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Tirol ist Schlusslicht bei Ganztagsschulen

Nur 18,75 Prozent der Schüler:innen in Tirol werden nachmittags in der Schule betreut.

Die Grüne Nationalratsabgeordnete Sigrid Maurer befragte Neos-Bildungsminister Christoph Wiederkehr in einer parlamentarischen Anfrage zum Stand des Ausbaus ganztägiger Schulformen.

Die Antwort aus dem Bildungsministerium macht deutlich, dass die meisten Kinder in Österreich noch immer eine Halbtagsschule besuchen. 33,7 Prozent der Kinder an Volks- und Mittelschulen sowie AHS-Unterstufen können im laufenden Schuljahr das Angebot einer ganztägigen Betreuung an ihrem Schulstandort in Anspruch nehmen. Nur 8,1 Prozent waren dabei an einer „echten“ Ganztagsschule angemeldet, in der sich Unterricht mit Lern- und Freizeit abwechselt.

Tirol mit niedrigster Betreuungsquote

Regional sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern aber enorm: Während in Wien 56,6 Prozent der Pflichtschüler:innen eine schulische Ganztagesbetreuung bekommen, liegt die Betreuungsquote in Tirol bei gerade einmal 18,75 Prozent.

Echte Ganztagsschulen sind Ausnahme

Ähnlich verhält es sich mit den verschränkten Ganztagsschulen, in denen Unterrichts-, Lern- und Freizeiteinheiten über den ganzen Tag verteilt stattfinden können. Diese sind österreichweit ein Minderheitenprogramm. Entsprechend sind in den vergangenen Jahren gerade einmal 37 Standorte dazugekommen, wobei auch Schulen mitgezählt werden, in denen nur einzelne Klassen verschränkt geführt werden.

Von den aktuell 252 „echten“ Ganztagsschulen sind 134 in Wien, das auch fast zur Gänze für das kleine Plus verantwortlich ist. In Tirol, ebenso wie in Vorarlberg, Oberösterreich und Salzburg, wurde das Angebot des Ganztagsschulmodells hingegen sogar zurückgefahren.

Grüne: Fehlende Betreuung führt zu niedrigen Geburtenzahlen

Aus Sicht der Tiroler Landtagsabgeordneten Zeliha Arslan (Grüne) seien diese „politischen Versäumnisse“ der Grund für die niedrigen Geburtenraten. Damit reagiert Arslan auf die von ÖVP-Familienministerin Claudia Bauer lancierte Debatte, wonach negative Kommentare im Internet junge Menschen vom Kinderkriegen abhalten würden.

Zeliha Arslan sieht die ÖVP in der Verantwortung. Diese habe es „verschlafen“ eine Infrastruktur zu schaffen, die Eltern das Arbeiten in Vollzeit ermöglicht. Foto: Land Tirol/Christanell

„Die Menschen entscheiden sich nicht wegen Kommentaren im Internet gegen Kinder, sondern weil Kinder in Österreich und Tirol für viele Familien immer noch mit Einkommensverlusten, Überlastung und fehlender Vereinbarkeit verbunden sind“, kontert Arslan.

Teilzeit-Debatte

Angesichts des niedrigen Wertes von 18 Prozent der Tiroler Unterstufenschüler:innen, die eine Nachmittagsbetreuung in Anspruch nehmen können, positioniert sich Arslan auch in der Teilzeit-Debatte: „Die ÖVP redet gerne über Eigenverantwortung und zeigt mit dem Finger auf Eltern in Teilzeit. Gleichzeitig hat sie jahrzehntelang genau jene Infrastruktur verschlafen, die Vollzeitarbeit überhaupt ermöglichen würde“, so die Landtagsabgeordnete. Auch in der Betreuung von Kleinkindern hinke Tirol den anderen Bundesländern weit hinterher.

Obermüller erinnert an grüne Regierungsverantwortung

Nicht gelten lässt diese Kritik Neos-Klubobfrau Birgit Obermüller, die an die Regierungsverantwortung der Grünen erinnert. „Die Grünen nehmen beim Thema Ganztagsschulen aktuell den Mund sehr voll. Dabei waren sie von 2013 bis 2022 selbst Teil der Tiroler Landesregierung und gerade Tirol ist heute Schlusslicht beim Angebot an Ganztagsschulen.“

Mehrere Gründe für niedrige Quote

Als zentrale Ursachen für die niedrige Nachmittagsbetreuungsquote in Tirol nennt Obermüller die kleinteilige Tiroler Schulstruktur im ländlichen Raum, massive Qualitätsprobleme beim Freizeitpersonal sowie fehlende Infrastruktur. „Nach der GemNova-Pleite hätte das Land einen echten Qualitätsturbo zünden müssen. Stattdessen erleben wir bei der Nachfolgegesellschaft KIB einen laufenden Wechsel der Geschäftsführungen und bis heute kein ausreichendes Fort- und Weiterbildungsangebot. Die hohe Fluktuation überrascht daher überhaupt nicht.“

Birgit Obermüller lässt die Kritik der Grünen nicht gelten: „Die Grünen kritisieren heute Probleme, die sie in ihrer eigenen Regierungszeit jahrelang mitverwaltet haben." Foto: Dolomitenstadt

Auch viele Gemeinden würden sich laut Obermüller bis heute vor dem Ausbau drücken. „Es wird ständig behauptet, der Bedarf sei nicht da. Aber zuerst muss das Angebot vorhanden sein und Eltern müssen Vertrauen in die Qualität haben. Erst dann melden sie ihre Kinder auch an.“

Besonders kritisch sieht Obermüller die oft geforderte verschränkte Ganztagsschule. „Diese Form funktioniert realistisch nur an größeren Standorten. Kleine Schulen können das personell kaum abbilden, weil das Freizeitpersonal sonst enorme Leerlaufzeiten hat. Gleichzeitig sind viele Tiroler Schulgebäude noch gar nicht dafür ausgelegt. Unterricht, Freizeitbetreuung und Ruheräume können nicht einfach dauerhaft im selben Raum stattfinden.“ 

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