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Südtiroler Siedlung: Friesach legt vor, Lienz zögert

In Friesach wird ein „350-Euro-Wohnen“ umgesetzt. Konkrete Pläne für Lienz scheint es nicht zu geben.

Bürgermeisterin Elisabeth Blanik wartet ab. Dieser Anschein entstand zumindest im Rahmen der Gemeinderatssitzung im Februar, als Blanik im Zusammenhang mit dem Umbau des Kindergartens Heilige Familie andeutete, dass man nicht wisse, was mit der Südtiroler Siedlung passiert.

Doch schon vorher war die Frage, wie mit der 1941 fertiggestellten Siedlung für Südtiroler Optanten umgegangen werden soll, Gegenstand von Diskussionen, in denen die politische Riege in erster Linie durch Stillschweigen auffiel. So war die Lienzer Südtiroler Siedlung etwa im Wintersemester 2023/24 Thema einer Lehrveranstaltung an der TU Wien, woraufhin Studierende nach Osttirol reisten, um Vorschläge für den Stadtteil zu erarbeiten und mit relevanten Stakeholdern zu sprechen.

Auch die Architekten Georg Steinklammer und Stefan Breuer schalteten sich in den Diskurs ein, letzterer skizzierte einen Weg zur sanften Weiterentwicklung unter Einbeziehung der Stimme der Bewohner:innen. Geschehen ist seither allerdings wenig, weder Abriss- noch Umgestaltungs- oder Sanierungsmaßnahmen wurden angekündigt oder gar vorgenommen.

24 neue Wohnungen in Friesacher Kanaltalsiedlung

Blickt man über die Landesgrenze, ergibt sich ein anderes Bild, wie mit einer derartigen Siedlung umgegangen werden kann: Auch in der Kärntner Stadtgemeinde Friesach befinden sich in der Hubert-Hauser-Straße Gemeindehäuser aus dem Zweiten Weltkrieg, die im Stil der Südtiroler Siedlung gestaltet sind.

Den Zustand dieser „Kanaltaler Siedlung“ vor dem Umbau beschreibt Harald Repar, kaufmännischer Geschäftsführer der Neuen Heimat Kärnten, auf Anfrage von dolomitenstadt.at als hochgradig sanierungsbedürftig, den Einheiten seien nur mehr ein paar Jahre Bestand prognostiziert worden. Ähnlich wie in der Lienzer Südtiroler Siedlung gab es keine Heizung, keine Barrierefreiheit und einen Aufgang mittels Hühnerleiter, obwohl die Bewohner:innen größtenteils ältere Menschen sind.

Gegenüberstellung: Im Hintergrund erkennt man das Bestandsgebäude der 1939 erbauten Kanaltaler Siedlung, im Vordergrund die kürzlich fertiggestellte Neubauanlage der ersten Baustufe. Foto: LWBK

In zwei Bauabschnitten entstehen nun aber insgesamt 24 moderne, barrierefreie Wohnungen. Zwölf Einheiten wurden nach Abschluss der ersten Bauphase im April bereits an die Mieter:innen übergeben. Der zweite Abschnitt wird nahtlos fortgeführt.

Leistbares Wohnen durch Vielzahl an Maßnahmen

Dieses Bauprojekt, das im Schulterschluss vom Land Kärnten, der Stadtgemeinde Friesach und der gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft Neue Heimat umgesetzt wurde, ist gleich in doppelter Hinsicht speziell.

Zum einen fällt die attraktive Preisgestaltung auf, die gleichzeitig namensgebend für das Projekt ist. Die Zwei- und Drei-Zimmer Wohnungen in der Größe zwischen 40 und 58 Quadratmeter bieten hundertprozentige Barrierefreiheit, einen Lift, natürliche Be- und Entlüftung in allen Räumen und eine nutzbare Terrasse im Zugangsbereich - und das zu monatlichen Wohnkosten ab 350 Euro all inclusive.

Mit einem Lift erreicht man alle Wohnungen, die vollständig barrierefrei sind. Foto: LWBK

Laut Repar liegt die Nettomiete für die günstigste Wohnung bei 268 Euro. Mit Warmwasser, Betriebs- und Heizkosten sei eine Warmmiete von 350 Euro kalkuliert, schlussendlich könne der Preis aber sogar noch geringfügig darunter liegen.

Möglich ist diese Preisgestaltung, da an mehreren Stellschrauben gedreht wurde: Zunächst einmal wurden Subventionen in der Höhe von 80 Prozent aus der Kärntner Wohnbauförderung, der höchsten in ganz Österreich, lukriert. Eine wichtige Rolle spielt auch die Stadtgemeinde Friesach, die der Neuen Heimat durch einen Baurechtsvertrag über 80 Jahre das Grundstück für einen symbolischen Euro zur Verfügung stellt.

Zudem verzichtet die Stadt auf die Rücklagen am Bestandsobjekt, womit ein Großteil der Abbruchkosten finanziert werden kann. Auch die Konditionen für das Fremddarlehen sind ausgezeichnet, auf 85 Jahre erfolgt die Rückzahlung mit einem Fixzinssatz von 0,5 Prozent, wie Geschäftsführer Repar erläutert. Beim Lift erfolgte die Planung dergestalt, dass mit einem einzigen Aufzug alle Wohnungen erreicht werden können. Eine hauseigene Photovoltaikanlage sorgt schließlich im Bereich der Betriebskosten für Sparpotenzial.

