Bereit für ein Haus der Kunst in Innsbruck?

Die Biennale „Innsbruck International“ antwortet mit einem temporären Guggenheim-Museum.

„Treffen wir uns beim Guggenheim am Marktplatz“, schreibt Tereza Kotyk auf meine Interviewanfrage zur fünften Kunstbiennale „Innsbruck International“. Nicht zu übersehen, erhebt sich vom 6. bis 22. Mai eine künstliche Nachbildung des New Yorker Guggenheim-Museums mitten im Innsbrucker Stadtzentrum, die vom Wiener Kunstkollektiv „God’s Entertainment“ eigenhändig aufgebaut wurde. Während des Festivalzeitraums werden die Künstler:innen im „GGGNHM“ selbst performen und diskursive Ausstellungen abhalten, wie es Kotyk stolz erzählt. Seit den Anfängen im Jahr 2013 ist sie Festivalleiterin und kuratiert zusammen mit Franziska Heubacher vom „The Soap Room“ das hochkarätige Kunstprogramm auf internationalem Niveau. Der Marktplatz ist nicht der einzige Ort in Innsbruck, wo im Mai internationale und nationale Positionen zusammenkommen. Im Interview gibt Tereza Kotyk persönliche Einblicke in das diesjährige Programm. 

Das Kunstkollektiv Gods Entertainment bläst eine Nachbildung des Guggenheim Museums als temporären Kunstraum in Innsbruck auf. Foto: God Entertainment

Wieso braucht es eine internationale Kunstbiennale in Innsbruck?

Als ich damals von England zurück nach Innsbruck gekommen bin, hatte ich schon das Gefühl, dass es hier eine Lücke gibt, was zeitgenössische Kunst anbelangt. Wenn man diese Perspektive aus England mitbringt, wo man schon allein, wenn man in ein Geschäft reingeht, nicht abzählen kann, wie viele Nationalitäten sich gerade in einem Raum befinden, dann kommt es einem in Tirol schon sehr eindimensional vor. Nicht, dass es hier nicht sehr gute Kunstinstitutionen und Galerien gäbe, aber ausgesprochen in diese internationale Richtung zu gehen, hat schon gefehlt. Mit der Biennale war es uns außerdem ein Anliegen, ein vielseitiges Programm an Musik, Kunst und Performance, auf einem Qualitätsniveau anzubieten, das international mithalten kann und zugleich eine Plattform für lokale Künstlerinnen und Künstler ist, die da hinaufgehoben werden.

Es ist also auch ein Anliegen, lokale Künstler:innen zu fördern?

Absolut. Wir haben daher auch den „Special Recognition Award“ geschaffen, um einer Tiroler Position die Möglichkeit zu bieten, entweder eine neue Arbeit zu produzieren oder eine Ausstellung zu haben. Das machen wir auch, um den ein oder anderen Künstler:innen einen gewissen Ruck geben zu können. Wunderschön war es zum Beispiel mit der Künstlerin Addie Wagenknecht, die international weit bekannt ist, aber wo niemand weiß, dass sie in Tirol lebt. Für sie war das ganz wichtig, dass sie hier was machen konnte, weil es ein Zeichen für sie war, dass sie bei uns auch anerkannt ist und man sie als Künstlerin wahrnimmt. Die Arbeit, die sie für die Biennale gemacht hat war in der Galerie A4 ausgestellt und wurde dann angekauft vom Haifa Museum in Israel. Das ist schön, wenn man mit der Biennale einen solchen Anstoß geben kann.

Seit den Anfängen im Jahr 2013 ist Tereza Kotyk Festivalleiterin der Biennale „Innsbruck International“. Foto: Misa Marek

Welche Themen haben derzeit in der zeitgenössischen Kunst Konjunktur? In den letzten Jahren sind die Natur und Kohabitation in den Mittelpunkt gerückt – ist das noch aktuell?

Ich glaube, dass wir in der Kunst noch gar nicht so weit weg sind vom Naturthema – es wurde nur von der Pandemie verdrängt. Wir sind gerade dabei, da halbwegs wieder den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und sind gerade alle sehr froh, dass wir uns wieder in der realen Welt bewegen. Aber wie schaut die reale Welt gerade aus? Einerseits haben wir Krieg, andererseits haben wir eine globale Klimakatastrophe vor uns. Warum sitzen wir hier und haben jeden Tag Angst, es könnte gleich der Regen über uns ausbrechen? Wir sind ständig in einem Zwiespalt von etwas. Ich glaube, dass uns all diese Themen noch stark beschäftigen werden. Auch das Thema der Arbeit, die sich im Zuge der Pandemie verändert hat. Wir können seither nicht mehr unterscheiden, wo Freizeit beginnt und wo Arbeit aufhört und das ist gefährlich, denn wenn es dann zu einer wichtigen Arbeit kommt, die man schnell machen muss, ist man schon fertig und merkt, dass man schon nicht mehr die Kraft dafür hat. Wir sind in der Gefahr, viele Dinge zu übersehen, die sich gerade in einer Schieflage befinden.

Fließt auch der Ukraine-Krieg inhaltlich in die Biennale ein?
Wenn, dann nur subtil. Wir haben das lange diskutiert. Das heißt nicht, dass wir persönlich nicht solidarisch sind. Ich weiß, dass unsere Künstlerinnen und Künstler ihre privaten Wohnungen zur Verfügung stellen, während sie da sind, jeder macht das auf seine persönliche Weise – und das ist gut so. Ich finde, das ist eigenes Ermessen, und das sollten wir aus der Pandemie gelernt haben. Wir sollten uns vielmehr in einer gewissen Toleranz üben, vor allem im Gespräch miteinander.

