Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) warnt vor einer zunehmenden De-Professionalisierung der Pflege. Mit dem Einsatz von weniger qualifiziertem Personal bei gleichzeitiger Einschränkung professioneller Kompetenzen gefährde man die Versorgungsqualität, hieß es am Donnerstag. Laut einer Umfrage sorgt sich die Mehrheit der Bevölkerung um die langfristige Sicherstellung der Pflege. Auch die Gewerkschaften und der Samariterbund deponierten Forderungen.
Wenn man an der Qualifikation spart, spare man am falschen Ende, erklärte ÖGKV-Präsidentin Elisabeth Potzmann auf einer Pressekonferenz in Wien im Vorfeld des „Tags der Pflege" am 12. Mai. Die Folgekosten würden somit höher, während gleichzeitig die Qualität sinke und die Belastung für Patient:innen sowie Angehörige steigen würde. Potzmann verwies auch neuerlich auf Forderungen nach einer Kompetenzausweitung, etwa bei der Medikamentenverschreibung durch diplomierte Kräfte.
Sorgen um Zukunft der Pflege
Vorgestellt wurde auch eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschers Peter Hajek im Auftrag des ÖGKV, demnach würde zwar eine knappe Mehrheit (56 Prozent) die Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Österreich als „gut“ beurteilen - das sei allerdings „noch“ so der Fall, wie Hajek betonte. Gleichzeitig hält jedoch rund ein Drittel die Versorgung für „eher schlecht“.
Noch deutlicher ist die Verunsicherung mit Blick in die Zukunft: Nur etwa ein Drittel der Bevölkerung hat Vertrauen, dass die Politik die Pflege langfristig sicherstellen kann, während 65 Prozent „wenig“ oder „gar kein“ Vertrauen haben. Zudem mache sich eine klare Mehrheit Sorgen, im Pflegefall nicht ausreichend versorgt zu werden, hieß es. Mit der selbst oder in der Familie in der Vergangenheit schon erfahrenen Pflege ist die Zufriedenheit hingegen hoch: 80 Prozent gaben an, „sehr“ oder „eher“ zufrieden gewesen zu sein.
De-Professionalisierung gefährdet Versorgung
Kritik übte der ÖGKV an einer „strukturellen De-Professionalisierung“ der Pflege. Der gehobene Dienst sei für den gesamten Pflegeprozess verantwortlich - von der Einschätzung bis zur Evaluation, so der Verband. Wenn diese fachliche Steuerung durch diplomierte Pflegefachpersonen fehlt, würden Komplikationen steigen und Aufenthalte verlängert, womit das System ineffizienter werde, so Potzmann.
Potzmann: Pflegekräfte sollen rezeptfreie Medikamente verschreiben dürfen
Besondere Kritik äußerte ÖGKV-Präsidentin Potzmann einmal mehr am „politischen Nichthandeln“ bei der geplanten Arzneimittelverschreibung durch Pflegefachpersonen. Konkret geht es dabei um das Ermöglichen der „Verschreibung“ von einfachen Medikamenten durch diplomierte Pflegekräfte, also rezeptfrei in der Apotheke käufliche - sogenannte „Over the counter“-Arzneimittel.

Auch diplomierten Pflegekräften ist das eigenständige Besorgen und Weitergeben derartiger Medikamente derzeit nicht gestattet. Benötigt beispielsweise ein Heimbewohner ein in der Apotheke ohne Rezept erhältliches Kopfwehmittel, so muss das von einem Arzt verordnet werden, was mitunter mühsame Wege und Bürokratie nach sich zieht.
Ausständig ist dazu eine neue Arzneimittelverordnung, für die bereits im Herbst 2025 eine neue Medikamentenliste für diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen (DGKP) angekündigt worden war. Zur Frage, wer hier säumig sei, sagte Potzmann, dass es zur Umsetzung der Verordnung die Zustimmung sowohl der Ärztekammer als auch des Gesundheitsministeriums brauche - „das liegt beides nicht vor“.
Hajek verwies darauf, dass laut der Umfrage rund zwei Drittel der Bevölkerung die Idee unterstützen, dass Pflegekräfte bestimmte Medikamente verschreiben dürfen. Ähnlich viele vertrauen demnach darauf, dass dies verantwortungsvoll erfolgt. Hier würden vorhandene Kompetenzen nicht genutzt, so Potzmann. Damit werde Innovation gebremst und Entlastung verhindert, was bei der hoch qualifizierten Berufsgruppe auch zu Frustration führe.
