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Renaturierung von Flüssen: Kaum Pläne für Osttirol

Für den WWF bleibt Potenzial ungenutzt. Das Land hält dagegen und betont den Schutz der Bevölkerung.

Es gibt Schlagwörter in der politischen Kommunikation, deren Verwendung gleich eine Fülle von Erinnerungen, Meinungen und Bildern evoziert. Zu diesen zählt wohl spätestens seit dem Vorstoß der damaligen grünen Umweltministerin Leonore Gewessler auch der Begriff der „Renaturierung".

Zur Erinnerung: Durch den Alleingang Gewesslers, entgegen der Haltung der Bundesländer für das EU-Renaturierungsgesetz zu stimmen, wurde die entsprechende Verordnung am 17. Juni 2024 vom Rat der EU beschlossen. Diese Entscheidung sorgte zwar innenpolitisch für große Aufregung, davon unbeeinflusst trat die Regelung jedoch am 18. August 2024 in Kraft.

Gegenstand der Verordnung ist, geschädigte Lebensräume (wieder) in einen guten Zustand zu versetzen. Die Mitgliedsstaaten sind aufgefordert, bis August dieses Jahres einen Entwurf für den nationalen Wiederherstellungsplan zu liefern. Im Bereich der Flüsse lautet das erklärte Ziel auf EU-Ebene, bis 2030 insgesamt 25.000 Flusskilometer wieder frei fließen zu lassen und Auen zu reaktivieren. Darüber hinaus sollen intakte Strecken geschützt werden.

Online-Karte informiert über Renaturierungspläne

Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium für Klima- und Umweltschutz in Kooperation mit dem Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen sowie den Ländern einen Online-Atlas für Flüsse erstellt.

Diese Karte weist einerseits den Bestand frei fließender Flüsse aus, die keine wesentlichen Barrieren aufweisen und somit die Zielvorgaben bereits erfüllen. Andererseits sind in der Karte sogenannte Potenzialstrecken dargestellt, die derzeit noch nicht als frei-fließend gelten, bei denen aber durch gezielte Maßnahmen eine Wiederherstellung möglich erscheint. Entscheidend für die Möglichkeit einer Wiederherstellung ist, ob bestehende Barrieren identifiziert werden können, die einer Klassifizierung als „frei fließend“ entgegenstehen.

Die Potenzialstrecken wurden in einem abgestimmten Prozess zwischen Bund und Ländern unter Einbindung relevanter Stakeholer erarbeitet.

WWF-Kritik: Isel nicht berücksichtigt

Genau an dieser Stelle setzt die Kritik der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF an, die dem Land Tirol Defizite unterstellt: „Es gibt positive Ansätze in ganz Österreich, aber fachlich höchst fragwürdige Lücken im Tiroler Plan. Mit der Isel fehlt ein Flussjuwel mit besonders hohem Potenzial“, beanstandet WWF-Expertin Marie Pfeiffer den Umstand, dass die Isel nicht als Potenzialstrecke deklariert wurde.

Ausgerechnet die Isel ist weder frei fließend noch hat sie das Potenzial zur Renaturierung? Foto: WWF

Auch deshalb falle der Tiroler Plan im Vergleich zu den anderen Bundesländern negativ auf. Dass das Land sogar bereits vorhandene Pläne zur Flussaufweitung an der Isel nicht gemeldet habe, sei sachlich nicht zu rechtfertigen, kritisiert Pfeiffer.

Im Renaturierungs-Atlas zu Flüssen wird im Bezirk Lienz nur eine Potenzialstrecke (orange) ausgewiesen. Dabei handelt es sich um einen Abschnitt der Gail. Die grün eingefärbten Abschnitte erfüllen bereits jetzt die Voraussetzungen, um als „frei fließend“ zu gelten. Screenshot: Wiederherstellungsplan Gewässer/BMLUK, BEV

Insgesamt wurde im Bezirk Lienz nur ein Flussabschnitt zur Potenzialstrecke erklärt, und zwar ein Teilabschnitt der Gail im Bereich zwischen Untertilliach und Maria Luggau. Hier bestehen punktuelle Belastungen, etwa durch ein Absturzbauwerk bei einem Pegel sowie geringe Ufersicherungen. Doch auch dieser Abschnitt befindet sich vorwiegend auf Kärntner Seite.

Als sprichwörtlichen Musterschüler gilt aus Sicht des WWF hingegen die Steiermark, die mit 158 Kilometern an Flüssen, die bis 2030 wieder frei fließen sollen, den bislang ambitioniertesten Beitrag vorlegte.

Ufersicherungen und Dämme begrenzen Ausbreitung

Vonseiten des Landes will man diese Beurteilung nicht so stehen lassen. Stattdessen seien die „wiederholten Anschüttungen des WWF entschieden zurückzuweisen“, wie es auf Anfrage von Dolomitenstadt heißt. Das Land habe sich bei den Meldungen „streng sachlich und fachlich“ an die Kriterien für freie Fließstrecken gehalten, die keine wesentlichen Barrieren aufweisen dürfen, welche die Durchgängigkeit für Fische, den Sedimenttransport oder die natürliche Abfluss- und Gewässerdynamik behindern.

