Das Leben im Altenheim in Zeiten der Pandemie

Ein Erfahrungsbericht nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr im Ausnahmezustand. 

Nach der Matura am Gymnasium in Lienz beschloss Caterina Schilirò aus Kötschach-Mauthen, nicht gleich ein Studium in Angriff zu nehmen, sondern zunächst ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu absolvieren und unterstützte in dieser Zeit das Team eines Altersheimes in der Stadt Salzburg. Ihre Erfahrungen aus dem Betreuungsalltag in Zeiten der Pandemie schildert die junge Dolomitenstadt-Autorin in diesem Beitrag.


Der Sozial- und Gesundheitsbereich bleibt ein Problembereich. Zu wenig Förderungen, zu wenig Personal, zu wenig Wertschätzung für die vorhandenen Pflegekräfte, zu viel sinnlose Bürokratie. Gekrönt wird all jenes von den Folgen der Coronakrise und dem fordernden Druck auf das System. 

In den letzten zehn Monaten – Oktober 2021 bis Juli 2022 – durfte ich im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres Teil des Betreuungsteams in einem städtischen Seniorenwohnheim des Magistrat Salzburg werden. Diese zehn Monate waren „coronatechnisch“ ereignisreich. Im November wurde ein erneuter österreichweiter Lockdown ausgerufen, verschiedenste G-Regeln kamen und gingen, es kam zu besorgniserregenden Personalmängeln und bevölkerungsspaltende Demonstrationen thematisierten die – nun wieder abgeschaffte – Impfpflicht. Im Altersheim haben das alle Gruppen gespürt. 

Es herrschte viel Verwirrung, Unwissenheit, immer auch ein bisschen Angst und Sorge. Zum ersten Mal – meine Lockdownerfahrungen beschränkten sich damals auf das „distance-learning“ – konnte ich während eines Lockdowns, während bestehender Ausgangsbeschränkungen, das Haus für die Arbeit verlassen. Neben den Anstrengungen, die das Personal unter diesen Umständen leisten musste, sah ich zum ersten Mal mit eigenen Augen, wie intensiv sich diese Krise auf die älteste Bevölkerungsschicht auswirkte. 

Lockdowns, Besuchereinschränkungen und Hygienevorschriften während der Covid-Pandemie hatten sehr spürbare Auswirkungen auf die Bewohner:innen von Seniorenheimen. Foto: Unsplash/Danie Franco

Lockdowns, Besuchereinschränkungen und Hygienevorschriften bildeten eine massive, emotionale Hürde für Bezieherinnen und Bezieher von sozialen Leistungen – in meinem Fall: im Altersheim lebende Menschen. Ich beobachtete vor allem, dass lange Besuchseinschränkungen oder gar Besuchsverbote eine deprimierende und allgemein dekonstruktive Wirkung auf die Bewohnerinnen und Bewohner hatten. 

So zeichneten sich durch mangelnde Besuche beziehungsweise fehlenden engen, menschlichen Kontakt oder bei hohen Infektionszahlen im Heim durch Isolation im eigenen Zimmer schon nach kurzer Zeit – etwa nach dreiwöchigem Lockdown – die ersten Rückschritte auf gesundheitlicher und sozialer Ebene. Bewohnerinnen und Bewohner verschlossen sich emotional, verloren den Sinn für Gesellschaft und Zeit und zu der tiefen Einsamkeit gesellte sich eine wachsende, anhaltende Sinnlosigkeit und Unlust für jedwede Aktivität. 

Beispielsweise behielten in meiner Einsatzstelle viele Senioren, selbst nach Ende der „Zimmerisolation“ die Gewohnheit bei, ihre Mahlzeiten weiterhin allein im Zimmer einzunehmen und waren in den meisten Fällen seltener oder gar nicht mehr für soziale Aktivitäten zu begeistern. Zuvor waren öffentliche Räume wie das heimeigene, gut besuchte Cafè, der Speisesaal oder Turnsaal für Physiotherapie und Gedächtnistraining wegen der vielen Coronafälle unbefristet geschlossen, später aber wieder geöffnet worden.

Mehrmals ist mir sogar – natürlich aus einer laienhaften Perspektive – ein medizinischer und körperlicher Abbau aufgefallen, der sich für mich besonders durch abnehmende Körperhygiene oder größeren Unterstützungsbedarf bei zuvor durchaus überwindbaren physischen Leistungen (Anziehen, Toilettengang, Medikamenteneinnahme) äußerte und das scheinbar ohne einen – zumindest für mich – logischen, medizinischen Grund (etwa Sturz, Infektion, Krankheit, usw.). Gespräche mit meinen Kolleginnen und Kollegen des Betreuungs- und Pflegeteams stärkten diese These in vielerlei Hinsicht und es verblüffte mich wahrzunehmen, dass es sich hier wohl um ein neues Phänomen handelte, verursacht durch diese lange und schwer zu handhabende Pandemie.  

Selbstverständlich darf nicht aus den Augen verloren werden, dass der körperliche und geistige Abbau in einem Altenheim Alltag ist, Krankheit und letztendlich der Tod die Gegenwart der Mitarbeiter und die einzige Zukunft der Bewohner sind. Es bleibt jedoch eine erwähnenswerte Entwicklung und für mich eine Neugier weckende Thematik. 

