Menschen halten viel aus, auch von ihren Regierungen – allerdings häufig bloß aus Bequemlichkeit. Beeinflusst von Wahlversprechen und aus Enttäuschung gegenüber jenen, die zwar mehr Weitblick zeigen, doch diesen nicht geschickt genug kommunizieren, lassen sich Bürgerinnen und Bürger immer wieder hinhalten und hoffen auf Besserung. Das ist ihr Recht, denn die wirtschaftliche, soziale und sicherheitspolitische Fürsorge ist die Kernaufgabe des Staates.
Friedlicher Aufstand
Manchmal wird es dann doch zu viel. Ungarn ist ein Beispiel dafür, wie man einen Staat trotz Milliardenförderungen wirtschaftlich und rechtsstaatlich zu Grunde richten kann, indem man vor allem Eigeninteressen bedient und auf Populismus und Propaganda baut. Das Wahlergebnis zeigt nun, wie es ist, wenn die Bevölkerung aufsteht – ganz friedlich. Es sind vor allem zwei Zahlen, die recht unerwartet Hoffnung für die Demokratie aufkommen lassen: einerseits die hohe Wahlbeteiligung von 78 Prozent und andererseits die Zweidrittelmehrheit, mit der die Wahlberechtigten Péter Magyars Bewegung Tisza ausgestattet haben, um Ungarn aus dem zu befreien, was Orbán selbst „illiberale Demokratie“ getauft hatte.

Wenn eine Bevölkerung über Ideologien hinweg zusammenarbeitet, geht jedes autokratische System zu Ende. Die Ungarn haben vorgemacht, dass Hass, Drohungen und Lügen doch nicht automatisch gewinnen. Hört man den Menschen auf der Straße zu, erwarten sie nun vor allem eines: Kooperation – mit Europa für wirtschaftliche Reformen, mit internationalen Organisationen, die sich für Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit einsetzen, und für ein Miteinander, um das Land wieder aufzubauen. Erstaunlich vielen ist bewusst, dass das viel Arbeit bedeutet, nicht nur für die Politiker:innen.
Demokratie ja, aber anders
Zwar wird immer wieder bejammert, dass die Jugend (auch in Österreich) nicht mehr so euphorisch für die Demokratie einsteht wie noch vor wenigen Jahren, doch könnte hier ein Missverständnis vorliegen: Berechtigterweise wollen junge Menschen diese übel zugerichtete Demokratie nicht; jene Demokratie, in der man ein Kreuzerl macht, sich dann bequem zurücklehnt und jammert; jene Demokratie, in der man aus Bequemlichkeit den Lautesten zuhört, die gut sind im Schlechtreden, weniger gut beim Finden von umsetzbaren Lösungen; jene Demokratie, an die man sich erinnert, wenn es für einen selbst nicht so läuft, wie man möchte.
Genau das scheint sich langsam zu verändern. Bei genauerer Nachfrage suchen immer mehr Menschen nach einer Form der Demokratie, in der sie aktiv gefragt werden, tatsächlich mitreden und vor allem mitmachen können. Weltweit setzen sich vor allem junge Menschen gewaltfrei für Mitspracherechte und eine Zukunft ein, die ihnen nicht vorgeschrieben wird. Beispiele sind Serbien, Bangladesch, Tunesien, Brasilien, Myanmar und trotz aller Widrigkeiten nach wie vor der Iran, wo demokratische Hilfe von außen versprochen war, aber Bomben fielen.
Es ist an der Zeit, sich umzusehen und nicht nur die dystopische Gegenwart wahrzunehmen, denn unbemerkt von großer Medienberichterstattung entwickeln Bewegungen in vielen Regionen neue Formen von politischer Teilhabe. Es wäre zu wenig, einen Autokraten gegen einen fleißigen Jüngeren mit mehr Gespür für Social Media-Trends auszutauschen, sondern es geht auch darum, zivilgesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen. Der Unterschied zum bloßen Abwählen einer Regierung besteht in einem kleinen Detail mit großer Wirkung: der Bejahung.
Kooperation statt Servicementalität
Sich zu beteiligen bedeutet in diesem Sinne, dranzubleiben, auch in Zeiten ohne Wahlen. Demokratie soll, so der Tenor, von unten gestärkt oder auch wieder aufgebaut werden. Der Tenor ist immer derselbe: Zusammenarbeit. So wird mit demokratischer Beteiligung experimentiert, Jugendparlamente werden ebenso ausprobiert wie verschiedene Formen digitaler Bürgerbeteiligung.
