Alessio Lilli: „Es ist Zeit für komplett freie Gedanken“

Der General Manager der TAL sieht keine Öl-Lieferkrise und denkt über eine Zukunft ohne Rohöl nach.

Wer in Tagen wie diesen das Wort Erdöl in den Mund nimmt, kann mit Aufmerksamkeit rechnen. Alessio Lilli, General Manager der Transalpinen Ölleitung TAL, spricht von Berufs wegen gern über Rohöl und ließ bei einem Pressegespräch am 7. Juli in Lienz in mehrfacher Hinsicht aufhorchen. Die TAL ist mit Osttirol seit fast 60 Jahren eng verbunden, Lilli traf sich deshalb auch mit einigen Bürgermeistern des Bezirkes zum Gedankenaustausch. 

Die Transalpine Pipeline erreicht am Felbertauern, in einem Rohrleitungsstollen in 1.572 m Seehöhe, ihren höchsten Punkt, zu dessen Überwindung zwei Pumpstationen in Kienburg und in Gruben betrieben werden. Seit 1964 fließt der Rohölstrom auf seinem Weg vom Hafen Triest zu den Raffinerien in Ingolstadt und Karlsruhe auch unter den Wiesen und Äckern des Lienzer Beckens und des Iseltales hindurch. Unglaubliche 1,6 Milliarden Tonnen waren es in den vergangenen Jahrzehnten, bislang unfallfrei transportiert von 21.000 Öltankern in die Bucht von Triest und von dort im Rohr insgesamt 753 Kilometer weit nach Deutschland. 

Über Abzweigungen werden auch die ÖMV Raffinerie in Schwechat und die tschechischen Raffinerien in Kralupy und Litvinov beliefert. Durch die TAL-Pipeline fließen 90 Prozent des österreichischen Rohölbedarfs und immerhin 40 Prozent des Gesamtbedarfs aller deutschen Raffinerien. Baden Württemberg und Bayern erhalten sogar 100 Prozent der benötigten Rohölmenge über die TAL. 

„Wir sind nicht die beliebteste Industrie, aber wir liefern problemlos an alle, die fossile Energie brauchen“, erklärt Alessio Lilli (links), General Manager der Transalpinen Ölleitung TAL. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Angesprochen auf die aktuelle Energieverknappung durch die Auswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine erklärt Lilli: „Wir sind nicht die beliebteste Industrie, aber wir liefern problemlos an alle, die fossile Energie brauchen.“ Ein großes Wort. Vor wenigen Wochen unterbrach Russland den Ölfluss aus Kasachstan in Richtung Triest und damit auch in Richtung Österreich. Ein für den Export von kasachischem Erdöl bestimmtes Terminal in der südrussischen Hafenstadt Noworossijsk am Schwarzen Meer wurde gesperrt. 

„Kein Problem“, beruhigt der Pipeline-Manager: „Der Rohölmarkt ist ziemlich flüssig und reorganisiert sich laufend.“ Aktuell gebe es nicht nur im Schwarzen Meer sondern auch in Libyen Probleme. Die 420 Riesenschiffe, die jährlich im Hafen von Triest ihre Ölladung löschen, gehören aber Ölproduzenten aus aller Welt. Lieferanten in Mittelamerika oder Afrika können jederzeit einspringen.  

Könnte die TAL ihre Liefermenge denn auch erhöhen, zum Beispiel dann, wenn bei Gasverknappung mehr Rohöl benötigt würde? Auch das sei aktuell möglich, versichert Lilli. Das Liefervolumen der TAL war in den beiden Covid-Jahren 2020 und 2021 nämlich niedriger als noch 2019. Die Jahresmenge sank von rund 42 auf 39 Millionen Tonnen. Auch deutlich höhere Mengen wären bei Bedarf denkbar, obwohl der Querschnitt der Pipeline ihren Durchfluss begrenzt. Lilli: „Wir könnten aber die Fließgeschwindigkeit des Öls erhöhen. Seit einer Woche haben wir die Genehmigung, bis zu 7500 Kubikmeter pro Stunde zu transportieren. Derzeit sind es 6200 Kubikmeter.“ Bei schnellerem Durchfluss wären auch mehr als 50 Millionen Jahrestonnen denkbar, allerdings müssten dafür auch stärkere Pumpen her. 

Wesentlich intensiver als der Wunsch nach mehr Öl beschäftigt den italienischen TAL-Boss allerdings ein anderes Szenario. Auch Alessio Lilli weiß, dass die Welt am Ausstieg aus dem Öl arbeitet und das Geschäftsmodell der TAL daher wohl neu gedacht werden muss. „Die Menschheit wechselt zum vierten Mal in ihrer Geschichte die primär verwendete Energie. Erst war es Holz, dann Kohle und seit etwa hundert Jahren sind es Erdöl und Erdgas. Für die ersten drei Energiequellen hat man sich aus ökonomischen Gründen entschieden. Der vierte Wechsel ist eine politische Entscheidung, die aus Gründen der Nachhaltigkeit getroffen werden muss.“ 

Den Mann aus dem Ölbusiness erschreckt das nicht. Im Gegenteil: „Es ist Zeit für komplett freie Gedanken“, betont Lilli. Das sei „super interessant und faszinierend.“ Das Rohr, durch das heute ausschließlich Öl fließt, könne man nämlich auch als eine Art Straße denken, als Transportstrecke mit zwei Richtungen, die auch andere Elemente von A nach B liefern könnte. Datenleitungen sind teilweise schon jetzt ein Thema, auch eine Stromtrasse hält Lilli für nicht ausgeschlossen. Vieles sei denkbar, eines nicht: Gas statt Öl kann nicht durch die Pipeline gepumpt werden. Der technische Aufwand der Umstellung sei so hoch, „dass es günstiger wäre, daneben ein zweites Rohr zu verlegen.“

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe und Kommunikationswissenschafter arbeitete Jahrzehnte als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er mit seiner Familie im Jahr 2000 nach Lienz zurückkehrte und dort 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief.

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