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Neben Versorgung und Therapie setzen Maria Auer und ihre Kolleg:innen stark auf Prävention. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Neben Versorgung und Therapie setzen Maria Auer und ihre Kolleg:innen stark auf Prävention. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

„Der Drogenkonsum ist stark gestiegen!“

Osttirols Sozialinstitutionen reagieren auf die Suchtproblematik. Pro Mente-Leiterin Maria Auer im Podcast.

Erneut ist in Osttirol ein junger Mensch an den Folgen von Drogenkonsum gestorben. Nach mehreren tragischen Todesfällen durch Drogenkonsum in Tirol ist die Suchtproblematik nun auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit angekommen.

Dass Osttirol keine „Insel der Seligen“ ist - und diese wohl auch nie war - das spüren die sozialen Einrichtungen im Bezirk tagtäglich bei ihrer Arbeit mit suchtkranken Menschen. Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung bei der Einrichtung pro mente tirol in Lienz, wo immer mehr junge Menschen mit psychischen Problemen und zusätzlicher Suchterkrankung Hilfe suchen, wie Leiterin Maria Auer im Podcastgespräch berichtet. In der Folge geraten bestehende Angebote an ihre Grenzen – fachlich, personell und strukturell.

Pro mente tirol berät und begleitet Menschen mit psychischen Erkrankungen. Viele der jungen Klient:innen wünschen sich Tagesstruktur und Halt, schaffen aber die dafür nötige Verbindlichkeit nicht, weil der akute Suchtdruck den Alltag dominiert. Termine werden verpasst, Betreuungen brechen ab, langfristige Beziehungsarbeit wird erschwert.

Um gemeinsam an dieser Problematik zu arbeiten, hat Maria Auer das Thema beim Vernetzungstreffen des „sozialen Teams“ eingebracht - einem seit über 20 Jahren bestehenden Netzwerk im Bezirk von mittlerweile rund 50 Einrichtungen. Dort zeigte sich sehr schnell, dass viele Organisationen mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Aus diesem Austausch heraus entstand eine eigene Arbeitsgruppe von rund 10 Einrichtungen, die auf unterschiedliche Weise mit diesem Thema konfrontiert sind. Ihr Ziel: Erfahrungen austauschen, Ressourcen bündeln und gemeinsam Ideen entwickeln, was Osttirol konkret an Angeboten für suchtkranke Menschen braucht.

Im Zentrum steht dabei die wachsende Zahl junger Konsument:innen und der Wandel der Drogenlandschaft. Auer bestätigt dabei, was auch Mediziner:innen und Suchtexpert:innen berichten: Das Bild der „klassischen Drogenkranken“, die jahrelang an der Nadel hängen, tritt in den Hintergrund. Stattdessen geht es immer häufiger um Mischkonsum - synthetische Partydrogen, Cannabis, Alkohol, Beruhigungsmittel wie Benzodiazepine, Ketamin. Besonders problematisch ist aus ihrer Sicht der frühe und langjährige Cannabiskonsum, der Psychosen auslösen kann, wenn das Gehirn noch in Entwicklung ist.

„Die Verfügbarkeit ist so einfach“, betont sie. Genau deshalb sei es wichtig, dass die Öffentlichkeit genauer hinschaut, dass Eltern, Schulen und Politik die realen Entwicklungen wahrnehmen und darüber reden.

Pro mente Tirol arbeitet nach dem „Model of Recovery“. Einer Haltung, die davon ausgeht, dass auch Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen wieder genesen können. Nicht zwingend im Sinn völliger Symptomfreiheit, sondern indem sie lernen, mit ihren Symptomen zu leben, Strategien zu entwickeln und Hoffnung zu schöpfen. Dieses langfristige, ressourcenorientierte Konzept stößt jedoch an Grenzen, wenn Sucht den Alltag dominiert. Auer schildert Fälle, in denen junge Menschen nur dann fähig sind zu einem Termin zu kommen, wenn sie zuvor konsumiert haben – ein Teufelskreis, aus dem ohne spezialisierte Unterstützung kaum ein Weg hinausführt.

Genau hier sieht der Arbeitskreis akuten Handlungsbedarf. Ein zentrales Anliegen sind niedrigschwellige, integrierte Angebote vor Ort, nach dem Vorbild der Drogenambulanz „Roots“ in Kärnten, wo medizinische, psychotherapeutische und sozialarbeiterische Hilfe unter einem Dach gebündelt wird. Stationäre Langzeittherapien seien wichtig, aber weit weg und mit langen Wartezeiten verbunden – eine Hürde für viele junge Osttiroler:innen.

