford gegründeten Sundance Film Festival in Utah im Januar 2020 gewann der Film den Grand Jury Prize in der Kategorie der internationalen Dokumentarfilme. Auch den Wiener Filmpreis bekam er und somit erhielt Hubert Sauper diese beiden Auszeichnungen bereits zum dritten Mal. Auf der Viennale gelang das neben ihm übrigens nur Ulrich Seidl. Insgesamt hat Hubert Sauper bereits über 50 Filmpreise gewonnen – seine bisher erfolgreichsten Filme waren „Darwin’s Nightmare“ für den er 2006 auch für den Oscar nominiert war und „We come as friends“ für den er vor rund zehn Jahren in einem kleinen, mit seinem Bruder gebauten Flugzeug in den Sudan flog, um den Kolonialismus in Afrika im Jetzt und Damals, im Hier und Dort auf den Grund zu gehen.

Würde man nur den Titel dieses Films betrachten, könnte dieses Wir übrigens Vieles bedeuten, was auf Hubert Sauper als Filmemacher zutrifft. Sieht man ihn mit seiner Kamera, was man auch jetzt in „Epicentro“ tut, dann versteht man, wieso seine Bildersprache dieses Freundschaftliche, Empathische, Verständnisvolle hat. Man spürt, dass seine Kamera seine ausgestreckte Hand zu seinem Gegenüber ist. In seiner Art zu filmen liegt eine Wertschätzung für die Geschichte und ihre Protagonisten, die nicht selbstverständlich ist. Seine Kamera ist sein Sprachrohr und seine Lupe, mit der er die Welt erkundet, aber seine Stimme und sein Auge darin sind wohlwollend und verständnisvoll. Und das ist es, was Saupers Bildersprache auszeichnet, denn Dokumentarfilme sind häufig anders. Weniger poetisch, nicht so zärtlich, zu direkt, um noch einfühlsam zu sein. Hubert Saupers Filme sind das nicht und überraschen deshalb immer wieder neu. Auch „Epicentro“.

„Epicentro“ ist zunächst einmal ein Film über Kuba, eine Liebeserklärung an Havanna und seine Menschen. Die Helden im Film sind dabei eindeutig die Kinder der Insel, die Hubert Sauper als „die jungen Propheten“ bezeichnet, „seine Stars, weil sie so klug, weitsichtig und spielerisch von sich und der Welt(politik) reden können.“ Und die Weltpolitik scheint in Kuba immer schon eine größere Rolle gespielt zu haben, als man für eine so kleine Insel annehmen könnte. Taucht man in Kubas Geschichte erst einmal ein, dann wirkt diese kleine Nation tatsächlich wie das Paradebeispiel eines Landes, das als Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Ideologien herhalten musste – ganz so, als ob diese Insel immer schon die genau richtige Größe und Lage gehabt hätte, um sie für kolonialistische, kapitalistische oder kommunistische Versuchsreihen zu verwenden. Und somit ist Kuba – wie es auch gleich am Anfang des Filmes gesagt wird – eine utopische Nation.

Und Hubert Sauper versteht es, die Momente, die Bilder, die Unterhaltungen, die genau das fast plakativ zeigen, mit seiner Kamera einzufangen, als ob das ganz einfach und im wahrsten Sinne des Wortes im Vorbeigehen geschehen könnte. Er lässt die Menschen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft – Kinder, Prostituierte, Touristen, Straßenmusiker etc. – zu Wort kommen, doch sie sprechen nie nur für sich, sondern für das kubanische Volk oder das Kuba, das sie in sich tragen und leben wollen.“ Er selbst sagt dazu: „Aus dem Spektrum aller ko-existierenden Realitäten sehen wir einen kleinen Teil. Wir sehen, was wir sehen können, was wir sehen wollen und was uns gezeigt wird. Als Sachbuch-Filmemacher ist es nicht meine Aufgabe, die Wirklichkeit so zu zeigen, wie sie ist. Das macht keinen Sinn, sie existiert nicht. Ich erschaffe eine Welt – einen Film – die aus realen Menschen in ihrer realen Umgebung besteht. […] Aber die Filmkunst kann zaubern, sie kann faktisches Wissen in etwas Überlegenes verwandeln: Erfahrung.“