Im Wesentlichen manifestierte sich die Vermutung, dass die Einsamkeit und die Angst vor dem Virus für gewisse Verschlechterungen der Bewohnerinnen und Bewohner verantwortlich seien, jedoch durch die Tatsache, dass glücklicherweise nach Ende der Isolation und nach erneutem Miteinander viele Senioren wieder zu ihrer vorherigen Verfassung – körperlich wie geistig – zurückkehrten und wieder zunehmend selbstständig wurden. 

So saßen gewisse Bewohner, die während des Lockdowns kaum allein den Arm in den Jackenärmel stecken konnten, morgens wieder wie zuvor fix fertig angezogen, gewaschen und wohlgesinnt am Frühstückstisch. Andere begannen wieder regelmäßiger und genüsslicher zu essen und wieder andere sah man nach langer Abwesenheit durch den Park spazieren und Umwelt und Natur wieder aktiver wahrnehmen. 

Die Gesprächsthemen wandelten sich, man konnte endlich wieder ohne Erwähnung des Virus Smalltalk führen und im Allgemeinen erinnerte an manchen Tagen bis auf die MNS-Maske der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer weniger an die düsteren Tage des Lockdowns. Letztendlich war leider auch dies nur ein Aufatmen zwischen zwei Tauchgängen, denn die nächste Infektionswelle mitsamt Zimmerquarantäne und täglichem Testen kam, dann wieder Aufatmen, dann wieder Abtauchen. Das Hin und Her der letzten Jahre eben. 

Dennoch kann man also anscheinend davon ausgehen, dass (pandemiebedingte) Isolation den Abbau aller Leistungen – körperlich sowie sozial – beschleunigt. Zumindest schien mir letzteres die logischste Schlussfolgerung meiner Beobachtungen und Erfahrungen.

Ich bin mir bewusst, dass die Pandemie auf alle – auf die eine oder andere Weise – ihre Auswirkungen hatte, hat und haben wird. Jeder Bereich ist betroffen, besorgt, bedroht. Die Perspektive „anderen geht’s schlechter“, „andere haben’s schwerer“ ist fehl am Platz. Eine Diskussion über Effekte, Bilanzen, Konsequenzen dieser Krise in den verschiedenen Bereichen sind aber meiner Meinung nach immer angebracht, um besser verstehen zu können, was diese Zeit mit uns macht und wo sie uns hinführen wird. 

Der Freiwilligendienst im Altersheim hat mich vieles gelehrt. Nicht zuletzt, dass kein Alter, keine Ausbildung, kein Geld dieser Welt vor den großen Bedrohungen des Lebens schützen. Dass jeder vulnerabel ist und niemand vorher schlauer ist als nachher. Ich schätze diese Erfahrung sehr und bin meinen Kolleginnen und Kollegen, die mir einen so tiefgründigen und authentischen Einblick in ihren Alltag ermöglicht haben, wirklich dankbar. Diese Menschen leisten jeden Tag einen RIESIGEN Beitrag für die Gesellschaft – das dürfen wir nicht mehr länger als selbstverständlich hinnehmen!

Caterina Schilirò stammt aus Kötschach-Mauthen, hat das BG/BRG in Lienz absolviert und studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien. Sie zählt als freie Autorin zum Team von dolomitenstadt.at.

3 Postings

iwases@

Da schließe ich mich @genaugenommen gerne an, auch bzw. vor allem, was das FSJ betrifft, wobei ich das "F" (für "freiwillig") relativieren bzw. durch ein "V" (für "verbindlich" oder "verpflichtend") ersetzen möchte. Jeder Mensch, der in Österreich eine kostenlose Schulbildung erhalten hat, sollte der Allgemeinheit, die das finanziert, ein Jahr seiner Jugendzeit kostenlos zur Verfügung stellen, sei es in Form von Wehrdienst, Zivildienst oder eben von sozialer Betätigung bzw. Dienst für die Allgemeinheit. Welche Partei traut sich dieses "heiße Eisen" anzufassen?

PS: In weitere Folge wäre auch ein VSJ als Übergang zum wohlverdienten Ruhestand anzudenken.

Und: Endlich auch einmal ein Beitrag, der im C-Thema nicht polarisiert (siehe z.B. "Oö. Ärztin") - DANKE, Caterina!

 
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    Tantanna

    Ein "Freiwilliges Soziales Jahr" sollte auch freiwillig bleiben. Denn es besteht die Gefahr, die knappen Haushalte in den einschlägigen Branchen durch das "Ehrenamt" abzufedern, anstatt den Beruf – auch finanziell – attraktiver zu machen.

    Der Zivildienst ist jetzt schon ein Dreiviertel Jahr verpflichtend, und den Wehrdienst um ein halbes freiwilliges Jahr zu verlängern hieße doch wohl nichts anderes, als die ohnehin schon bestehende Möglichkeit des Ausbildungsdienstes auf sämtliche Grundwehrdiener auszuweiten.

    Danke an die Autorin dieses Beitrags, deren soziale Musikalität eine ganz außergewöhnliche ist.

     
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genaugenommen

Eine toller Erfahrungsbericht. Ich ziehe auch den Hut vor jungen Menschen die ein Freiwilliges (Soziales) Jahr absolvieren. Ich bin auch der Meinung dass diese FSJ nicht ganz freiwillig sein soll und für weibliche und männliche Jugendliche gelten sollte. Es sollte im weiteren Leben auch Vorteile für Absolventen des FSJ geben.(zBp. Anrechnung der Pensionszeiten ev. sogar doppelt)

 
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