Warnung vor langfristig höheren Kosten
Die aktuelle Entwicklung sei aus volkswirtschaftlicher Sicht „nicht nachhaltig“. Wenn qualifizierte Pflege zurückgedrängt wird, würden an anderer Stelle höhere Kosten im System entstehen, etwa durch vermeidbare Komplikationen, verwies der ÖGKV etwa auf Stürze, Infektionen, Druckgeschwüre oder Medikationsfehler. Diese können zu längeren Aufenthalten und häufigeren Wiederaufnahmen führen. Darauf verwies auch Monika Köppl-Turyna, Direktorin von EcoAustria: „Sparen und Kürzungen jetzt verursachen Folgekosten.“
ÖGKV fordert „klares Umdenken“
Der ÖGKV fordert nun ein „klares Umdenken“ vonseiten der Politik. Verschiebungen von Befugnissen in kürzere und weniger ausgebildete Berufe seien „hintanzuhalten“, wenn es zu Befugniserweiterung kommt, „dann nur mit entsprechender Ausbildung“, betonte Potzmann.
Gleichzeitig drängte sie darauf, dass derzeit delegationspflichtige Tätigkeiten in eigenverantwortliche Berufsausübung umgewandelt werden, etwa beim Wundmanagement oder bei einfachen Tests wie Blutzuckermessungen. Hierbei braucht es aktuell jeweils die Anordnung durch einen Arzt, das verursache „unnötige Reibungsverluste“. Ebenfalls auf der Wunschliste des ÖGKV stehen „nachhaltige Investitionen“ in qualifizierte Pflege und eine weitere Ausbildungsoffensive. Gestärkt werden solle auch die freiberufliche Pflege, sagte Potzmann.
Gewerkschaft fordert steuerliche Entlastung
Die Gewerkschaften GÖD-Gesundheitsgewerkschaft und younion forderten am Donnerstag Anreize für Vollzeitarbeit, die Existenzsicherung für Auszubildende und auch die Umsetzung sowie Ausweitung der Schwerarbeitsregelung. Man begrüße zwar die Berücksichtigung der Pflege im Doppelbudget, entscheidend sei jedoch, wie die Mittel eingesetzt werden und ob sie bei den Beschäftigten tatsächlich ankommen, hieß es in einer Aussendung.
Als Maßnahmen schlagen die Gewerkschaften steuerliche Anreize ab der 32. Stunde vor, sowie eine existenzsichernde Anstellung aller Auszubildenden im Gesundheitsbereich. Studien würden bestätigen, dass viele Beschäftigte im Gesundheitswesen bereit wären, ihre Arbeitszeit zu erhöhen, „wenn sich das im Netto besser auswirken würde“, hieß es.
Ausweitung der Schwerarbeitsregelung gefordert
Bei der Schwerarbeitsregelung fordert die Gewerkschaft, dass die Regelung auf weitere Berufsgruppen ausgeweitet werden soll. Zwölf Arbeitstage im Schichtdienst müssten für die Schwerarbeitsanerkennung reichen - „egal für welche Berufsgruppe“, so Reinhard Waldhör, Vorsitzender der GÖD-Gesundheitsgewerkschaft.
Auch der Pflegebonus müsse über 2028 hinaus durch den Bund abgesichert werden. „Wer die Versorgung absichern will, muss dafür sorgen, dass Menschen gerne in diesen Berufen arbeiten, länger gesund bleiben und für ihre Leistung die angemessene Anerkennung bekommen“, sagte auch Edgar Martin von der younion.
Samariterbund: Bis 2050 rund 730.000 Pflegegeldbezieher
Auch der Samariterbund mahnte in Richtung Politik ein, begonnene Reformschritte fortzuführen. Die Anerkennung der Pflege als Schwerarbeit oder die Ausweitung der Kompetenzen von diplomiertem Pflegepersonal seien „wichtige erste Schritte“ gewesen - „es bedarf aber mehr“, sagte Samariterbund-Geschäftsführer Andreas Balog in einem Pressestatement.
Eingefordert wird vom Samariterbund insbesondere „Planungssicherheit, gezielte Investitionen, der Ausbau alternativer Wohnformen und eine weitere Attraktivierung des Pflegeberufs“. Hier zählte Balog u.a. moderne Arbeitsmodelle, Entlastungsangebote im Berufsalltag sowie klare Entwicklungsperspektiven für Pflegekräfte auf.
Auch verwies er anhand der demografischen Prognosen auf den künftigen Bedarf: Bis ins Jahr 2050 werde die Zahl der Pflegegeldbezieher um rund 57 Prozent auf über 730.000 steigen, wodurch die Notwendigkeit qualifizierter Pflegekräfte deutlich wachse.
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