Der kleine Maulwurf und die Wurst auf seinem Kopf

In Anras sorgten eine geniale Kindergeschichte und eine preisgekrönte Theatergruppe für Lachstürme. 

„Als der kleine Maulwurf eines Tages seinen Kopf aus der Erde streckte, um zu sehen, ob die Sonne schon aufgegangen war, passierte es. Es war rund und braun, sah ein bisschen aus wie eine Wurst – und das Schlimmste: Es landete direkt auf seinem Kopf.“

Das 1989 von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch veröffentlichte Kinderbuch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ diente als Plot eines Stücks, das die preisgekrönte Theatergruppe der Brunecker Kunstwerkstatt Akzent am vergangenen Samstag anlässlich der Veranstaltung „Inklusion – Kreativität – Wertschätzung“ im Anraser Kultursaal vor vollem Haus aufführte. Für eine knappe Stunde rückte eine Verrichtung, die jeder beherrscht, ins Zentrum der Aufmerksamkeit – nicht nur des jüngeren Publikums!

Im Halbdunkel beginnt das Drama mit einem Prolog, in dem die Darsteller allerdings nicht sprechen, sondern sich zu Klängen von Mikis Theodorakis pantomimisch aufwärmen und dafür den ersten Szenenapplaus ernten. Beim folgenden Ankleiden und Maskieren verschwimmen Spiel und Regie, die Stütze, welche die Schauspieler ab und zu brauchen, ist integraler Bestandteil der Handlung. Symbolisch werden sie von der Spielleiterin Sonja Ellemunt an einem unsichtbaren Seil aus dem Off auf die Bühne gezogen.

Der kleine Maulwurf ist fest entschlossen, den Übeltäter ausfindig zu machen: Julian Messner leitet seine Ermittlungen mit einem zungenbrecherischen Monolog ein, der vom Publikum erneut mit Beifall belohnt wird. Sorgfältig dosierte Textpassagen vermischen sich mit den Lauten der Tiere, die der Maulwurf der Reihe nach in einzelnen Gruppen befragt, und die sich im wahrsten Sinne entlasten, indem sie ihre je unterschiedliche Losung mit den Worten: „Ich, nein, wieso? Ich mach so…“ vor ihm zu Boden fallen lassen: Hühner, Ziegen, Pferde, Igel, Kühe und Schweine.

Dramatisch wird zwischenzeitlich die Auseinandersetzung des herzerfrischend spielenden Messner mit der als Katze verkleideten Annemarie Delleg, die im Leben abseits der Bühne die Rolle seiner Ehefrau übernahm. Ein Fliegenschwarm kommt dem Maulwurf schließlich zu Hilfe. Er identifiziert das Häuflein auf dem Kopf des Geschädigten als von Hans-Heinrich, dem Hund des Metzgers, herstammend, an dem sich der Maulwurf nun mit einem ebenbürtigen, wenn auch deutlich kleineren Geschenk rächt.

Die rasanten Aktionen, die mit viel Liebe zum Detail gestalteten Kostüme, vor allem aber die Situationskomik rund um eines der menschlichsten aller Bedürfnisse, das hinter vorgehaltener Hand ohne Unterschied jeden betrifft, wurde vom zwerchfellgeplagten Publikum am Ende mit tosendem Beifall quittiert.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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c.haplin

Toller Bericht lieber Rudi - hatte schon beinahe vergessen, dass wir per du sind :-) - über eine gelungene Veranstaltung. Im Gegensatz zur Berichterstattung in anderen Medien ist dies offenbar von jemandem geschrieben der auch anwesend war!

 
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