Mit dem Ziel, die Lebensqualität aller Generationen zu stärken, geht Außervillgraten einen weiteren Schritt in Richtung „Gesunde Gemeinde“. Nach der Auftaktveranstaltung im November, bei der die Ernährungsberater:innen Vroni Mair und Sacha van Luyk unter dem Motto „Gesund durch den Alltag“ über Ernährungsmythen aufklärten, setzt die Gemeinde nun ein neues Pilotprojekt um: „Neue Tradition im Umgang mit den pflegenden Angehörigen“.
Das Projekt entsteht in Kooperation mit ISL Bildung und Begleitung und wird vom Fonds Gesundes Österreich unterstützt. Außervillgraten ist damit die erste Gemeinde in Osttirol, die sich dieser Initiative annimmt. Ziel ist es, pflegende Angehörige sichtbar zu machen, zu entlasten und gesellschaftlich stärker zu verankern.
Pflege als gesellschaftliche Aufgabe
Im Mittelpunkt der Präsentation am vergangenen Samstagabend im Haus Valgrata stand das Thema „Altern mit Lebensqualität“. In einer Podiumsdiskussion beleuchteten Expert:innen die Rolle pflegender Angehöriger – jener Menschen also, die oftmals im Stillen den Großteil der Betreuung zu Hause leisten.

Moderiert wurde der Abend von Siegfried Klammsteiner (ISL Seniorenbegleitung). Gemeinsam mit Ursula Perfler und Petra Berger stellte er die Arbeit der ISL vor. Monika Kraler, Geschäftsführerin des Gesundheits- und Sozialsprengels Osttiroler Oberland, schilderte die Herausforderungen des Pflegealltags und die Bedeutung wohnortnaher Betreuung.
Von der Sprengelstube Abfaltersbach berichtete Carina Joas über den strukturierten Tagesablauf in einer Einrichtung für betreute Senioren. Elisabeth Unterweger vom LIV Care Management erläuterte, wie ihre Organisation bei der Erarbeitung individueller Versorgungslösungen hilft – von Antragstellungen bis zur Beratung bei Pflegebedarf. Marlen Resinger von der Tiroler Hospizgemeinschaft Osttirol sprach über den hospizlichen Grundgedanken des „Da-Seins“ und „Da-Bleibens“, der Würde und Begleitung in den Mittelpunkt stellt.
Einen eigenen Platz in der Dorfstruktur nimmt der Besuchs- und Begleitdienst Außervillgraten ein, gegründet 2012 und seit 2013 als Verein von Gemeinde, Pfarre und Caritas getragen. Die derzeit sieben ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer schenken älteren Menschen Zeit, Gesellschaft und Zuhören – keine Pflege, aber wertvolle menschliche Nähe, wie Gemeinderätin Christine Hofmann betonte.
Stimmen aus der Gemeinde
Auch Gemeindevorstand Julius Trojer und Bürgermeister Josef Mair unterstrichen die Bedeutung des Themas. Mair verwies auf den wachsenden Pflegebedarf: In Außervillgraten leben bereits rund 50 Menschen über 80 Jahre. Österreichweit würden etwa 70 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause betreut, „meist von Angehörigen“, erläuterte Mair. Gerade in einer ländlichen Gemeinde wie Außervillgraten sei es entscheidend, frühzeitig Strukturen der Unterstützung zu schaffen. Pflege beginne nicht erst mit Intensivbetreuung, sondern oft viel früher – beim Einkaufen, im Haushalt, im Alltag.
Als betroffener Dorfbewohner schilderte Josef Ortner, selbst an Multipler Sklerose erkrankt, seine persönlichen Erfahrungen mit Abhängigkeit und Hilfsbedarf.
Mehrere Wortmeldungen aus dem Publikum zeigten, wie groß das Interesse und der Diskussionsbedarf sind. Kritisiert wurden unter anderem die finanzielle Belastung der Pflegenden, unklare Einstufungen bei Pflegegeldanträgen und fehlende Mobilitätsangebote wie Fahrdienste. Auch das Thema Einsamkeit rückte in den Fokus – viele ältere Menschen seien von sozialer Isolation bedroht, wenn sie nicht mehr mobil sind.
Das Pilotprojekt will genau hier ansetzen: durch Bewusstseinsbildung, gesellschaftliche Anerkennung und konkrete Entlastung. Geplant sind regelmäßige Auszeiten für pflegende Angehörige, finanzielle Unterstützungsmodelle und die Schaffung von Begegnungsorten für Betreuende und Betreute. Zudem sollen in Außervillgraten künftig Seniorenbegleiter:innen ausgebildet werden, um nachhaltige Hilfe im Alltag zu sichern – über die Pilotphase hinaus.
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