Gemäß dieser Kriterien erfülle die Isel die Kriterien für freie Fließstrecke nicht, da über weite Strecken Ufersicherungen und Dämme vorhanden seien, die die seitliche Ausbreitung begrenzen.

Hochwasserschutz hat Priorität

Auf einer Gesamtlänge von rund 48 Kilometern zwischen dem Zusammenfluss mit der Drau und der Mündung des Mauerbaches in Hinterbichl sei die Isel auf einer Länge von über 40 Kilometern beidseitig mit Ufersicherungen verbaut. Dazu kommen noch Hochwasserschutzdämme, die insgesamt eine Verbauung von über 80 Kilometern ergeben. Um als freie Fließstrecke zu gelten, darf die Gesamtlänge der beidseitigen Verbauung jedoch nur weniger als zehn Kilometer betragen.

Josef Geisler, stellvertretender Landeshauptmann, hält die Wiederherstellungsverordnung für „völlig realitätsfern“. Foto: Expa/Groder

Im Falle der Isel müssten somit 70 Kilometer Längsverbauungen entfernt werden, rechnet das Büro des stellvertretenden Landeshauptmanns Josef Geisler vor. Das sei jedoch bei einer Aufrechterhaltung des Hochwasserschutzes nicht möglich. „Der Schutz der Bevölkerung hat immer Vorrang: Ufersicherungen, Hochwasserschutzbauten oder Wildbachverbauungen können nicht ohne Weiteres entfernt werden".

Auch die Drau ist keine Potenzialstrecke

Auch der Osttiroler Teil der Drau wurde weder als frei fließend noch als Potenzialstrecke ausgewiesen. Ursächlich dafür seien auch in diesem Fall unter anderem die vorhandenen Ufersicherungen und Hochwasserschutzdämme. Darüber hinaus sei der Raum für eine Breitenentwicklung der Drau in Osttirol im Gegensatz zur Drau in Kärnten aufgrund der Landesstraße und der Bahntrasse stark eingeschränkt.

Doch auch abgesehen von diesen konkreten Flüssen lässt das Land Tirol den WWF-Bundesländervergleich nicht gelten, da rund 25 Prozent der freien Fließstrecken in Tirol liegen würden. Zudem würden sich rund 60 Prozent der Tiroler Flüsse in einem sehr guten oder guten ökologischen Zustand befinden, wohingegen dieser Wert österreichweit nur bei 30 Prozent liege.

„Am Beispiel unserer Flüsse zeigt sich: Die Wiederherstellungsverordnung ist völlig realitätsfern. Wer Flüsse wie die Ötztaler Ache oder Wildbäche renaturieren will, muss Schutzbauten entfernen. Das ist unvorstellbar. Der Schutz der Bevölkerung hat absolute Priorität“, so Geisler abschließend.

5 Postings

senf
vor 4 Stunden

nach dem verursacherprinzip hätten wir da ja a paar potentielle zahler um zu "reparieren" und damit die renaturierungskosten zu übernehmen, oder soll nun gar wieder die allgemeinheit dafür aufkommen, die ohnehin ihre flüsse und bäche längst kostenlos bereitstellt?

im übrigen zweifle ich an so mancher argumentation des wwf, der so manchen seiner "experten" als sprungbrett in hoch dotierte positionen verhilft; ja und die europaweiten renaturierungsbemühungen an meeresküsten bis hinein in die binnenläner befürworte ich, gilt es doch, so manchen naturfrefel der zivilisation zu beseitigen. der spruch so mancher egoisten: "hinter mir die sintflut, ich lebe jetzt", reicht halt a mal ned aus!

 
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Duke
vor 10 Stunden

Schade, Bäche und Flüsse werden ausschließlich als Energielieferanten und potentielle Gefahrenquellen gesehen.

 
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    Annalies
    vor 4 Stunden

    Wir sind privilegiert, da wir Wasserkraft zur Energieproduktion haben. Da wir jedoch keinen Ausbau der Wasserkraft wollen, gegen das Aufstellen von Windrädern protestieren und Atomstrom zu erzeugen nicht verhandelbar ist ( wir importieren ihn), was bleibt? Photovoltaik wird nicht reichen. Welchen Plan gibt es? Da man offensichtlich daran denkt, Flüssen und Wald- und Wiesengebieten Persönlichkeitsrechte zu geben, wie werden wir hinkünftig Strom erzeugen?

     
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      Duke
      vor 2 Stunden

      Unser Energiehunger wird immer größer. Ohne Einsparungen und damit verbundenen Verzicht, werden's wir nicht schaffen.

       
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      DSK
      vor 37 Minuten

      @duke, das Einzige worauf man mit Verzichtsgeschwafel ganz sicher verzichtet, sind politische Mehrheiten! KI, eine ernstzunehnende europäische cloud-Infrastruktur, elektrifizierung von Verkehr und Gebäudetechnik, Industrie usw. erfordern gigantische Mengen Strom! Da schaden ein paar Reaktoren sicher nicht

       
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