Bernhard Astner streift durch seine Felder in Nikolsdorf. Die jüngsten Hagelschauer haben großen Schaden angerichtet. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Bernhard Astner streift durch seine Felder in Nikolsdorf. Die jüngsten Hagelschauer haben großen Schaden angerichtet. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

„Hoffentlich bleiben wir eine Zeit lang verschont.“

Weil sich die Erde erwärmt, stellt die Arbeit in und mit der Natur Osttirols Landwirte auf eine harte Probe.

Kaspar Trutschnig hat den ersten Schock verdaut. Er stapft durch die feuchte Erde weitläufiger Felder an der B100 in Nikolsdorf. Trutschnig kniet nieder, wühlt den Boden um und schüttelt den Kopf. Auf seinem Acker haben schwere Unwetter vor wenigen Tagen den Gutteil der Ernte vernichtet. „In diesem Ausmaß habe ich das noch nie erlebt“, sagt der 66-Jährige.

1987 hat er den Erbhof in Nikolsdorf übernommen und baut seither Erdäpfel an, die er direkt vermarktet. Von der heurigen Ernte ist nicht mehr viel übrig. „90 Prozent Schaden“, ruft Trutschnig aus dem Feld. Zu diesem Ergebnis sei die Versicherung gekommen. Die Schäden sind auch Tage nach dem Wolkenbruch noch sicht- und für Kaspar vor allem spürbar. Die Halme der Kartoffelpflanzen auf dem zwei Hektar großen Feld hängen geknickt auf den Boden.

Die Kartoffelpflanzen auf dem Feld von Kaspar Trutschnig wurden von den Hagelkörnern in Mitleidenschaft gezogen. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Ein paar hundert Meter entfernt bringt Bernhard Astner Stroh im Stall aus. Der Biobauer pflanzt auf insgesamt 30 Hektar rund um seinen Hof verschiedenste Saatgutsorten an. Auch Astners Felder blieben von den Hagelkörnern nicht verschont, wie er im Audiointerview erzählt:

Das Ausmaß der Schäden war letztendlich nicht so groß wie befürchtet, bei manchen Sorten ist jedoch nichts mehr zu retten. „Der Hanf ist ein Totalausfall“, seufzt Astner auf einer Bierbank vor seinem Reitstall. Das Dinkelfeld wurde zu 70 Prozent zerstört und auch der Roggen hängt in den Seilen. Mittlerweile haben sich zwar ein paar Felder von den Kapriolen erholt, doch die Bauern tröstet das nicht. Die Versicherung übernimmt die Kosten für das Saatgut, die mühevolle Arbeit wird nicht ersetzt. Jammern wollen sie aber keinesfalls, wie Astner und Trutschnig betonen.

Bernhard Astner im Roggenfeld. Die Getreidehalme hängen geknickt zu Boden. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

Das „Boiling Frog Syndrom“ lässt sich gut auf ihre Situation übertragen. Setzt man einen Frosch in heißes Wasser, so erzählt es die Parabel, springt er sofort wieder heraus. Erhitzt man den Topf mit kaltem Wasser hingegen langsam, bleibt der Frosch, obwohl es für ihn immer unbequemer wird. Er passt sich an und harrt aus. Viele Landwirte nehmen sich heute ein Beispiel an den Kaltblütern: Sie akklimatisieren sich und versuchen, sich mit ihrem Umfeld zu arrangieren. Gleichwohl bemerken sie, dass die Bedingungen immer schlechter werden.

Doch fällt das Wort Klimawandel, wird kaum ein Thema heftiger diskutiert als die Rolle der Landwirtschaft. Die Frage, ob der Agrarsektor Täter oder Opfer, Problemkind oder Schlüssel zur Lösung ist, wird von der Wissenschaft nicht einhellig beantwortet. Zehn Prozent der Treibhausgase, die in Österreich ausgestoßen werden, stammen aus der Landwirtschaft.