„Gerade angesichts steigender Baukosten, hoher Energiepreise und allgemeiner Teuerung zeigt das Projekt, dass leistbares Wohnen durch effiziente Planung und innovative Konzepte weiterhin möglich ist“, resümiert die Wohnungsgesellschaft Landeswohnbau Kärnten, zu der die Neue Heimat gehört.

Einbezug der Bewohner:innen von Tag eins

Doch nicht nur der Preis spricht für das Projekt, sondern auch die Art und Weise, wie mit den Mieter:innen umgegangen wurde. Die vielfach bereits betagten Bewohner:innen seien vom ersten Tag in das Vorhaben einbezogen worden, indem beispielsweise die Entwurfspläne im Rahmen einer Meiterversammlung gezeigt wurden. Diese seien mit Begeisterung aufgenommen worden, erinnert sich Repar zurück. Die Mieter:innen hätten geäußert, ein solches Vorhaben nach all den Jahren gar nicht mehr erwartet zu haben.

Repar berichtet auch von einer 1938 geborenen Dame, die im Alter von drei Jahren in ein Gebäude in der Hubert-Hauser-Straße eingezogen war und seither 85 Jahre im alten Gebäude gewohnt hatte. Mittlerweile wohnt sie in ihrer neuen Wohnung mit Parkettboden, Terrasse und modernem Bad.

Schlüsselübergabe: Die ersten Bewohner:innen haben ihre neuen Wohnungen bereits bezogen, von links: CSE Harald Repar, Eigentümervertreterin Gaby Schaunig, drei Mieter:innen, Bürgermeister Josef Kronlechner (hinten), Vizebürgermeisterin Ursula Heitzer, Aufsichtsrat Walter Zemrosser. Foto: LWBK

Auch aus dem Büro des Friesacher Stadtoberhaupts (SPÖ) wird auf die weitreichende Einbeziehung der Mieter:innen hingewiesen: „Bürgermeister Josef Kronlechner hat jeden einzelnen Mieter und jede Mieterin persönlich besucht, das Projekt erklärt und sie umfassend informiert. Aufgrund des sanierungsbedürftigen Zustandes der Bestandsobjekte zeigten alle Betroffenen großes Verständnis für das Vorhaben und waren mit den geplanten Maßnahmen sofort einverstanden. Uns war es besonders wichtig, einen breiten Konsens herzustellen, da während der Bauphase gewisse Einschränkungen in Kauf genommen werden müssen“, heißt es in einem Statement.

Keine Übersiedlung während der Bauarbeiten

Die Aufteilung in zwei Bauphasen ermöglicht, dass die vormaligen Mieter:innen während der Arbeiten in ihren Bestandswohnungen verbleiben konnten. Die ersten zwölf Wohnungen wurden nämlich auf einer Freifläche errichtet, wodurch die alten Gebäude erst nach der Schlüsselübergabe abgerissen werden. Das gleiche System wird im zweiten Bauabschnitt angewendet, sodass sich am Ende die Freifläche zwar verschiebt, im Endeffekt aber erhalten bleibt.

Hinsichtlich der Bewohner:innen der neuen Wohnungen schildern Neue Heimat und Stadtgemeinde unisono, dass in erster Linie Bestandsmieter:innen einziehen. Da aber mehr Einheiten als vorher geschaffen wurden, werden die voraussichtlich neun verbleibenden Wohnungen auf Basis von vorliegenden Wohnungsansuchen vergeben. Die Zuteilung erfolgt „nach sozialen Voraussetzungen und den jeweils maßgeblichen Vergabekriterien, um Wohnraum jenen Personen zur Verfügung zu stellen, die ihn besonders benötigen“, so Kronlechner.

Neue Heimat Tirol verweist auf Austausch mit Stadtgemeinde Lienz

Inwieweit das Projekt in Kärnten auch für die Neue Heimat Tirol ein gelungenes Beispiel darstellt und ob sich dieses Modell auf die Südtiroler Siedlung in Lienz übertragen ließe, bleibt auf Anfrage von dolomitenstadt.at unbeantwortet.

Stattdessen wird lediglich auf unbestimmte Gespräche mit der Stadtgemeinde verwiesen: „Aktuell befinden wir uns im Austausch mit der Stadtgemeinde, welche Möglichkeiten es für den Standort gibt. In Nordtirol gibt es bereits erste Referenzprojekte, die von der NHT erfolgreich abgeschlossen wurden. Zu Südtiroler Siedlung in Lienz können wir zum derzeitigen Zeitpunkt noch keine konkreten Inhalte bzw. einen Fahrplan nennen. Ganz wichtig ist uns dabei jedenfalls eine enge Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner im Vorfeld", so die Antwort der Neuen Heimat Tirol.

Kristina Sint hat Lehramt studiert und den Masterlehrgang „Journalismus und Medienarbeit“ abgeschlossen. Sie unterrichtet an der MS Egger-Lienz und lebt bei dolomitenstadt.at ihre Faszination fürs Schreiben und spannende Geschichten aus.

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