„Ich habe Respekt vor dem Wolf“

Silvana und Hanna, zwei Schweizer Hirtinnen, erzählen von ihrer Sommersaison auf der Alp.

Herdenschutz mit einer wiederbelebten Hirtenkultur zu verbinden, das ist der Schweizer Weg, Schafe vor Wolfsangriffen zu schützen. In Graubünden, einem Kanton im Osten der Schweiz, werden rund 80 Prozent der gealpten Schafe ständig behirtet. Schafhirten und Hirtinnen werden für den Erhalt der Artenvielfalt und der Tiergesundheit eingesetzt. Auch im Falle, dass Großraubtiere in der Nähe sind, müssen sie dafür sorgen, dass die Herde in Sicherheit ist, vor allem in der Nacht. Arbeit, Privatleben, Freizeit, alles spielt sich auf der Alp ab. Für Silvana und Hanna ist es genau dieser Aspekt, der den Beruf als Hirtin so attraktiv macht.

Silvana S. spürt sich selbst auf der Alp mehr und konzentriert sich aufs Wesentliche. Foto: Silvan Pawli

„Ich hab Respekt vor dem Wolf“

Die 22-jährige Silvana S. ist Tierpflegerin und Hirtin. Sie liebt das Hüten so sehr, dass sie im Sommer auf die Alp geht und im Winter mit der Schafherde auf den Winterweiden im Schweizer Unterland herumzieht. Silvana erzählt:

Die Alp erstreckt sich über zwei Täler im Graubünden. Wir hüten dort 800 Schafe. Die Unterkünfte sind ein wenig improvisiert. So auf 2.000 Metern Höhe steht ein Container, ein Container wie auf einer Baustelle, mit Küche, Bett und Heizung. Weiter unten, in der Nähe des Stausees, haben wir noch einen Wohnwagen. Eigentlich ist es eine Ein-Person-Alp, aber ich mache es zusammen mit einer Kollegin. Deshalb hab ich eine Jurte organisiert, denn zu zweit wär es sehr eng. So haben wir auch was zum Anbieten, wenn Gäste kommen.

Es gibt schon ein Wolfsrudel in der Nähe. Angst hab ich nicht, nein (Pause, kurzes Lachen). Ja, ich weiß es ned. Ich red mit vielen drüber, ich hab Respekt vor ihm. Aber ich hab eher das Gefühl, dass er scheu ist.

Wir haben in der Schwyz abgestimmt, ob wir den Wolf wollen oder nicht. Aber in jedem Fall haben wir ihn jetzt da, und wir müssen mit ihm umgehen. Von dem her macht Herdenschutz schon Sinn. Die Frage ist einfach, wie gut das funktioniert und wie schnell die Population wächst. Den Frust, und den Willen, ihn abzuschießen, verstehe ich schon auch bis zu einem gewissen Grad. Ich hab keine ganz klare Meinung zum Wolf. Aber ich geh‘s pragmatisch an.

Hanna B. meistert ihre Aufgabe trotz jungem Hirtenhund. Foto: Hanna B.

„Dort oben kann ich Momente aufsaugen“

Hanna B. ist 37 Jahre alt und diesen Sommer mit einer Schafsherde auf der Alp. Sie ist Hirtin mit Leib und Seele, manchmal im Winter, manchmal im Sommer. Hanna erzählt:

Im Herbst vor einem Jahr ist meine Hündin gestorben.  Sie war meine Partnerin. Wir waren so eingespielt, dass ich auch in Stresssituationen wusste: Wir meistern das. Hüten geht einfach nicht ohne Hund. Jetzt hab ich ihren Sohn, aber mit ihm hab ich noch nicht so viel Hüterfahrung.

Wenn ich einen Sommer unten im Tal bin, dann ist plötzlich der Sommer vorbei. Wenn ich auf der Alp bin, dann erleb ich ganz viel Zeit, und ich spüre mich in der Zeit. Ich habe das Gefühl, ich hab mehr Zeit als wenn ich unten bin, wo eigentlich viel mehr passiert. Hier oben kann ich einfach Momente aufsaugen, so Momente von Ewigkeit. Sich als ein Teil dieser Natur fühlen und nicht ein Mensch sein, der sich drüber stellt. Ich bin ein Teil des Universums, egal wie viel Karriere ich mache oder nicht. Leider kann ich nicht jeden Sommer auf die Alp gehen, weil es sich mit meinem Zweitberuf schneidet.

Wahnsinnig schön ist, wenn man zusammenwächst mit der Herde und immer mehr Vertrauen da ist. Wenn man jetzt dann gegen Herbst hin so gut zusammengearbeitet hat, dass die Schafe anfangen nach Hause zu drehen, wenn es Abend wird, und wenn ich von weitem rufen kann und sie kommen, das sind sehr schöne Momente.

Elisabeth Förg ist Expertin für internationale Entwicklung mit den Schwerpunkten ländliche Entwicklung und Westafrika. Sie findet man kann nicht oft genug über die Grenzen schauen. Seit einigen Jahren lebt sie als freie Journalistin in Tirol und versorgt sich ganzjährig mit eigenem Gemüse, von Artischocke bis Zwiebel.

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Man kann nur hoffen, dass der Wolf sich noch länger von dieser Alm fern hält. Mit der Herdenschutz-Romantik dürfte es sonst sehr schnell vorbei sein.

 
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