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„Bin im Netz!“ heißt jedenfalls „nicht hier“ 

Bildhauerin Rosmarie Lukasser widmet sich seit Jahren dem prägendsten Phänomen unserer Gegenwart.

Ein Blondschopf, Anfang 30, sitzt in einem dunklen Raum, an dessen Wänden sich, Buch an Buch, Weltwissen stapelt. Angestrengt starrt er in einen Röhrenmonitor, der sich im Vordergrund in das Bild drängt. „Bin ich da schon drin, oder was?“ Dann die Erleichterung: „Ich bin drin!“ Boris Becker, bereits mit siebzehn Champion in Wimbledon, war jetzt, das wollte der Werbespot von 1999 uns vermitteln, aus einem Märchen endlich im normalen Leben angekommen. Im Internet.


Rosmarie Lukassers Arbeit kreist um die Maschen des World Wide Web. Foto: Galerie Krinzinger/eSeL

Als Rosmarie Lukasser nicht einmal zehn Jahre später mit ihrer künstlerischen Annäherung an „...bin im Netz“ begann, hatte sich das Bild grundlegend verändert. Junge Menschen, die sich – kurzzeitig oder auch schon längerfristig – in den Maschen des World Wide Web verfingen, waren keine Prominenten, sondern in der Regel anonym und in immer größer werdender Zahl auch außerhalb des bürgerlichen Lebensstils zu finden.

Die bis heute dauernde Recherche der aus Ainet stammenden Bildhauerin zu dem wohl prägendsten und wie kein anderes in Richtung Zukunft rasenden Phänomen unserer Gegenwart würdigt nun der erste Band einer von Silvia Höller, Leiterin der RLB Kunstbrücke in Innsbruck und über viele Jahre auch des Lienzer RLB Ateliers, herausgegebene Reihe, die den „Geschichten und Bildwelten von Tiroler Künstlerinnen sowie non-binären und queeren Positionen“ eine offene Plattform zur Verfügung stellen will: kunst.perspektiven.tirol erschien vor einem Monat im SIMB-Verlag.

Wie „in die Zukunft weisende prähistorische Grabkammern“ muten Ausstellungssituationen wie diese an. Kunsthaus Graz, 2014.

Menschliche Figuren, deren Skelett mit Hasengitter und einer fragmentierten Schicht aus Gips umhüllt ist, posieren, den Oberkörper tief gebeugt, im Schneidersitz am Boden, in entspannter Haltung, und, um die Hände von Zwängen der Statik zu entlasten, die Ellenbogen symmetrisch auf die weit auseinandergespreizten Knie gestützt. Manche liegen auf dem Bauch und wieder andere stehen. Die Variationen von Haltung und Bewegung sind dem Bedienen digitaler Endgeräte geschuldet. Diese sind selbst nicht sichtbar, leuchten ihren Benutzern jedoch aus LEDs und manchmal auch aus gewöhnlichen Glühbirnen entgegen.

Ausstellungssituationen, die „wie in die Zukunft weisende prähistorische Grabkammern anmuten“ verkehren die Anfänge des Bildermachens vor mindestens 30.000 Jahren, als aus dem Reich der Tiere ein Wesen hervortritt, das keine Einheit mit seiner ökologischen Nische mehr bildet, in ihr Gegenteil. Lukasser kartiert die Topologie ihrer Akteure in charmanten Grafiken, die zeichnerische Fingerübungen ganz zwanglos auf Millimeterpapier mit Diagrammen unterschiedlicher Netzfunktionen verbinden.


Rosmarie Lukasser kartiert die Topologie ihrer Akteure in Bewegungsstudien auf Millimeter-Papier. Foto: Carmen Alber/Galerie Krinzinger

„Bin im Netz …“, heißt jedenfalls „nicht hier“. Was wie eine unverfängliche Ortsangabe – „bin im Haus, im Garten, beim Bäcker“ – daherkommt, erweist sich als konzeptuelle Metapher für die Dissoziation von mentaler und physischer Präsenz. So, wie die Spötter damals schon mutmaßten, dass Boris Becker mit seinem „Ich bin drin“ in Wahrheit seinen One-Night-Stand in der berühmten Besenkammer adressiert hatte.

Sexualkontakte, vermutet die Wissenschaft, funktionieren nach dem Muster skalenfreier Netzwerke, in denen die Mehrheit der Knoten nur wenige, einige jedoch unvorstellbar viele Verbindungen vorweisen können. Ihr Wachstum unterliegt dem Potenzgesetz: Während die Reichen ihren Reichtum vermehren, verhungern die Armen. Es ist kein Geheimnis, dass dieses Prinzip sich im Internet vorbildlich bestätigt. Drei Milliarden Nutzer allein von WhatsApp, sind mehr als doppelt so viele wie Mitglieder der katholischen Kirche, die ihr Angebot allerdings deutlich weniger nutzen. Meta ist eben auch Religion.

Lukassers jüngste Figuren sind in Terrakotta verfestigt ... Foto: R. Lukasser
... und so durch Material und Handwerk geerdet. Foto: Helena Sekot

Damit aber nicht genug: Die Kommunikation mit den Big Playern ist ein Geben und Nehmen, in dem die Masse der Armen bedenkenlos die Reichen zu füttern bereit ist. Die von Markus Gabriel skizzierte Perspektive, dass die künstliche Intelligenz alles, was sich digitalisieren lässt – Sprache, Verhalten, Problemlösen usw. – bald besser können wird als wir, hat der Menschheit nach Kopernikus, Darwin und Freud eine weitere, grundstürzende Kränkung hinzugefügt. Damit bekommen auch Lukassers Skulpturen, deren neueste sie, um sie durch Material und Handwerk zu erden, in Terrakotta verfestigt, eine neue, überraschend aktuelle Bedeutung.

Dass der Mensch sein Bewusstsein, seine Emotionen und die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken bemüht, um Orientierungsmarken zu setzen „die uns helfen, auch in Zukunft unseren Platz in der Welt zu finden“ (Rüdiger Safranski), darf man dann wohl am ehesten von Künstlerinnen und Künstlern erwarten.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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