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Francesca Ferlaino ist Wissenschaftlerin des Jahres

Die Innsbrucker Quantenphysikerin wurde für die Vermittlung ihrer Forschung an ein breites Publikum ausgezeichnet.

Beim Stichwort Quantenphysik tut sich vor dem inneren Auge möglicherweise ein Bild auf, das nerdige Wissenschaftler in einem abgeschlossenen Kämmerchen vor rechenstarken Computern und vollgeschriebenen Whiteboards zeigt. Doch dieser Eindruck trügt, wie Francesca Ferlaino eindrucksvoll beweist. Die gebürtige Italienerin, die am Institut für Experimentalphysik an der Uni Innsbruck forscht, wurde nun vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen zur Wissenschaftlerin des Jahres gekürt.

Kommunikation ist ihr Spezialgebiet: Die aus Italien stammende Quantenphysikerin wurde für ihre Verdienste in der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte an eine breite Öffentlichkeit ausgezeichnet. Foto: Elias Holzknecht

Denn Ferlaino ist keineswegs eine Wissenschaftlerin im stillen Kämmerchen oder gar im vielzitierten Elfenbeinturm, gelang es der Innsbrucker Physikerin doch just im Internationalen Jahr der Quantenwissenschaft, ihr Forschungsgebiet einem breiten Publikum nahe zu bringen. Auch mit Dolomitenstadt hat die Wissenschaftlerin bereits ausführlich gesprochen und unter anderem erklärt, auf welchem Weg sie zur Physik gekommen ist, wie sie ihre Forschung einem Kind erklären würde und was sie an ihrer Arbeit am meisten interessiert.

Engagement für Gleichberechtigung in der Physik

Mit der großen Begeisterung für ihr Fach steckte die gebürtige Italienerin im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen zahllose interessierte Personen an. Zudem engagiert sich die Forscherin in dem von ihr gegründeten Netzwerk Atom*innen für Frauen in der Physik. Ziel dieser Plattform ist es, einen zentralen Raum zu schaffen, in dem Genderthemen in der Physik diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht, Rat eingeholt und Forschung vorangetrieben werden. Denn die Physik prägt ein spezielles Phänomen: Je höher die Karrierestufe, desto geringer fällt der Anteil von Frauen aus. „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren so viel über den Gender-Gap diskutiert, aber in der Statistik zeigt sich keine wirkliche Verbesserung. Da stellt sich die Frage: Was haben wir falsch gemacht?", so die Physikerin, die 2023 auch den Grete-Rehor-Staatspreis für ihr Engagement für Frauen erhalten hat. Als ein Beispiel für die Situation verweist Ferlaino auf die renommierte Max-Planck-Medaille der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG): Der Preis für exzellente Beiträge aus der theoretischen Physik wurde seit 1929 insgesamt 89-mal verliehen, nur zweimal an Frauen. Um die Situation besser zu verstehen, brauche es ein Monitoring. Über Atom*innen will man daher zur Verfügung stehende Daten sichten, sammeln und analysieren - in der Hoffnung, Wege aus dem Dilemma zu finden.

„Wir haben in den vergangenen zehn Jahren so viel über den Gender-Gap diskutiert, aber in der Statistik zeigt sich keine wirkliche Verbesserung. Da stellt sich die Frage: Was haben wir falsch gemacht?"

Francesca Ferlaino, Wissenschaftlerin des Jahres

Auch im Bereich der Wissensvermittlung zeigt Ferlaino seit Jahren ein großes Engagement, das sie im Internationalen Jahr der Quantenwissenschaft noch einmal intensivierte. So hielt sie 2025 öffentliche Vorträge, nahm an niederschwelligen Veranstaltungen wie „Willkommen Quantenwelt“ im Wiener Rathaus mit hunderten Besucher:innen teil und suchte den Austausch mit Schüler:innen, etwa im Rahmen des Schulprogramms „Quantastisch! Was geht in der Quantenwelt?". Nicht zuletzt, um auch bei einem jüngeren Publikum Interesse an dem so faszinierenden und zukunftsträchtigen Feld der Quantenforschung zu wecken.

