Die Kinder und das Smartphone – lange war dieses Thema auf Expert:innen-Runden beschränkt. Doch nun ist das Problem in der Mitte der Gesellschaft angekommen, in den einzelnen Haushalten und Schulklassen, in Elternrunden und auf Spielplätzen. Zu massiv und spürbar sind die körperlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen exzessiver Nutzung digitaler Geräte und sozialer Medien auf Kinder und Jugendliche geworden.
„Wir sind besorgt! Immer öfter hören wir, wie sehr digitale Medien, Computerspiele und Social Media Plattformen unsere Kinder negativ beeinflussen und sie solchen Einflüssen ausgeliefert sind. Das wollen wir für unsere Kinder ändern!“ – So beginnt ein offener Brief an Eltern und Erziehungsberechtigte, verfasst von der Regionalgruppe eines Vereins, dessen Obfrau wir bereits vorgestellt haben.
Stephanie Blase, zu Hause in Oberösterreich und erst vor Kurzem im Bezirk Lienz an Schulen und im Bildungshaus zu Vorträgen geladen, erfuhr bei ihrer Osttirol-Runde so viel Zuspruch, dass sich daraus die Gründung einer Regionalgruppe ihres Vereins Smartphone Freie Kindheit ergab.
Und diese Gruppe kann sich sehen lassen. Sage und schreibe 24 Ärzt:innen, 11 Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen, 53 Pädagog:innen und 13 Menschen mit therapeutischen und sozialen Berufen zählen zu den Unterzeichnern des Schreibens an alle Eltern des Bezirkes, das auch eine ausführliche Beschreibung der Risiken digitaler Medien für unterschiedliche Altersgruppen enthält und Zugang zu aktuellen Studien bietet.

Bei einem Mediengespräch in der analogen Atmosphäre der Stadtbücherei Lienz schilderten die via Bildschirm zugeschaltete Stephanie Blase, Kinderarzt Veit Krösslhuber, Psychologin Anita Granig und Barbara Mair als Mitinitiatorin der Osttiroler Gruppe ihre Sicht auf die korresponierenden Suchtmittel Smartphone und Social Media, eine Kombination mir erschreckenden Folgen, wie der Arzt und die Psychologion an Beispielen aus der Praxis belegen können.
Krösslhuber attestiert immer mehr Sprachprobleme und Symptome, die an Autismus erinnern, er würde den Kindern gerne ihre „verlorenen Pausen“ zurückgeben, Momente der Muse und Langeweile, in denen die Kreativität zu fließen beginnt. Therapeutin Anita Granig ist regelmäßig mit Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert, aber auch mit Mobbing und Traumatisierungen bereits bei Volksschulkindern.
Umso ermutigender ist die Energie der Gegenbewegung, die – von Stephanie Blase inszeniert und vorangetrieben – immer stärker um sich greift. Politisches Lobbying ist dabei ebenso ein Werkzeug, wie Graswurzel-Aktivitäten, die zum Beispiel am Lienzer Gymnasium schon Früchte tragen.
Dort wird es, wie Barbara Mair erzählt, im kommenden Schuljahr bereits eine erste Klasse geben, in der rund 50 Prozent der Kinder kein Smartphone besitzen. Stattdessen haben sie ein „Simple Phone“ in der Tasche, gut zum Telefonieren und Textnachrichten schreiben, aber ohne den krankmachenden Dauerbeschuss aus der Social Media Kanone.
Obwohl die Bewegung hin zu einer smartphonefreien Kindheit in Osttirol erst am Anfang ist, zeigt sich bereits beachtlicher Rückenwind und das hat einen Grund, den Barbara Mair aus vielen Gesprächen kennt: „Die meisten Eltern wünschen sich das.“
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