Eine neue Studie der Uni Innsbruck zeigt: Depressionen lassen sich möglicherweise am Kortisolspiegel in den Haaren nachweisen. Foto: unsplash/Ward

Eine neue Studie der Uni Innsbruck zeigt: Depressionen lassen sich möglicherweise am Kortisolspiegel in den Haaren nachweisen. Foto: unsplash/Ward

Depressionen in Haaren biologisch nachweisbar?

Stresshormon Kortisol als Indikator für personalisierte Medizin und Suizidprävention.

Über fünf Prozent aller Österreicher:innen leiden unter einer Depression. Über die biologischen Grundlagen dieser Krankheit ist jedoch nach wie vor wenig bekannt. In einer neuen Studie haben Wissenschafter:innen rund um Alexander Karabatsiakis vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck nun einen starken Zusammenhang zwischen der Schwere einer Depression und dem Gehalt des Stresshormons Kortisol in Haaren beobachtet. Die Messung des Haarkortisolspiegels könnte einen wichtigen Ansatz für personalisierte Medizin und auch in der Suizidprävention darstellen, die bei schweren Depressionen sehr wichtig ist.

Das Stresshormon Kortisol ist im menschlichen Körper an lebenswichtigen Vorgängen beteiligt. Bei psychischer Belastung, aber auch bei psychiatrischen Erkrankungen, wird es verstärkt ausgeschüttet und dabei unter anderem in den Haaren gespeichert. Studien haben bereits gezeigt, dass Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, einen erhöhten Kortisolspiegel im Haar aufweisen.

Die Forschungsgruppe um Alexander Karabatsiakis vom Institut für Psychologie der Universität Innsbruck verglich diese Daten nun auch mit Haarproben von Personen, die durch Suizid gestorben sind. Hierbei wurden stark erhöhte Kortisolspiegel im Vergleich zu Personen mit und ohne Depressionen nachgewiesen. Suizidalität stellt besonders bei Menschen mit Depressionen eine sehr ernstzunehmende Komplikation dar.

Alexander Karabatsiakis vom Institut für Psychologie an der Uni Innsbruck beschäftigt sich mit Psychotraumatologie und Stressforschung. Foto: Elvira Eberhardt / Uni Ulm

Biomarker-Forschung als Ansatz für Prävention

„Unsere Biomarker-Forschung untersucht, wie psychische Belastungen und psychiatrische Erkrankungen an körperliche und psychosomatische Komplikationen gekoppelt sind“, erklärt Karabatsiakis. Diese interdisziplinäre Forschung wird auch mit Wissenschafter:innen aus unterschiedlichen Fachbereichen am Wissenschaftsstandort Innsbruck intensiv betrieben. „Einer der aktuellen Ansatzpunkte ist die Bestimmung von Haarkortisol, das sich über längere Zeit nachweisen lässt. Unsere neuen Beobachtungen dazu könnten für die Prävention von psychischen Erkrankungen nach Stressbelastungen und deren langfristigen Konsequenzen, auch für die körperliche Gesundheit, sehr hilfreich sein.“

Gesundheitliches Monitoring über eine Haarprobe ist ein nicht-invasiver und kaum belastender Vorgang, der auch in Ordinationen oder in anderen Betreuungsmodellen durchführbar ist. „Wenn zum Beispiel Hausärzt:innen messen könnten, dass sich ein hormonelles Stresspotential im Körper abzeichnet, kann man eventuell auch bei psychisch stark belasteten Personen ein potentielles Suizidrisiko erkennen und den medizinischen Fokus auf die Person entsprechend intensivieren, auch wenn Patient:innen selbst keine Beschwerden berichten. Im Sinne der Prävention wäre damit schon sehr viel gewonnen, denn jeder Mensch zählt“, sagt Karabatsiakis.

Kortisolspiegel steigt mit Schwere der Depression

Die Studie erweitert damit die biologische Perspektive auf psychische Erkrankungen. „Der Kortisolspiegel im Haar steigt mit der subjektiv empfundenen Schwere der depressiven Symptome“, erklärt Karabatsiakis. „Je länger man sich zudem depressiv fühlt, desto aktiver ist wohl also auch die Stressantwort unseres Körpers. Allerdings braucht es für die individuelle Einschätzung von Belastung und Risiko noch weitere Forschung und Erfahrungswerte, da wir in dieser ersten Studie eine relativ kleine Anzahl an Personen untersucht haben“, so Karabatsiakis.

„Je länger man sich depressiv fühlt, desto aktiver ist wohl auch die Stressantwort unseres Körpers.“

Alexander Karabatsiakis, Uni Innsbruck

Zur Durchführung der Studie wurden, nach Genehmigung durch die zuständige Ethikkommission, auch Haarproben aus der Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover genutzt. Aus ethischen Gründen war über die Haarproben von Personen mit Suizidhintergrund nichts weiter bekannt als Alter, Geschlecht, Body-Mass-Index und dass eine Fremdeinwirkung als Todesursache ausgeschlossen werden konnte.

„Eine Weiterführung ähnlicher Studien, die das Präventionspotential von Haarkortisol untersuchen, sowie vermehrte Forschung zum Thema Suizidalität, Suizidprävention und deren biologischen Mechanismen sind zwingend erforderlich und dringlicher denn je“, so Karabatsiakis.


Die kürzlich veröffentlichte Studie zum Weiterlesen:

Hair cortisol level might be indicative for a 3PM approach towards suicide risk assessment in depression (Karabatsiakis et al., 2022)

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