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Östrogen macht Reizdarm zu Problem von Frauen

Aus aktuellen Forschungsergebnissen könnten auch neue Behandlungskonzepte entstehen.

Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen verringert die Schmerzschwelle im Darm. Das dürfte der Grund sein, warum Frauen viel häufiger als Männer am Reizdarmsyndrom leiden. Dies hat eine Wissenschaftlergruppe um David Julius (Universität San Francisco), der im Jahr 2021 den Medizin-Nobelpreis für seine Schmerzforschung erhalten hat, jetzt im Tierexperiment an Mäusen belegen können.

„Frauen leiden dreimal häufiger als Männer an einem Reizdarmsyndrom, dessen Beschwerden oft prämenstruell verstärkt sind. Dies legt die Vermutung nahe, dass das von den Eierstöcken vor der Ovulation vermehrt produzierte Hormon Östrogen an der Pathogenese beteiligt ist“, schrieb zu den Forschungsergebnissen das Deutsche Ärzteblatt. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit sind in „Science“ erschienen (DOI: 10.1126/science.adz1398).

Frauen leiden dreimal häufiger als Männer an einem Reizdarmsyndrom. Foto: iStock/aerogondo

Ein Team um Holly Ingraham und Julius hätte den Verdacht auf einen Zusammenhang zwischen Östrogen und dem Reizdarmsyndrom in einer Reihe von Experimenten an Mäusen bestätigen können, bei denen die Schmerzen durch Einleiten von Luft in den Enddarm ausgelöst wurden. Weibliche Tiere waren empfindlicher als männliche. Die weiblichen Mäuse wurden beschwerdefrei, wenn ihnen die Eierstöcke entfernt wurden. Bei männlichen Mäusen wurde die Empfindlichkeit durch eine Exposition mit Östrogenen gesteigert.

Beschwerden ohne organische Veränderungen

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine häufige funktionelle Erkrankung mit auf den Dünn- und besonders den Dickdarm bezogenen Beschwerden. Es kommt zu diffusen Bauchschmerzen, Blähungen und Veränderungen des Stuhlverhaltens. Gleichzeitig können keine strukturellen Veränderungen am Darm selbst oder biochemische Abnormalitäten nachgewiesen werden.

In einer früheren Studie hatte das Forschungsteam bereits herausgefunden, dass die sogenannten enterochromaffinen Zellen (EC) im Dickdarm an der Entstehung der Schmerzen beteiligt sind und dass die Weiterleitung auf die sensorischen Nerven durch den Neurotransmitter Serotonin erfolgt. Auslösen ließ sich die Schmerzreaktion durch die kurzkettige Fettsäure Isovalerat, die von Darmbakterien gebildet wird, so die deutsche Ärztezeitung.

Östrogen-Rezeptoren auch im Darm

Die Wissenschafter suchten im Rahmen der aktuellen Studien nach Östrogenrezeptoren in der Darmschleimhaut. Sie hätten sie jedoch nicht auf den EC-Zellen, sondern auf benachbarten L-Zellen gefunden. Die L-Zellen produzieren kein Serotonin, sondern Hormone, die an der Regulierung des Appetits beteiligt sind. Dazu gehört das Neuropeptid YY (PYY). Bei den Mäusen ohne Eierstöcken kam es nach der Injektion von Östrogenen zu einem Anstieg der PYY-Konzentrationen im Blut.

„An Organoiden, mit denen sich einzelne Funktionen der Darmschleimhaut im Labor untersuchen lassen, zeigte sich, dass die L-Zellen mit den EC-Zellen zusammenarbeiten“, hieß es jetzt im Deutschen Ärzteblatt. Die Wissenschafter vermuten einen evolutionären Nutzen: Die in der Schwangerschaft vermehrt gebildeten Östrogene könnten verhindern, dass die Frauen durch verdorbene Nahrung die Gesundheit ihres ungeborenen Kindes gefährden.

Aus den Forschungsergebnissen könnten auch neue Behandlungskonzepte gegen das Reizdarmsyndrom entstehen. Einerseits könnten das Diäten sein, in denen auf im Darm fermentierbare Nahrungsmittel, zum Beispiel Zwiebel, Knoblauch, Honig, Weizen oder Bohnen, verzichtet wird. Auch medikamentöse Interventionen mit Medikamenten, welche Serotonin-Rezeptoren im Darm oder den Rezeptor für PYY hemmen, wären denkbar.


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