Verantwortung zum Teilen

Im Rahmen der Verleihung in Wien - überreicht wurde die traditionelle Schneekugel mit einer die Weisheit symbolisierenden Eule - strich Ferlaino in ihrer Dankesrede die „sehr große Ehre" hervor, die ihr hier zuteil werde. Sie unterstrich u.a. auch die Rolle des Journalismus, die Bedeutung der Wissenschaft einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln und auch in einem Umfeld zu vermitteln, in dem es eine immer stärkere Tendenz gebe, öffentliche Diskussionen in zwei gegensätzliche Lager zu teilen - „die Guten - die Bösen, das Richtige - das Falsche".

Francesca Ferlaino nahm die Auszeichnung, eine Schneekugel mit einer Eule, sichtlich erfreut entgegen. Foto: Apa/Harald Schneider

Als Forscherin oder Forscher gehe es zudem nicht nur darum, mit den Zutaten wie etwa Neugierde, Enthusiasmus oder Faszination für das Unbekannte Entdeckungen voranzutreiben, sondern auch die „Verantwortung zum Teilen" wahrzunehmen - nämlich „nicht nur das Teilen der Ergebnisse, sondern auch den Weg zu denken", so die Preisträgerin. Mit Blick auf ihre Rolle „als Forscherin, als Quantenwissenschafterin, als Mutter, als Partnerin, als Frau und als eine Italienerin in Österreich" meinte sie sichtlich bewegt: „Jeder hat hier seine eigene Geschichte. Meine ist die, dass mir außerordentliches Glück zuteil wurde."

Karriere in Italien und Innsbruck

Ferlaino studierte Physik an der Universität Federico II. in Neapel und promovierte 2004 an der Universität Florenz sowie am European Laboratory for Non-linear Spectroscopy (LENS). 2006 kam sie als Postdoktorandin nach Innsbruck, um in der Forschungsgruppe von Rudolf Grimm – Österreichs Wissenschaftler des Jahres 2009 – zu arbeiten. Ein START-Preis und ein ERC Starting Grant ermöglichten ihr 2009 die Gründung einer eigenen Forschungsgruppe. 2014 wurde Ferlaino Professorin für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck. Seither ist sie außerdem wissenschaftliche Direktorin am ÖAW-Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) Innsbruck. In den letzten Jahren wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter zwei weitere ERC-Grants. 2021 wurde sie als Mitglied in die Österreichische Akademie der Wissenschaften gewählt.

In der Forschung beschäftigt sich Ferlaino mit Quantenphänomenen in atomaren Gasen bei ultratiefen Temperaturen. Foto: Martin Vandory

Ferlainos Spezialgebiet sind Quantenphänomene in atomaren Gasen bei ultratiefen Temperaturen. In den vergangenen Jahren konzentrierte sie sich insbesondere auf die stark magnetischen und bisher wenig erforschten Atome Erbium und Dysprosium und konnte mit ihrem Team 2019 die ersten langlebigen supersoliden Zustände im Labor erzeugen, einem schwer fassbaren und paradoxen Materiezustand, in dem kristalline Ordnung und Suprafluidität koexistieren.

„Schrödinger liegt im Blut wie Mozart"

Die Quantenforschung gilt als Aushängeschild Österreichs - was auch die Politik nicht müde wird zu betonen. Der Physik-Nobelpreis für Anton Zeilinger im Jahr 2022 habe die positive öffentliche Einstellung zu dem Fach sicherlich nochmals beflügelt, glaubt Ferlaino. „Aber es gibt auch eine Tradition in diesem Bereich. Schrödinger liegt im Blut wie Mozart."

Dass aber auch zunehmend Produkte mit dem Schlagwort „Quanten" beworben werden, bereitet Ferlaino große Sorgen: „Wenn ich daran denke, dass heute ein Spülmittel oder Ski-Boots den Zusatz 'Quantum' im Namen tragen - das Q ist überall ... Da geht es nicht um die Forschung", das wolle sie nicht: „Wir Forschende machen seriöse Forschung und stehen viele Stunden im Labor." Über die Überstrapazierung des Begriffs drohe eine Verwässerung der Tatsachen: „Quanten können nicht alles."

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