Es ist eine Binsenweisheit, dass die Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene aus sozioökologischer Sicht sinnvoll wäre. Wie massiv die Auswirkungen des Warentransports für Umwelt und Gesellschaft aber tatsächlich sind, führt nun eine Studie vor Augen, die im Rahmen der EU-Alpenraumstrategie EUSALP beauftragt wurde und die sogenannten externen Kosten untersucht.
Gesellschaft zahlt die „Zeche“
Darunter versteht man Ausgaben, die langfristig vom öffentlichen System im Gesundheitsbereich oder zur Klimawandelbekämpfung getätigt werden müssen. Konkret wurde im Rahmen der Studie berechnet, wie hoch die finanziellen Schäden bzw. die Folgekosten für die Gesellschaft sind, um klimaschädliche Treibhausgasemissionen, Luftverschmutzung durch Schadstoffe, Lärmbelastung oder die Beeinträchtigung von Ökosystemen auszugleichen. Doch auch wirtschaftliche Folgekosten von Zeitverlusten durch Staus oder Gesundheitskosten bei Unfällen wurden berücksichtigt.
Straße ist viermal teurer
Das zentrale Ergebnis der Studie: Die externen Kosten des Straßengüterverkehrs sind deutlich höher als beim Transport auf der Schiene, im Falle des Brennerkorridors zwischen München und Verona gar vier Mal so hoch. Gänzlich gegensätzlich verhält es sich mit den internen Kosten, die als betriebsbedingte Ausgaben von den Transportunternehmen getragen werden müssen: Aus unternehmerischer Sicht schneidet die Straße bekanntermaßen wesentlich besser ab.

Auf dieses Missverhältnis macht Verkehrslandesrat René Zumtobel aufmerksam: „Bei dem von den Transportunternehmen gezahlten Preis hat die Schiene einen Wettbewerbsnachteil gegenüber dem Straßentransport. Dabei wird nämlich weitgehend außer Acht gelassen, welche Kosten für die Allgemeinheit anfallen. Diese Kosten sollte eigentlich der Verursacher – in diesem Fall der Güterverkehr auf der Straße – tragen.“ Entsprechend fordert der SPÖ-Politiker eine „Kostenwahrheit“, die den vielfach höheren externen Kosten auf der Straße im Transportpreis gerecht wird.
Kosten am Brenner am höchsten
Dass sich ausgerechnet der Tiroler Verkehrslandesrat nach Veröffentlichung der Studie in den Diskurs einschaltet, kommt nicht von ungefähr. Schließlich ergab die Untersuchung, dass auf dem rund 430 Kilometer langen Brennerkorridor zwischen München und Verona die meisten externen Kosten entstehen. Insgesamt wurden sechs grenzüberschreitende Streckenabschnitte berücksichtigt, doch nur für den Ventimiglia-Korridor (Marseille-Genua) wurden vergleichbar hohe externe Kosten berechnet.

Die Studie beschäftigt sich dezidiert mit dem alpinen Raum, da in bergigen Regionen die Auswirkungen auf Umwelt und menschliche Gesundheit überproportional stärker sind als in tiefer gelegenen Gebieten.
In engen Alpentälern sind Bewohner:innen erhöhten Belastungen durch Luftverschmutzung, Lärm, Unfälle und Staus ausgesetzt, spezifische meteorologische und topografische Bedingungen wirken zusätzlich verstärkend. Gleichzeitig reagieren die empfindlichen alpinen Ökosysteme besonders sensibel auf die Auswirkungen von Verkehrsaktivitäten.
Umwegverkehr aufgrund geringer Mautkosten
Aus Sicht von Zumtobel spielt der hohe Anteil an Umwegverkehr am Brenner eine entscheidende Rolle: „Rund ein Drittel der Transit-Lkw fahren durch Tirol, obwohl sie eigentlich eine um mehr als 60 Kilometer kürzere Alternative hätten. Der Hauptgrund für diesen freiwilligen Umweg sind die geringen Mautkosten am gesamten Korridor. Die Folgekosten tragen die Menschen in Tirol und Österreich.“
Brenner-Verkehr: 2,1 Milliarden Euro externe Kosten
Insgesamt verursacht der Transport von Waren am Brenner rund 1,1 Milliarden Euro an externen Kosten pro Jahr, die der Allgemeinheit in Form von Kosten für Umwelt, Gesundheit und reduzierter Lebensqualität „angelastet“ werden.

Wenn auch noch der Personenverkehr auf dem Brennerkorridor mitbetrachtet wird, ergibt sich gemäß der neuen Studie eine Summe von über 2,1 Milliarden Euro pro Jahr, die durch Verkehr entstehen. Diese Kosten werden beispielsweise über höhere Steuerbeiträge aufgrund steigender Kosten für Klimawandelanpassung oder über höhere Beiträge für die Krankenkassen durch die Gesellschaft bezahlt.
Rechte als „Hemmschuh“
Unterstützung erhält Zumtobel von seinem Parteigenossen, dem Tiroler SP-Verkehrssprecher Christian Kovacevic, der auf EU-Ebene ein „rigoroses Umdenken“ fordert. Als „Hemmschuh“ bezeichnet Kovacevic hingegen „Rechtsaußen-Parteien wie die FPÖ, die wie der italienische Verkehrsminister Salvini die Frächterlobby lieber verhätschelt als für die verkehrsgeplagte Bevölkerung einzustehen.“
Gleichzeitig sei auch die tatsächliche Zweckmäßigkeit von Straßentransporten quer durch den Kontinent zu hinterfragen. Meist stünden dahinter ausländische Firmen, „die ihre Fahrer massiv unter Druck setzen und vielfach auch unverschämt ausbeuten“, so der SPÖ-Verkehrssprecher. Mehr Regionalität hätte hier viel Potential, doch könne eine solche nur durch die „faire Bemautung von überflüssigen internationalen Transporten“ gefördert werden.
Grüne wollen Slot-System, für FPÖ ist Schiene keine Alternative
Die Grünen sehen den Brennerbasistunnel als entscheidendes Puzzleteil für die Verlagerung des Verkehrs von der Straße auf die Schiene. Damit eine solche tatsächlich stattfindet, schlägt Landessprecher Gebi Mair eine Obergrenze für Straßendurchfahrten und ein digitales Ticketsystem vor.
„Künftig soll nur mehr auf der Straße fahren dürfen, wer ein solches Ticket hat“, so Mair. Ein derartiges Slot-System sei von Landeshauptmann Anton Mattle bereits im Jahr 2023 angekündigt worden, seither herrsche jedoch „beklemmende Stille“.
Für die FPÖ stellt die Schiene „derzeit keine Alternative“ dar, deren Tiroler Verkehrssprecherin Evelyn Achhorner hält die geforderte Verlagerung für „leeres Gerede“.
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