Ma ist in der Ästhetik Japans die Beziehung zwischen Raum und Objekt, zwischen Aktion und Pause, Werk und Betrachter, das „Dazwischen“ an sich.
Nicht, dass dem Westen das Gefühl unbekannt wäre. Es motivierte die Arbeit Gustav Klimt und der Sezessionisten, der Wiener Werkstätten und Josef Hoffmanns, die serielle Musik von Schönberg bis John Cage, in dessen berühmtesten Werk ein Pianist 4 Minuten und 33 Sekunden an seinem Instrument sitzt, ohne eine einzige Note zu spielen – eine gedehnte Pause, in der die nur scheinbare Stille des Raumes selbst zur Musik wird: „eine Leere voller Möglichkeiten, wie ein noch zu erfüllendes Versprechen“.

Wir aber sind es gewohnt, das Werk aus seiner Umgebung zu lösen, um es allen möglichen Kontexten verfügbar zu machen: der kunstwissenschaftlichen Analyse wie seiner kommerziellen Verwertung. Dagegen setzen sich die Versuche, Ausstellungsräume mit Stehleitern, Plastikkübeln und sonstigen Alltagsobjekten zu akzentuieren, auf eher triviale Weise zur Wehr. Von nichts kommt nichts.
„Mehr als nichts“ nennt sich die Schau von Fritz Tiefenthaler und Fritz Ruprechter im Westtrakt des Museums Schloss Bruck, die mit dem Begriff subtiler und wesentlich intelligenter umgeht. Schon die erste Wand des Ausstellungsraumes macht deutlich, dass Ruprechters Aquarelle als Unikate nur deshalb zu lesen sind, weil sie das Konzept auch im einzelnen Blatt kultivieren, jedoch über dieses hinaus auf jenen Zeitraum verweisen, in dem die Serie entstanden ist: 184 Tagwerke ergeben ein halbes Jahr. Jedes einzelne trägt sein eigenes Datum und gleichviel, ob dieses durch die Übereinstimmung mit seinem Geburtstag Begehrlichkeiten eines möglichen Käufers zu wecken vermag: Entweder ganz oder gar nicht.


Ruprechters Bilder sind Variationen einfacher Muster, Farbstreifen, Linien und Faltungen, Licht und Schatten. Durch die Änderung des Blickwinkels, die Bewegung im Raum, erwachen sie zum Leben und treten in den Dialog mit ihrem Betrachter. „Es wird allgemein angenommen, dass alles, was ist, in Worte gefasst werden kann“, widerspricht Agnes Martin dem Paradigma Wittgensteins, und „alles kann man ohne Darstellung malen, denn es geht nicht um Tatsachen, es geht um Gefühle“. Agnes Martin ist Ruprechters Lieblingsmalerin. In der Ausstellung hat er ihr eine dreißigteilige Serie gewidmet.
Als Geschichte von Beziehungen erweitert die Schau den Horizont von Ruprechters Werk abseits formaler Bezüge, die zwischen ihm und seinem Onkel, dem 2010 verstorbenen Bildhauer Fritz Tiefenthaler, ohnehin schwer auffindbar wären. „Hauptsache sie sind auf der Welt“, soll dieser seine Zurückhaltung bei der Veröffentlichung jener Skulpturen gerechtfertigt haben, mit denen er seine ganz eigene, stets der menschlichen Figur verpflichteten Abstraktionen des Wechselspiels von Bewegung und Ruhe entwickelt und sich von der Linearität seines Lehrer Fritz Wotruba emanzipiert hat. In einem gesonderten Raum sind zehn Beispiele aus drei Schaffensperioden versammelt.


Zwei davon sind über das Stadium der Kleinplastik hinausgewachsen. Ein monumentales Kruzifix wurde vor zwei Jahren am Matreier Friedhof aufgestellt, ein „Sarkophag“ stand bis zu deren Schließung im Hof der Städtischen Galerie Lienz. Die beiden monumentalen Liegefiguren, die Assoziationen zum Doppelgrab Michaels v. Wolkenstein und seiner Gemahlin in der Pfarrkirche St. Andrä hervorrufen, wurden deponiert, 20 Jahre vergessen und erst kürzlich wiederentdeckt. An den Grenzen zu ihrem Umraum, zwischen Himmel und Erde, wo der Zeichner mit dem Stift, unsereiner aber am liebsten mit dem Zeigefinger entlangfahren möchte, entfalten sie ihren stärksten Ausdruck. Eine Aufrichtung im Freien wäre die kongeniale Entsprechung der Form.
„Hauptsache er ist auf der Welt!“ Der Gedanke könnte Fritz Tiefenthaler zu Weihnachten 1950 motiviert haben, den neugeborenen Neffen in Gips zu modellieren und seiner Mutter als Geschenk darzubringen: Mehr als nichts! Jedenfalls bildet der Säugling eine berührende Klammer zwischen dem Werk der so unterschiedlichen Künstler, ebenso wie der von Tiefenthalers Sohn Martin subtil gestaltete Katalog, der zwei Temperamente, deren Arbeit und deren Geschichte miteinander verschränkt, ohne ihre Autonomie und Integrität anzutasten.
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