Geistliche verurteilen Missbrauchsfall in Osttirol

Ein 66-jähriger Ordensbruder aus Lienz wurde wegen sexuellen Missbrauchs nicht rechtskräftig verurteilt.

„Mit Erschütterung und der Bitte um Verzeihung“ haben Lienzer Geistliche nach der Verurteilung eines 66-jährigen Ordensbruders wegen sexuellen Missbrauchs reagiert. Der Ordensbruder aus dem Franziskanerkloster in Lienz musste sich in der Vorwoche wegen sexueller Übergriffe auf eine minderjährige Ministrantin am Landesgericht in Innsbruck verantworten.

Für seine Taten, die er – beginnend im Jahr 2006 – über mehrere Jahre begangen haben soll, wurde der 66-Jährige zu dreieinhalb Jahren unbedingter Haft verurteilt. Er war nur teilweise geständig. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, sein Anwalt hat Berufung eingelegt.

Indes äußern der Lienzer Dekan Franz Troyer und der Leiter des Franziskanerklosters, Guardian P. Martin Bichler, in einem offenen Brief ihre „tiefe Betroffenheit und ohnmächtiges Verstummen“ angesichts des Falles: „Im Blick auf dieses Verbrechen darf nicht zur Tagesordnung übergegangen werden.“ Das Opfer, heute eine junge Frau, soll sich zu Jahresbeginn an die Ombudsstelle der Diözese gewandt und den Fall damit ins Rollen gebracht haben.

Der 66-jährige Beschuldigte lebt bis zum Haftantritt zurückgezogen im Kloster. Archivbild: Wolfgang C. Retter

Der Ordensbruder, der einen guten Kontakt zu der alleinerziehenden Mutter des Mädchens pflegte, habe dieses Vertrauensverhältnis ausgenützt und mit Geschenken an die Familie weiter verstärkt, so die Geistlichen: „Es ist schwer, dieses Unrecht auszuhalten. Wir bedauern es sehr. Viele fragten sich, wie mitten unter uns so etwas geschehen und von der Umgebung nicht bemerkt werden kann.“ Nach der Verurteilung lebe der 66-Jährige bis zu seinem Haftantritt zurückgezogen im Kloster und müsse „vorläufig jeden Kontakt zu den Menschen unterlassen.“

Gleichzeitig bitten die Geistlichen um Vertrauen in die Arbeit der Kirche: „Es wäre schade, wenn die wichtige Kinder- und Jugendarbeit in unseren Pfarren und Vereinen ständig unter Generalverdacht stehen würde.“ Die Diözese organisiere seit Jahren Schulungen für ehren- und hauptamtliche Mitarbeitende, in denen ein korrektes Verhältnis zwischen Nähe und Distanz und die Wachsamkeit für eigenes und fremdes Fehlverhalten eingeübt werde. In Osttirol werde man in Kürze eine Schulung mit dem Schwerpunkt Kinder- und Jugendarbeit anbieten.

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Falls hatte sich der Provinzial der betroffenen Gemeinschaft, P. Fritz Wenigwieser, erschüttert gezeigt. Der Orden übernimmt die Therapiekosten für die junge Frau. In Zukunft wolle man den Fokus auf die Prävention legen. Als „Gratwanderung“ bezeichnete Wenigwieser den künftigen Umgang mit dem nunmehr verurteilten Ordensbruder innerhalb seiner Gemeinschaft: „Früher war es üblich, jemanden nach einem derart kapitalen Fehler aus dem Orden auszuschließen. Inzwischen hat man gemerkt, damit der Gesellschaft keinen Dienst zu erweisen.“ Werde die Haftstrafe schlagend, „so werden wir im Orden überlegen, wer ihn im Gefängnis besucht.“