An anderer Stelle werden Bürgerräte weiterentwickelt und Debatten organisiert, in denen nicht nur alle reden dürfen, sondern gemeinsam die Weiterentwicklung der Demokratie gestaltet wird. In diesem Sinne werden ständig neue Initiativen gegründet, die auf zivilgesellschaftlicher Ebene das nachzuholen versuchen, was auf politischer Ebene oft nicht gewagt wird: die Demokratie von unten zu stärken.
Immer öfter ist es die Zivilgesellschaft, die diese Brücken baut und dann auch zugänglich macht, damit Menschen einander begegnen und sich austauschen können. Demokratie ist noch nie auf einem Reißbrett entstanden. Sie wird auch nicht von einer hauptsächlich auf sich selbst bezogenen Politikergeneration, sondern von engagierten Bürgerinnen und Bürgern gerettet werden – von unten.
In Ungarn hat dieser Zusammenschluss funktioniert, denn Péter Magyar konnte gewinnen, indem sich tausende Freiwillige über Monate engagiert haben, ebenso in den verschiedensten Formaten, um möglichst viele Teile der Bevölkerung zu erreichen. Wenn sie weitermachen, haben sie eine Chance, ihre Demokratie zurückzugewinnen. Für alle außerhalb Ungarns bleibt zu bedenken: Leichter ist es, sich einzubringen, während man noch das Glück hat, in einer Demokratie zu leben.
14 Postings
„Demokratie von unten retten“ klingt gut – fast beruhigend. Aber vielleicht sollten wir ehrlicher sein: Viele Menschen haben längst das Gefühl, dass Entscheidungen immer öfter über ihre Köpfe hinweg getroffen werden. Genau das ist ja der Kern der aktuellen Unzufriedenheit mit dem System. Was als „notwendige Steuerung“ oder „Sachzwang“ verkauft wird, wird von vielen als schleichende Entmündigung erlebt. Keine offene Diktatur – aber eine Entwicklung, in der immer öfter vorgegeben wird, was richtig, notwendig oder alternativlos sei. Die entscheidende Frage ist daher nicht nur, wie man Demokratie „von unten rettet“, sondern auch: Wie lange lassen sich Menschen noch sagen, was sie zu denken, zu akzeptieren oder zu ertragen haben? Demokratie lebt nicht von wohlklingenden Konzepten, sondern davon, dass Bürger tatsächlich gehört werden – und nicht nur dann, wenn es ins Konzept passt. Wenn dieses Vertrauen weiter erodiert, braucht man sich über Politikverdrossenheit nicht zu wundern. Vielleicht beginnt echte demokratische Erneuerung weniger bei neuen Modellen – sondern bei der einfachen Bereitschaft, Kritik auszuhalten und Macht wieder stärker zu teilen
„Demokratie ist nicht die einfachste Staatsform, weil sie täglich des eigenen Engagements bedarf.“
Wenn Orban ein Diktator war, ist es ja unglaublich das es Demokratie gegeben hat und seinem Kontrahenten auch noch gratuliert hat, er hat diesen selbstherrlichen EU-Patriachen wenigstens die Stirn geboten....
Wie konnte das dem Musterautokraten Orban, der Ikone der weltweiten Freunde der Illiberalität nur passieren. Einfach so das Volk über sein Regime entscheiden zu lassen und das Wahlsystem nicht noch enger als bisher auf seinen politischen Machterhalt zugeschnitten zu haben. Hat er wirklich gehofft durch die erdrückende Propaganda seiner zu 80 % ihm hörigen Medien, durch Umbau zahlreicher Institutionen und der Justiz die Vigilanz und die Kritikfähigkeit seiner Bevökerung zu lähmen ? Dass aber Autokratien fast zwangsläufig zu Nepotismus, Korruption und Misswirtschaft führen, hat das Volk nicht übersehen und entsprechend honoriert. Der Hunger nach Europa, nach Demokratie war vorallem bei den Jungen größer als die Sehnsucht nach Isolationismus und toxischer Nähe zu Trump und Putin. Diese positive Disruption lässt auch für das übrige Europa einiges erhoffen . Derzeit schauen auch Orbanjünger wie Fico, Babis und die üblichen Verdächtigen der Patriotenfraktion etwas blass aus, ihr politisches Narrativ wirkt plötzlich nicht mehr so überzeugend. Wo wird Vance jetzt seinen Hebel ansetzen, um den woken Europäern seine und Trumps Vorstellungen von Demokratie zu vermitteln. Woher soll jetzt Putin seine druckfrischen Informationen aus der EU beziehen. Der Freundschaftsvertrag zwischen der FPÖ und dem Neuen Russland ist aber noch aufrecht. Die Mühen der Ebene hat Magyar allerdings noch vor sich .Es ist unsäglich mühsam eine Aurokratie wieder zu einer funktionierenden liberalen Demokratie zurückzubauen. Mit der satten 2/3 Mehrheit im Parlament ist das Unterfangen deutlich aussichtsreicher.