Neben Versorgung und Therapie setzen Maria Auer und ihre Kolleg:innen stark auf Prävention. Es gibt bereits wertvolle Aufklärungsarbeit an Schulen, doch aus Sicht des Arbeitskreises braucht es mehr: frühe Vermittlung von Bewältigungsstrategien, damit Jugendliche Frust, Krisen und Druck anders als über Substanzen regulieren können. Hier knüpft auch das Projekt „Erste Hilfe für die Seele“ von pro mente tirol an, ein zwölfstündiger Kurs, in dem Laien lernen, psychische Krisen zu erkennen und Betroffene zu unterstützen, bis professionelle Hilfe greift.

Beim nächsten Treffen im Mai will die Arbeitsgruppe in Lienz ihre bisherigen Erkenntnisse bündeln - wir sind gespannt!


pro mente tirol

Beda-Weber-Gasse 6a 
9900 Lienz
Mag.a Maria Auer:
T +43 664 8821 8324

Mail: lienz@promente-tirol.at
Kontaktcafé für alle Interessierten findet jeden Montag von 15 Uhr bis 16 Uhr statt – ohne Anmeldung.
Ein unverbindliches Erstgespräch ist jederzeit möglich.


Der Dolomitenstadt Podcast ist ein akustisches Magazin, das die Redaktion von dolomitenstadt.at in Lienz zusammenstellt. Das Themenspektrum ist breit und beschränkt sich nicht nur auf die Region. Wir stellen spannende Projekte vor, widmen uns den Künsten und der Kunst des Lebens, schauen in Kochtöpfe und über den Tellerrand, greifen heiße Eisen an und diskutieren die Themen unserer Zeit mit Menschen, die etwas zu sagen haben. Zu finden auch auf Spotify und bei Apple Podcasts.

Evelin Gander ist nicht nur Stadtführerin und Biobäuerin, sondern auch Ideenlieferantin und Geschichtenerzählerin mit viel Einfühlungsvermögen. Thema ihrer Reportagen und Podcasts ist das Leben in all seinen Facetten.

4 Postings

jacqueline
vor 10 Stunden

Die Problematik ist doch jedem Professionisten hinlänglich bekannt aber es fehlen die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die Finanzierung von Einrichtungen und vor allem fehlt es an allen Ecken und Enden an Fachpersonal…wie in vielen anderen Bereichen auch. Es gibt zu wenig Therapieeinrichtungen und zu wenig Plätze und meistens fehlt auch der Wille und die Motivation der Betroffenen an Ihrer Situation etwas nachhaltig zu verändern. Das ist die Realität, das Problem zu vielschichtig und komplex aber wissen und sehen tun es alle.

 
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fokalu13
vor 20 Stunden

Ein Polizei bekannter Drogenumschlageplatz mitten im Wohngebiet mit vielen Kindern. Allseits bekannte Lokalitäten in denen die Drogen erhältlich sind. Offensichtlich haben die Drogendealer nichts zu befürchten. Wieviel Wegschauen, Verharmlosen und Ignoranz können wir uns noch leisten, nur um den Dorffrieden nicht zu gefärden. Nur zu hoffen, dass es die eigenen Kinder nicht betreffen wird, reicht nicht. Ich hoffe, dass die tragischen Todesfälle dazu führen, dass gehandelt wird.

 
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Highsociety
gestern

Für mich ist die gefählichste Droge der Alkohol. Er ist überall, jederzeit erhältlich und schon unter der überwiegenden Mehrzahl der Jugendlichen verbreitet. Er wird verharmlost, bringt in vielen vielen Familien Angst, Gewalt und Aggression.

 
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Stadtner
gestern

In Osttirol wird das Thema Drogen weiterhin kleingeredet – man schaut weg, statt hinzusehen. Würde man genauer hinschauen, wäre erschreckend klar, wie weit verbreitet Suchtmittel neben dem allgegenwärtigen Alkohol tatsächlich sind. In fast jedem Dorf gibt es Zugang, in Lienz sind Anlaufstellen und Personen längst auch außerhalb der Szene bekannt. An Schulen wird nach neuer „Kundschaft“ gesucht. Und was passiert? Kaum sichtbare Präsenz der Polizei an bekannten Hotspots, kaum konsequente Aufarbeitung, wenn Vorfälle an auftreten. Stattdessen lautes Schweigen. Nach zwei Todesfällen in so kurzer Zeit darf dieses Wegsehen kein Zustand mehr sein. Polizei und Politik müssen handeln und diese Aufgabe nicht wie üblich den Vereinen und NGOs, die die Politik dann gerne schlechtredet überlassen – und das zwar sichtbar und entschieden. Da wäre unsere Politik angehalten das Isländische Präventionsmodell zu studieren. Das erfordert aber den Einsatz von Mitteln für die Schaffung von Freizeitangeboten für Jugendliche. Etwas was leider stark vernachlässigt wird. Weiter aussitzen und auf den nächsten Todesfall warten wird sich auch die Politik nicht leisten können.

 
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