Renommierte Klimaforscher:innen warnen immer deutlicher vor den katastrophalen Auswirkungen der Erderwärmung. Astner, Trutschnig und viele andere Bauern bekamen sie kürzlich zu spüren. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Hagelgewitter übers Land zieht. Auf der HORA-Hagelgefährdungskarte, die mit Daten der ZAMG im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums erstellt wurde, liegen große Teile des Lienzer Beckens mittlerweile in der roten Zone. Auch Astners Hof steht in diesem Gefahrenbereich.

Die Hagelgefährdungskarte für das Lienzer Becken. Foto: Screenshot/HORA

Die Karte weist nicht direkt die Wahrscheinlichkeit von Hagelschauern aus, sondern vielmehr die zu erwartende Größe der gefährlichen Körner. Den Lienzer Talboden stufen die Expert:innen als rote Zone ein. Was das für die Menschen vor Ort bedeutet, erklärt der technische Kopf hinter der Warnkarte. „Die Stufe fünf ist die zweithöchste Gefahrenstufe. Hier werden künftig Hagelkörner mit einem Durchmesser von vier bis fünf Zentimetern niederprasseln. Das ist lebensbedrohlich“, findet Hans Starl vom Elementarschaden-Präventionszentrum klare Worte. Derart große gefrorene Wasserkugeln würden einen Fahrradhelm durchschlagen und zu „massiven Knochenbrüchen“ führen.

Die Prognose der Hagelkörner ist bei den jüngsten Unwettern in Nikolsdorf eingetroffen – die Schloßen, die Trutschnigs Knollen vernichteten, waren rund vier Zentimeter groß. Die Hagelkarte wirft auch historische Ereignisse aus. Schon 1997 zog ein Hagelgewitter mit der zerstörerischen Wucht der Stufe fünf über Lienz. „Wenn man nun bedenkt, dass wir mittlerweile zwei Grad mehr und dadurch 20 Prozent mehr Energie in den Wolken haben, muss man nur eins und eins zusammenzählen“, so Starl.

Hans Starl arbeitet an der Hagelwarnkarte mit. Foto: Elementarschaden-Präventionszentrum

Während die Felder der Landwirte auch in Zukunft den Launen der Natur ausgeliefert sind, bietet die HORA-Karte vor allem beim Schutz von Gebäuden eine Hilfestellung. Mit einem Klick auf den jeweiligen Standort und den daraufhin erscheinenden Link lassen sich sämtliche Materialien finden, die der jeweiligen Hagelgefährdung standhalten.

Vorbeugen ist besser als heilen. 2021 gingen in Oberösterreich die bisher wohl massivsten Hagelschauer nieder. Die horrende Schadensbilanz an Gebäuden wies damals 1,1 Milliarden Euro aus. Die Versicherungen sind alarmiert. Wie Christian Nuener, Leiter der Schadensabteilung der Tiroler Versicherung, erklärt, werden die Hagelschäden aufgrund der modernen Bauweisen immer teurer. „Zusätzlich ziehen die Hagelgewitter immer häufiger und in kürzeren Abständen auf“, so Nuener.

Christian Nuener leitet die Schadensabteilung der Tiroler Versicherung.

Die Nachfrage nach Sturmversicherungen sei vor allem dann groß, wenn der Hagel fällt oder der Schnee bereits auf die Dächer drückt. 2021 wurden bei der „Tiroler“ 6.000 Elementarversicherungen mehr abgeschlossen als im Vorjahr. „Im Schnitt bearbeiten wir zwischen 3.000 und 4.000 Unwetterschäden im Jahr. Kommen ein oder gar mehrere Großereignisse in einem Jahr – wie etwa die massiven Schneefälle im Bezirk Lienz 2021 – hinzu, steigen diese Schadenszahlen auf über 6.000 und höher.“

„Die Intensität der Unwetter wird zunehmen und die Intervalle werden kürzer.“

Hans Starl

Auch Hans Starl warnt vor den gravierenden Folgen des Klimawandels: „Die Intensität der Unwetter wird weiter zunehmen und die Intervalle werden kürzer. Das habe ich im Zuge meiner Tätigkeit erlebt. 2000 und 2009 hatten wir schwere Hagelschauer, die aber singulär aufgetreten sind. 2021 dauerte das Schauspiel vier Tage an.“ Der Weltklimarat IPCC hat bereits 2012 erkannt, dass sich Wetterextreme durch den vom Menschen verursachten Klimawandel verschlimmern und in Zukunft häufiger, länger und intensiver auftreten werden.