Und das beschreibt auch schon den zweiten großen Widerspruch, dem „Epicentro“ nachgeht. Hubert Sauper versteht es, die Täuschung, die jedem Film innewohnen muss, genauso einfach und gleichzeitig doch tiefgreifend zu erklären. Er zeigt es am Beispiel der U.S.S. Maine, einem Kriegsschiff, das 1898 im Hafen von Havanna explodierte und den Kriegseintritt der USA als neue imperialistische Großmacht gegen die alte spanische Vorherrschaft veranlasste. Später stellte sich jedoch heraus, dass nicht die Spanier dafür verantwortlich waren, sondern dass es entweder ein Unfall oder sogar Selbstsabotage der Amerikaner gewesen war. Da die Explosion nachts stattgefunden hatte, wurde sie, um Bilder davon zu haben, später in einer Badewanne in New York mit ca. 30 Zentimeter großen Modellschiffen, Zigarrenrauch und kleinen Sprengköpfen nachgestellt, abgefilmt, veröffentlicht und verwendet, um damit in den Krieg ziehen zu können. Und Hubert Sauper zeigte diesen Ablauf „seinen“ kubanischen Kindern im Film, um damit mit ihnen auch ihre ihnen übertragene Geschichte der Insel zu hinterfragen.

Dass man sich mit einer solchen Arbeit auch Feinde schafft, liegt auf der Hand. Das weiß Hubert Sauper nur allzu gut aus seinen Erfahrungen in Afrika, die trotz der großen Erfolge seiner dort gemachten Filme, privat aufgrund von jahrelangen Prozessen, Anklagen und Drohungen einen hohen Preis von ihm verlangten. In Kuba kamen ihm diese Erfahrungen nun allerdings zugute. „Als Non-Fiction-Filmmaker gibt es ein paar Säulen, die man abdecken muss, bevor man überhaupt beginnt. Das Thema haben, die Filmsprache beherrschen, die richtigen Leute finden – und Zugang dazu haben. Ich habe ja viele Jahre in Afrika gearbeitet und kenne natürlich Resistenz und politische Verhinderung. In Kuba war es so, dass ich von Beginn an wusste, dass ich nicht undercover einen Film machen kann. Die sind ja topfit und wissen alles über alles. Ich wusste, dass meine Telefonate sicher mitgeschnitten werden. Ich hab mir gedacht, ich kann nur mit offenen Karten arbeiten, und habe eine Professur angenommen an der kubanischen Filmakademie, die von Fidel und (Gabriel) García Márquez als „Anti-Hollywood“-Filmschule gegründet worden ist. Die kannten meine Filme und hatten sie oft gezeigt.“

Diese offenen Karten werden aber von Hubert Sauper erfrischend menschlich, berührend, sehr poetisch neu gemischt – unter anderem auch durch den Gastauftritt von Oona Chaplin, der Enkeltochter von Charly Chaplin, die sonst vor allem aus ihren Rollen in „Avatar“ und „Game of Thrones“ bekannt ist und hier ungeschminkt, natürlich und wiederum beinahe privat mit den kubanischen Kindern die zeitlosen Filme ihres Großvaters ansieht, um Geschichten und Fiktionen zu erzählen, ohne konkrete Antworten auf die Fragen, die sie aufwerfen, vorzugeben.

Bei der Premiere in Villach wurde Hubert Sauper übrigens ebenfalls gefragt, was man denn dann bei den Problemen, die er so gekonnt vor den Vorhang holt, konkret tun könne. Seine Antwort war genauso ehrlich, reflektiert und achtsam, wie es seine Filme sind. „Ich wäre ein Reserveprophet, wenn ich behaupten würde, die Lösung zu wissen. Deswegen mache ich Filme – damit sich die Frage aufteilt und mehrere Menschen versuchen, eine Antwort zu finden.“

Silvia Ebner ist eine Erzählerin mit Leib und Seele. Ihr erstes Buch „Vom Sterben. Und Leben“ erschien im Sommer 2018 im Dolomitenstadt-Verlag und wurde gleich zum Bestseller. Die Sprachlehrerin arbeitet auch als Journalistin, Theaterautorin und Podcasterin.

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