Die Obertilliacher Kirche mit Turm im Jahr 1935. Foto: Verlag deutscher Schulverein Südmark, Wien

Die Obertilliacher Kirche mit Turm im Jahr 1935. Foto: Verlag deutscher Schulverein Südmark, Wien

Heiliger Bimbam: Eine Kirche ohne Glockenturm?

Auf einem über 100 Jahre alten Bild aus Obertilliach fehlt der Kirchturm. Wir reisen zurück in das Jahr 1892.

In vielen Tiroler Gemeinden prägt der Kirchturm das Ortsbild, eine Gemeinde ohne Glockenturm kann man sich hierzulande kaum vorstellen. Doch in Osttirol hat es das vor über 100 Jahren gegeben. Auf einem alten Bild aus Obertilliach fehlt der Kirchturm. Doch wo ist er abgeblieben? Wer die Pfarrkirche St. Ulrich in ihrer heutigen Form bewundert, steht vor einem prächtigen Turm mit rotem Dach und gelben Wandverzierungen.

Das war nicht immer so, wie uns Ortschronist Michael Annewanter erzählt. Er sieht sich das alte Foto an und schmunzelt: „Das war circa 1892.“ Annewanter zieht einen Brief aus seiner Aktentasche, der die Geschichte hinter der Kirche ohne Turm enthüllt – niedergeschrieben in Kurrentschrift vom damaligen Pfarrer Anton Lechner.

Von 1762 bis 1764 wurde die Kirche von Pfarrer Franz de Paula Penz aus Navis erbaut. Im Jahr 1773 wurde der erste Kirchturm aufgestellt. Hundert Jahre später war er baufällig und musste abgetragen werden. In der Gemeinde im Lesachtal läuteten die Glocken anschließend über zehn Jahre lang in einem hölzernen Provisorium. Erst gegen 1890 hatten die beiden Seelsorger Georg Stauder und Thomas Hinter genug Geld gesammelt, um einen neuen Turm zu finanzieren.

Insgesamt wurden 7.000 Gulden gespendet, 300 davon steuerte der damalige Kaiser Franz Josef I. bei, ehe 1892 mit dem Bau eines neuen Kirchturmes begonnen wurde. Und genau aus dieser Zeit stammt die Aufnahme, die die Kirche ohne Turm zeigt. Das Provisorium wurde kurz zuvor abgetragen. Für den Neubau lieferte die Gemeinde Holz, Kalk, Steine und Sand, sodass man nur die Maurer aus Brixen und die Zimmerer aus Bruneck entlohnen musste.

Wie Pfarrer Lechner schrieb, habe sich bei den Bauarbeiten Josef Goller besonders hervorgetan. Der Eneber-Bauer hat die Kirche in ein gewaltiges Gerüst gehüllt. Aber nicht nur Goller war fleißig, sonntags mussten alle Kirchenbesucher zwei Stunden lang anpacken. Weitere für den Turmbau notwendige Geschäfte konnte man auch dank des Engagements von Ulrich Obmascher finanzieren, der Lehrer startete in den Nachbargemeinden eine Sammlung.

Weniger Glück hatte Bauer Peter Bucher, als in vier Metern Tiefe bis zu sechs Meter lange Piloten eingeschlagen wurden. Dabei geriet Bucher mit dem Fuß unter den Schläger. „Ansonsten geschah Gott sei Dank kein Unglück“, schrieb Lechner.

Am 24. September 1894 wurde der neue, 46 Meter hohe Turm eingeweiht. Insgesamt wurden 11.000 Gulden ausgegeben. Als krönender Abschluss wurde ein Jahr später das Turmkreuz samt Kugel montiert. Zuletzt wurde die Pfarrkirche 2009 renoviert. Unsere visuelle Zeitreise zeigt die Kirche heute mit und 1892 ohne Turm:

Die Kirche birgt übrigens ein Heiligtum, das weit über das Tal hinaus bekannt wurde: Die Tabernakel-Muttergottes von Obertilliach aus dem Jahre 1735.

Dolomitenstadt-Redakteur Roman Wagner studierte an der FH Joanneum in Graz und ist ein Reporter mit Leib und Seele. 2022 wurde Roman vom Fachmagazin Österreichs Journalist:in unter die Besten „30 unter 30“ gewählt.

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