In Europa ist der Alpenraum eine der am stärksten von den Folgen betroffenen Regionen. Die Anzahl der Katastrophenereignisse stieg in den vergangenen Jahren spürbar an. Die Sommer werden trockener und heißer, während die Wolken am Himmel immer dunkler werden. Global und kontinental gilt die Landwirtschaft als größtes Klimaopfer. Die günstigen klimatischen Verhältnisse verschieben sich grob gesagt Richtung Norden. Für die Bauern im Lienzer Talboden verheißt das nichts Gutes. „Wir arbeiten nun einmal mit der Natur“, sagt Bernhard Astner. Bevor er wieder zurück in den Stall geht blickt er nach oben: „Hoffentlich bleiben wir eine Zeit lang verschont.“

Dolomitenstadt-Redakteur Roman Wagner studierte an der FH Joanneum in Graz und ist ein Reporter mit Leib und Seele. 2022 wurde Roman vom Fachmagazin Österreichs Journalist:in unter die Besten „30 unter 30“ gewählt.

6 Postings

isnitwahr

es wird nicht mehr allzu lange dauern und unsere Bauern werden gezwungen sein, bei Mais, Getreide und Kartoffel Hagelschutznetze wie im Obstbau zu verwenden.

 
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    multi 1

    Nicht jammern Mais Kartoffel haben sich gut erholt wachsen prächtig. Nur weil einmal ein kleiner Hagel Schauer durch Osttirol gezogen ist geht die Welt nicht unter

     
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Der Graukofler

Ich denke zurück an die Hochwasserkatastrophe von 1965 und 1966. Der Lienzer Talboden stand Land unter. Viele Tote waren in Osttirol zu beklagen. Heute würde man solche Ereignisse als Folge des Klimawandels bezeichnen. Damals hat niemand davon gesprochen.

 
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    Touristiker Nummer 1

    Das tut beim oben genannten Ereigniss auch niemand. Es geht um die Häufung von Extremereignissen. Zusätzlich war in den 1960er Jahren das Ausmaß des durch den Menschen mitverursachten Klimawandels noch gar nicht hinreichend erforscht. Die extremen Schneefälle vom Winter 2020/2021 kann man auch nicht dem Klimawandel in die Schuhe schieben. Die Häufung dieser Extremereignisse in den letzten vier Jahren jedoch schon.

     
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    tiroler85

    Deine Aussage, ein Klassiker hinsichtlich Klimawandel. Wie ausgeprägt war denn damals die Wildbachverbauung schon? Und tatsächlich wusste man damals noch nicht so viel über die Auswirkungen des industriellen CO2-Ausstoßes auf das Klima, zumindest nicht die breite Öffentlichkeit. Außerdem war damals der weltweite energiebedingte CO2 Ausstoß noch um ein Vielfaches geringer. Es geht auch nicht darum, dass es solche Extremereignisse, wie du sie beschreibst, nicht schon mal gab, es geht um die Frequenz wie oft die jetzt auftreten.

     
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Gregor Samsa

Boiling Frog Syndrom? Das letzte Kommentar von Herrn Astner ("Hoffentlich bleiben wir eine Zeit lang verschont.") lässt sich eher in die Kategorie "Vogel-Strauß-Prinzip" einordnen. Das soll jetzt kein Affront gegen Herrn Astner sein, eher mein Unverständnis dafür, dass sich gerade die Landwirtschaft als "größtes Klimaopfer" so wenig für einen nachhaltigen Klimaschutz einsetzt (nicht nur passiv in Form von Biolandbau) - oder geht das einfach nur an mir vorbei? Wieso stehen die nicht schon längst auf der Straße? Immerhin geht es um nichts weniger als um deren und unser aller Existenzgrundlage.

 
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