Die Geschichte des Wisents, einer europäischen Rinderart, liest sich wie jene einer Katastrophe, die im letzten Moment noch abgewendet werden konnte. Eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt in diesem Stück auch eine Wisent-Kuh namens Ina, geboren und aufgewachsen im Innsbrucker Alpenzoo, beschrieben als „forsch und selbstbewusst“, nun wohnhaft in Aserbaidschan.
Ausrottung freilebender Wisente im 20. Jahrhundert
Doch der Reihe nach. Jahrhundertelang waren Wisente in weiten Teilen des europäischen Festlandes wohnhaft, doch schrumpfende Lebensräume und Jagd führten bereits ab dem 11. Jahrhundert zum Rückgang der Population. Kritisch wurde die Lage für die Tiere im 20. Jahrhundert. 1919 wurde der letzte Flachland-Wisent in Europa erschossen, 1927 folgte der letzte Berg-Wisent im Kaukasus. Damit waren freilebende Wisente ausgerottet.

Zwar wurden bereits 1940 die ersten fünf Bergwisente im westlichen Teil des Großen Kaukasus wiederangesiedelt, die sukzessive den Bestand auf 1.400 Tiere erhöhen konnten, doch nahm nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Wilderei in diesem Gebiet ein beispielloses Ausmaß an. Die Jahre 1994 und 1995 markierten damit erneut einen Tiefpunkt in der Geschichte der Art, denn die Bestandszahl verringerte sich schlagartig auf etwa 150 Tiere.
Wiederansiedelung seit 2019
Seither richten Naturschutzorganisationen ihre Bemühungen darauf, die Wildrinder wieder anzusiedeln. Ein Projekt wird vom WWF betrieben, der seit 2019 mit internationalen Partnerorganisationen daran arbeitet, die Wisente in die Kaukasus-Region zurückzubringen. „Inzwischen wurden 64 Wisente nach Aserbaidschan gebracht, die sich erfolgreich fortpflanzen. Allein im vergangenen Jahr wurden neun Kälber geboren. Das ist ein Paradebeispiel für den internationalen Artenschutz”, sagt WWF-Experte Karim Ben Romdhane.
Kuh „Ina“ aus dem Innsbrucker Alpenzoo
Als jüngster Erfolg wird der Transport von 18 Wisenten nach Aserbaidschan gefeiert. Ausgewildert werden nur gesunde und besonders robuste Tiere aus unterschiedlichen europäischen Einrichtungen. Unter ihnen befindet sich diesmal auch eine Innsbruckerin: Kuh „Ina“ wurde vor drei Jahren in Innsbruck geboren und konnte seither im Alpenzoo besucht werden.
„Sie ist besonders durch ihr forsches und selbstbewusstes Verhalten aufgefallen. Es freut uns ganz besonders, sie nun in ein Leben in der Wildnis zu entlassen – und damit zum Erhalt ihrer ganzen Art beizutragen. Dem Alpenzoo sind Auswilderungsprojekte ein zentrales Anliegen, da moderne Zoos nicht nur Orte der Bildung und Forschung sind, sondern auch eine aktive Rolle im Artenschutz übernehmen”, sagt Andre Stadler, Direktor des Innsbrucker Alpenzoos.

Mit der aktuellen Umsiedlung steigt die Zahl der Wisente auf rund 90 Tiere, weltweit umfasst der Bestand mittlerweile wieder mehr als 10.000 Tiere. Die Neuankömmlinge werden in den nächsten Monaten in einem Auswilderungsareal am Fuße des Kaukasus beobachtet und an das Leben in ihrer neuen Heimat gewöhnt, bevor sie in die Wildnis entlassen werden.
Wisente als „Gärtner der Landschaft“
Wisente sind die größten Pflanzenfresser Europas und erfüllen wichtige Funktionen in Ökosystemen, etwa die Verbreitung von Samen oder die Regulation von Pflanzenbeständen. Damit sind sie wichtige „Gärtner” der Landschaft und schaffen Lebensraum für zahlreiche andere Arten.
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