Warum steht die Biennale dieses Jahr unter dem Thema „COOKIE. Take a moment to review your privacy preferences.”?

Das Thema Cookie hat sich herausentwickelt aus dem Motto der letzten Biennale, 2020: „Human Capital“ – Wie kann Aktivismus in unserem Zeitalter aussehen? Wo fängt die Eigenverantwortung an? Wir wurden damals am 15. März durch den Lockdown unterbrochen und haben das Thema in der jetzigen Biennale mit „Cookie“ wieder aufgriffen – nämlich, weil wir uns verschoben haben: Wir sind mittlerweile richtig zum Human Capital geworden, weil wir in der Pandemie ja eigentlich nur mehr digital existierten, mit unserer ganzen Arbeitskraft, und weil wir uns heute nicht mehr die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, dass wir durch diese Hingabe ans Digitale eigentlich in der Verdopplung existieren. Und bevor wir uns die Zeit nehmen, irgendwelche Cookies durchzulesen, sagen wir lieber „ja“ und machen weiter. So haben uns Unternehmen, Firmen und politische Systeme alle wunderbar am Schirm, aber nur unter ihrer Perspektive.

Wie greifen die Biennale-Künstler dieses Thema auf?

Die bosnisch-mazedonische Künstlerin, Nada Prlja zum Beispiel hat speziell für die Georgskapelle beim Alten Landhaus eine Installation entwickelt und gebaut. Angelehnt an die Buttons, die man im Internet klicken muss, um die Cookies anzunehmen, sind diese zur Zustimmung in der Kirche ausgestellt. Dabei spielt die Gleichstellung von „I accept / I confess“ hinein – gerade in der Kirche, wo man auch nicht weiß, wem man eigentlich zustimmt, wenn man beichtet. Das ist ja auch im Internet so: Wem geben wir eigentlich unsere Zustimmung? Was ist denn heutzutage dieses Höhere, dem wir hörig sind?

Knüpft auch das Projekt „GGGNHM“ der Performance-Gruppe „God’s Entertainment“ daran an?

God`s Entertainment beschäftigen sich in ihrem Projekt mit dem Thema des Erinnerns. Wir haben sie eingeladen, weil wir immer auch diese Verdopplung mit der Stadt spielen – einem historischen Gebäude und einer zeitgenössischen Antwort, wir versuchen immer diesen Dialog aufzumachen. Wir haben hier das Guggenheim auf den Markplatz gestellt – einerseits ist es ein Zwilling vom echten Guggenheim – und es ist ein Museum, man kann drinnen Ausstellungen anschauen – gleichzeitig ist es eine Antwort auf eine lange Geschichte in der Stadt Innsbruck, wo es seit Jahrzehnten die Nachfrage gegeben hat nach einem Haus der Kunst, möglichst nah am Marktplatz und von einem Architekten wie Gehry. Also wir beantworten eine Sehnsucht, die schon in der Stadt vorherrscht.

Inwiefern beschäftigt sich die Gruppe mit dem Thema des Erinnerns?

God’s Entertainment beschäftigen sich in ihren Arbeiten immer wieder mit der Vergangenheit, weil sie die Gegenwart hinterfragen und damit aufzeigen wollen, wie die Zukunft aussehen könnte. Es gibt eine tolle Performance von ihnen, die auf der Biennale gezeigt wird. Sie heißt „Missing“. Dafür haben sie sich mit dem Innsbrucker Historiker Horst Schreiber in Verbindung gesetzt. Er hat sie dabei unterstützt, Fotografien von Personen aufzutreiben, die unter der Naziherrschaft in Tirol verschwunden sind und von denen man nichts mehr weiß. Sie arbeiten immer mit der Geschichte des Ortes, an dem sie auftreten, somit ist immer auch ein lokaler Bezug gegeben.

Die Biennale findet an unterschiedlichen Orten in Innsbruck statt. Was sind heuer die Besonderheiten, abgesehen vom Marktplatz?

Wir bespielen immer historische Kleinode und suchen darauf eine zeitgenössische Antwort – somit sind wir in einer Form immer im Dialog mit der Stadt. Darunter ist heuer wieder ein Ort, den wir sehr mögen und schon einmal bespielt haben: das Servitenkloster. Da gibt es einen Leidensweg der Maria, eine Art Kreuzgang. Wir haben auch wieder den historischen Musikpavillon im Hofgarten, wo wir einen Tanztag in Kooperation mit ImPulsTanz Wien veranstalten. Und auch in den Viaduktbögen unter der Eisenbahn gibt es Installationen von Jo Coupe und Ruben Aubrecht.

Worauf freuen Sie sich dieses Jahr am meisten?

Einerseits freue ich mich sehr, dass wir heuer am Markplatz sind – zentraler kann man in Innsbruck nicht sein. Ich mag es, dass die Leute rundherum vor Cafés sitzen und einfach nur schauen können. Sie kommen nicht um die Biennale herum, können aber auch wirklich in die Kunst eintauchen, wenn sie wollen und sich damit auseinandersetzen.

Außerdem freue ich mich heuer auf die tolle Mischung – Kunst, Tanz, Konzerte – es ist von allem etwas Großartiges dabei. Wir bringen unterschiedlichste Leute zusammen. Und da sind wir wieder beim Dialog: Ich glaube, dass die Biennale einen wunderbaren Dialog mit der Stadt führt und das ist auch die Aufgabe einer Biennale.

Brigitte Egger, geb. 1993, hat in Innsbruck Vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie studiert. Sie schreibt als freie Journalistin über Kunst und Kultur und ist auch selbst in der Kulturarbeit tätig.

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