„Haben Sie Feuer?“ – Was uns zu Menschen macht

Wer die Brennstoffe kontrolliert, kontrolliert seit jeher die Gesellschaft.

„Haben Sie Feuer?“ Die Bitte war kurzzeitig aus der Mode gekommen. Heute ist sie aktueller denn je. Immerhin hat sie das Potenzial, als degeneriertes Relikt des Lagerfeuers früher Kulturen, für eine Zigarettenlänge Gemeinschaft zu stiften. Als Befehl formuliert bewirkt sie das Gegenteil, etwa so, wie es die Tiroler Landeshymne mit Andreas Hofers letzten Worten besingt. Feuer spielte schon immer die tragende Rolle bei der Errichtung, der Erhaltung und der Bedrohung des Zusammenlebens von Menschen. Und es ist – zwischen Werkzeuggebrauch und Jenseitsvorstellung – eines der wenigen Merkmale, welche den Menschen vom Tier unterscheiden.

Der Besitz eines Feuerzeuges galt einst als Sinnbild des Menschseins. In handlicher Form und günstig erhältlich, brachte es die Komponenten, die zur Erzeugung von Feuer erforderlich sind, in das nötige Wechselverhältnis: den Brennstoff, Gas oder Benzin, den Sauerstoff aus der Luft und die Zündtemperatur, hervorgebracht durch mechanische Reibung am Zündstein. Die Fähigkeit, so ein „Verbrennungsdreieck“ zu kontrollieren, gilt als erstes Datum der Menschheitsgeschichte. Aber ist es vielleicht auch das letzte? Wir werden sehen.

Feuer kann töten, wärmen oder für eine Zigarettenlänge Gemeinschaft stiften. Foto: Auckland Museum, CC BY 4.0, Wikimedia Commons

Das wahrscheinlich über eine Million Jahre alte Heldenstück eines Repräsentanten der Art Homo erectus, einen durch Blitzschlag entflammten Ast ergriffen und damit, begleitet von teils panischem, teils triumphalem Geschrei seiner Gefährten, weitere Gegenstände angezündet zu haben, bleibt eine ergänzungsbedürftige Vorstellung, solange man nicht auch mit Personen rechnet, die es verstanden, das Feuer zu hüten und bei Bedarf auch wieder zu löschen: durch Unterbindung der Sauerstoffzufuhr, durch Kühlung oder durch Eliminierung des Brennstoffs. Den Zeitpunkt, zu dem erstmals die eigenhändige Erzeugung von Feuer gelang, kennen wir nicht.

Bekannt ist hingegen, dass wir mit unserem nächsten Verwandten, Pan troglodytes, dem gemeinen Schimpansen, 98,7 Prozent unserer Gene gemeinsam haben. Für einen positiven Vaterschaftstest reicht das bei weitem nicht aus, es legt aber den Schluss nahe, dass die Voraussetzungen zur Beherrschung des Feuers in den restlichen 1,3 Prozent zu lokalisieren sind. Dann wären sie erblich. Andererseits ist schon in Charles Darwins „Abstammung des Menschen“ von Tabak rauchenden Affen zu lesen, einem Laster, das ihnen vom nächsthöheren Wesen auf der Scala Naturae beigebracht wurde.

Sich aus der menschlichen Perspektive ein „höheres Wesen“ innerhalb der Natur vorzustellen – als Dämon oder Elementargeist – ist die Sache von Mythen, Märchen und Sagen. Philosophisch ist ein solches aber nur übernatürlich, naturwissenschaftlich hingegen überhaupt nicht zu denken. Die im Pantheismus erstrebte Annäherung der Erklärungsmodelle wird mit dem Verlust eines personalen höheren Wesens bezahlt. Es erscheint aber nicht abwegig, Erzeugung, Gebrauch und Verwaltung des Feuers der Schwarmintelligenz eines Superorganismus, der sozialen Gemeinschaft von Individuen zuzuschreiben, die als einzelne und für sich dazu nicht in der Lage gewesen wären. 