"Einfach so das Volk über sein Regime entscheiden zu lassen..." Für so manchen Rechten jetzt ein Anlass, Orban als Demokraten par excellence zu feiern!
Lieber Herr Bahner, Sie verwenden hier sehr viel Wording, Framing und Narrativ in Ihrem Posting. Orban hat es ähnlich gemacht, um seine Standpunkte zu zementieren. Auch ein Trump. Aber auch eine Reichinek.
So gesehen, ist die Wahl der Waffen ähnlich. Die eine Frage die sich stellt ist nur: Trifft den Bürger die Kugel von rechts, oder von der linken Seite?
Die andere Frage ist: Ist das Endergebnis nicht das gleiche?
In der Politik sollte Diplomatie und Kompromissbereitschaft Priorität haben. Nicht überhebliche Ignoranz gegenüber Andersdenkender, womit ich nicht Sie meine, sondern die Kaste der Politiker, die offenbar zu großen Teilen vergessen haben, dass sie Diener sind, nicht Herrscher.
Die Entwicklung ist besorgniserregend, weil die politischen Ränder die Lautsprecher sind. Und warum? Weil sie auf Wording, Framing und Narrativ setzen, um jeden konstruktiven Diskurs zum eigenen Machterhalt im Keim zu ersticken.
Alles gut und recht was hier steht, schöner Artikel. Es gibt genug engagierte Menschen! Bitte alle weiter machen! Traurig nur, dass es hierzulande bald schon 40% einfach nicht verstehen, dass nur Jammern und hoffen, dass es anderen schlechter geht als einem selbst indem man die FPÖ wählt, keine Strategie ist. Das werde ich nie verstehen können!
Wirklich gut analysierender Artikel und auch gutes posting von TW-WU. Die Hoffnung lebt!
Orban ist das grosse vorbild der neuen rechten. Er war der erste der es geschafft hat, ein land von einer demokratie zu einer diktatur umzubauen. Nach orbans drehbuch möchten sie es alle machen - maga, afd, fpö... strache hats sogar auf ibiza wortwörtlich gesagt. Deswegen reisten die faschisten und rechtsextremisten (von vance bis kickl), jetzt auch aus allen ländern an um ihn zu unterstützen...
Wer die fpö will sollte sich ihr vorbild, orbans ungarn anschauen. Nach 16 jahren orban ist ungarn das wirtschaftlich rückständigste und korrupteste land in der EU. Während sich orbans oligarchen, viele davon jugendfreunde, mit eu-geldern und geld und geld aus dem russischen ölgeschäft die taschen vollgestopft haben (bis hin zum bau von fussballstadien in überdimensionierte gärten ihrer villen), hat die bevölkerung gelitten. Wenn man in ungarn ins krankenhaus geht, muss man getränke und besteck selber mitnehmen (kein witz), dafür kassierte der orban-staat 27%(!) mehrwertssteuer…
Dazu gibts eine heftige doku, stimmenkauf von armen menschen am land, druck durch strom- und wasserabschaltung, … mit bildern einer unglaublichen Rückständigkeit in diesem autokratisch zugrunde gerichteten land...
https://youtu.be/ZCwQR5HRWR8?is=Hf13TY-fExLDI0jO
Also: In einer „Diktatur“ werden demokratische Wahlen durchgeführt – und der „Diktator“ gratuliert dem Sieger anstandslos. Finde den Fehler.
Zur Wirtschaft: Schon seltsam, dass viele große Firmen in Österreich und Deutschland abbauen und gleichzeitig in Ungarn aufbauen. Hmm?
Was Steuern und Abgaben betrifft, kann das ja jeder selbst mal recherchieren…
Ich finde es an der Zeit, dass Orban abgewählt wurde. Der Erneuerungsdrang innerhalb des Wählerkreises muss gewaltig sein, ansonsten hätte es keine 2/3-Mehrheit gegeben. Ob allerdings Magyar die Erwartungen der ungarischen Bevölkerung und auch der EU erfüllen kann, wir werden es sehen....
@NurMeineMeinung: wann Du auswandern ?
@Annelies: Stimmt so nicht! Vor der morgigen Auszählung der ca. 500' Auslandsstimmen hat Magyar 52,44% Stimmanteil. Die 2/3 Mehrheit ergibt sich aus dem Mehrheitswahlrecht!
Hr. Schwarzer. Ich habe nicht geschrieben, dass er 2/3 der Wählerstimmen erhalten hat, das wären mindestens 66,7%. Magyar hat eine 2/3-Mehrheit im Parlament. Ein deutliches Votum.
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