„Von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“, lautet die Maxime der aufgeklärten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, die auf Eigenverantwortung und Mündigkeit des einzelnen Bürgers sowie auf Effizienz und technische Machbarkeit dringt. Fossile Brennstoffe ersetzen das Holz der Bäume, auf die der Mensch nie wieder zurückwill. Wer die Brennstoffe kontrolliert, kontrolliert die Gesellschaft. Schleichend übernehmen die praktischen Konsequenzen der Naturwissenschaften, Technik und Industrie, die Rolle des Mythos, der in früheren Kulturen den Mitgliedern einer Gesellschaft Identität und Geborgenheit gab. Durch das Eisenbahnnetz und die Dampfschifffahrt wird das Feuer zum Hauptenergieträger der Globalisierung. 

Umgekehrt aber wird auch seine Erzeugung erleichtert und in die Hand des Individuums gelegt. Dass jedoch auch im Zeitalter der Technik die Beherrschung des Feuers noch lange kein Kinderspiel war, lehrt der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann, der zur Illustration seiner Warnung in der zweiten Auflage des „Struwwelpeter“ gar eine Repräsentantin seiner Zielgruppe abfackelt: „Es brennt die Hand, es brennt das Haar, es brennt das ganze Kind sogar.“  Zum Zeitpunkt des Erscheinens der „Gar traurigen Geschichte mit dem Feuerzeug“, 1846, waren Streichhölzer eine brandneue Erfindung – und brandgefährlich. 

Das handliche Taschenfeuerzeug geht auf eine Erfindung des Österreichers Carl Auer v. Welsbach zurück, dessen Portrait auf dem Zwanzigschillingschein 1967, gemessen an der heutigen Kaufkraft, immerhin acht Euro dreißig wert war. Als Abfallprodukt seiner Experimente mit Gasglühstrümpfen hatte Auer v. Welsbach das „Auermetall“, eine Legierung aus Cer und Eisen, entdeckt. 1903 ließ er es als Zündstein für die Feuerzeugindustrie patentieren. Der Zündmechanismus jedoch, ein Rad, das durch Reibung winzige Teile aus dem funkenliefernden Material herausreißt, die an der Luft dann entflammen, war den Schusswaffen des 16. und 17. Jahrhunderts abgeschaut.

Ohne den Krieg als Vater aller Dinge beschwören zu wollen, sind wir unversehens wieder am Ausgangspunkt unserer Überlegungen angelangt: bei dem Begehren nach Feuer – als Bitte oder als Befehl formuliert.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

17 Postings

c.haplin

Übrigens - zwischen Mareigl und dem Feuer liegen exact 48 Randnotizen! Das macht in Summe 50!!!! Randnotizen. 50 mal beste Unterhaltung & 50 mal viel Aufferderung zur Reflexion erhalten! Mille Grazie lieber Rudi - andererseits entspricht dies der Anzahl der Postings von @senf & @Chronos/Tag...

 
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c.haplin

Na dann ist die Zukunft ja gesichert! Weitere 50 Randnotizen von Rudi (Danke nochmal für´s DU!!!), Chronos bekommt das Kommunalpolitikressort, Senf bekommt das "Blanik- und Kraftwerksverfechterressort", Raphael Pichler das "Fundierterechercheressort" und iwases@ gestaltet die Witzeseite! Dann kann Herr Pirkner in Zukunft viel öfter direkt vom Tristachersee berichten! DANKE

 
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    senf

    @c.c:

    danke für das vertrauen 👏

     
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spitzeFeder

Wunderbar geschrieben, ein Lesegenuss. Danke dafür.

 
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    RosemarieB

    @spitze Feder: Schließe mich Ihnen gerne an und auch den Zeilen von @Chronos Lesegenuss pur - danke

     
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Chronos

Jemanden Feuer unterm Hintern machen. Die einen spielen mit dem Feuer, die anderen gehen lieber auf Nummer sicher und haben gleich mehrere Eisen im Feuer. Für etwas Feuer und Flamme sein. Sich die Finger verbrennen. Feuer fängt mit Funken an. Für jemanden durchs Feuer gehen. Eine Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Ein gebranntes Kind scheut das Feuer. Öl ins Feuer gießen. Das Feuer schüren...

Nach dem Befehl: Gebt Feuer! …ein letztes Aufbäumen eines Tiroler Volkshelden: "Ach, wie schießt ihr schlecht!" Immerhin haben es diese Worte in die Tiroler Landeshymne geschafft. Historische Belege gibt es dafür aber keinerlei. Deshalb, lege ich für das Vorgenannte meine Hand nicht ins Feuer!

Das Wort "Feuer" hat ein starkes Symbol. Es steht für Macht und Kraft, für Zerstörung und Liebe. Feuer hat die Menschheit und damit unseren Planeten verändert!

"Haben Sie Feuer?" Was man historisch über Feuer schreiben kann, beweist uns Herr Ingruber in seinen interessanten Randnotizen!

 
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    miraculix

    Vielleicht bekommmt @Chronos auch bald eine Kolumne auf dolomitenstadt.at - wäre sich aus lesenswert...

     
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      iwases@

      @Chronos hat doch schon viele Kolumnen, zumindest wenn man Ihre ausführlichen Beiträge zusammenfasst. Gemeinsam mit ihrem "Bauchpinsler" @senf stellen sie schätzungsweise ein Viertel aller Formusbeiträge!

       
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      Chronos

      Nun liebe @iwases, es freut mich besonders, dass gerade Sie, @senf`s und meine Beiträge fleißig lesen! ...@?

       
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      senf

      iwaseset ist wohl ein besonderer spassvogel - nur er wases et 😊

       
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      iwases@

      @Chronosenf: ... "Beiträge fleißig lesen" - ja, wenn's nicht zu lange dauert?

      Liebe Grüße, euer 🤡🕊!

       
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tantmarie

Damals, als ein Euro noch keine zwei-Schilling-fünfzig wert war, habe ich all meine Besorgungen zu Fuß oder sogar mit dem Fahrrad gemacht. Das hat mir einiges an Energie abverlangt. Heute fahre ich alles mit dem Auto, so spare ich nicht nur sehr viel Energie, sondern auch Zeit, welche in meinem Alter fast noch kostbarer, sozusagen unbezahlbar, ist. Da der Staat, so heißt es, im Gegensatz zu mir, auf der Suche nach einem geeigneten Deckel für den Treibstoff noch nicht fündig geworden sei, hat er mir 500 Euro Klimageld überwiesen. Somit kann ich künftig noch mehr Energie sparen und dazu auch einen Beitrag für die Umwelt leisten.

 
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    Tantanna

    Der Staat hat immerhin einen Deckel für deinen Kochtopf gefunden! Spart auch Zeit und Energie.

     
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    Biker

    Der Staat hat mir 500,-- Euro geschenkt wohlwissend dass ein großer Teil des Geldes sofort über Steuern wieder in die Staatskasse zurückwandert. Wenn ich das Geld fürs Tanken verwende dann sind das ca. 50%.

     
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TW-WU

"In den USA wurde deutlich, worauf die sogenannten Konservativen, die in Wahrheit primär willfährige Handlanger der Öl-, Gas- und Kohleindustrie sind, seit vielen Jahren hinarbeiten: auf die Möglichkeit nämlich, ihre planeten- und damit zivilisationszerstörenden Geschäftsmodelle vor möglichst jeder Einschränkung zu beschützen..."

https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/supreme-court-urteil-im-wuergegriff-der-feinde-der-menschheit-kolumne-a-b5397f8a-415b-4787-a3b3-e189b243273d

 
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    Tantanna

    Passt auch gut dazu: https://www.dolomitenstadt.at/2020/04/24/von-1980-bis-heute-die-wahre-klimaluege/

     
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      Raphael Pichler

      Dankeschön!😊

       
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