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SOS-Kinderdorf: Kommission kritisiert Aufarbeitung

„Man hat versucht, das Ganze unter der Decke zu halten“. 14 Prozent Rückgang bei Spenden.

Die nach den bekanntgewordenen Missständen an Standorten von SOS-Kinderdorf gegründete unabhängige Reformkommission unter der Leitung der ehemaligen Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, Irmgard Griss, hat am Freitag erste Ergebnisse präsentiert. Es wurde Gerüchten, vor allem was den Missbrauch durch den Gründer der Organisation, Hermann Gmeiner, betrifft, „nicht nachgegangen“, sagte Griss. „Man hat versucht, das Ganze unter der Decke zu halten“, so das Fazit der Kommission.

Zum Fall Gmeiner gebe es nun 16 Verdachtsfälle von sexuellem bzw. schwerem sexuellen Missbrauch, wobei acht Personen bereits entschädigt wurden. Fünf Personen hätten zu diesem Missbrauchskomplex einen Antrag gestellt, sagte Griss, das sei noch am Laufen.

Irmgard Griss (rechts) übergibt den Bericht der Reformkommission an den Aufsichtsratsvorsitzenden Friedrich Santner (SOS Kinderdorf) und die SOS Kinderdorf-Geschäftsführerin Carolin Porcham. Foto: APA/Steinmaurer

Ziel der neun Monate langen Untersuchung war, die Übergriffe sowie damit zusammenhängende Strukturen zu untersuchen, um daraus Empfehlungen für die Organisation abzuleiten. „Auch die Institution kennt unseren Bericht noch nicht“, sagte Griss zum Beginn der Pressekonferenz und überreichte dabei den Bericht der bei der Pressekonferenz anwesenden SOS-Geschäftsführung. 2.084 Unterlagen wurden dazu der Kommission übermittelt. „Die Unabhängigkeit wurde respektiert, wir haben alle Unterlagen bekommen“, sagte Griss. Die Zusammenarbeit habe sehr gut funktioniert.

Mehr als 200 Meldungen über Homepage

230 Meldungen über eine eigens eingerichtete Homepage wurden bearbeitet, dazu mit den Betroffenen 142 Gespräche geführt. Die Kommission hat sich dann in 26 Sitzungen getroffen und die Fragen besprochen, wie ist die Organisation mit den Vorwürfen umgegangen und „wie ist die Situation jetzt und welche Strukturen fördern den Kinderschutz, was ja die Aufgabe der Institution ist“, sagte Griss.

Umfasst war der Umgang der Organisation mit beiden Studien zu den Missbrauchsvorwürfen in Imst und Moosburg - insbesondere die Umsetzung der Empfehlungen -, sowie die Vorwürfe im sogenannten „Spenderfall“, wo ein Großspender im SOS-Kinderdorf Nepal Buben missbrauchen habe dürfen, und der Fall Hermann Gmeiner. Bei Gmeiner habe es Jahre hindurch Gerüchte gegeben, „denen aber nicht nachgegangen wurde“, betonte Griss. Man habe versucht, die „heroische Gründerfigur“ zu schützen.

Man wollte „guten Ruf“ schützen

„Es wurde alles getan, um den guten Ruf zu schützen“, sagte auch Kommissionsmitglied Hedwig Wölfl, Geschäftsführerin der Kinderschutzorganisation die möwe. Fehler seien nicht eingestanden und Probleme und Missstände nicht konsequent bearbeitet worden. Zudem sei es zu einer Durchsetzung patriarchaler Entscheidungsmacht und einer Fragmentierung von Wissen gekommen.

„Mein Eindruck war, dass das eine Organisation ist, die sich seit ihrer Gründung ständig verändert hat“, so Griss. Das anfangs etablierte Muttermodell - das Eltern-Kind-Wohnen - sei sukzessive zurückgedrängt worden. „Aber das ist der Öffentlichkeit so nicht übermittelt worden“, so Griss. Damit sei in der Öffentlichkeit ein Bild vermittelt worden, das spendenwirksam sei.

14 Prozent weniger Spenden

Die bekanntgewordenen Skandale wirkten sich natürlich auch auf die Spendenbereitschaft aus. Dem Wirtschaftsexperten Christian Purrer zufolge wurde 2026 ein Rückgang von 14 Prozent budgetiert. Er warnte aber vor entsprechenden Einsparungen im Betreuungsangebot und den Unterstützungsstrukturen.

„Gute Chance“ auf Erholung

Trotz aller bekanntgewordener Missstände sah die Reformkommission aber eine gute Chance, dass sich SOS-Kinderdorf wieder erholen wird. Ausschlaggebend dafür sei aber, dass die Vorschläge der Kommission - wie klare und transparente Kommunikation, das Zusammenführen von Wissen und eine rechtebasierte Beteiligung von Kindern und Jugendlichen - auch umgesetzt werden. „Sie sind auf einem guten Weg“, sagte Griss.

SOS-Kinderdorf wollte „sofort“ damit beginnen, sich mit den Inhalten des Reformberichts auseinanderzusetzen. „Aufgrund des umfassenden Berichts werden wir für die fachliche Analyse und Priorisierung der ersten Maßnahmen etwas Zeit benötigen. Wir haben uns daher ein Monat als Frist gesetzt“, sagte Carolin Porcham, Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf Österreich, in einer Aussendung. Hier soll auch die Öffentlichkeit über die ersten Schritte der Umsetzung informiert werden.

Einheitlicher Kinderschutz gefordert

Nun wird von politischer Seite her eine bundesweite Vereinheitlichung der Kinder- und Jugendhilfe gefordert. „Jetzt geht es darum, dass sich die Länder rasch auf ein einheitliches Niveau einigen. Kinder, die unter der Obsorge des Staates stehen, haben ein Recht auf bestmöglichen Schutz - unabhängig davon, in welchem Bundesland sie leben“, sagte NEOS-Familiensprecherin Gertraud Auinger-Oberzaucher. „Wir sehen uns durch den Bericht bestätigt - die Verländerung 2018 war ein großer Fehler. Sie hat dazu geführt, dass Sicherheits-, Qualitäts- und Personalstandards von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sind und teilweise extrem auseinanderdriften.“

Auch SPÖ-Kinderrechtesprecher Christian Oxonitsch betonte, dass bereits im Jänner der Nationalrat auf Initiative der Regierungsparteien einstimmig einen Entschließungsantrag beschlossen hat, der die Prüfung gesetzlicher Lücken im Kinderschutz fordert.

Bereits im Oktober 2025 wurde zudem ein Antrag beschlossen, dass die Familienministerin ehestmöglich einen Runden Tisch unter Einbeziehung der Bundesländer und Kinderschutzorganisationen einberufen soll. „Ich appelliere an die zuständige Familienministerin (Claudia, Anm.) Bauer (ÖVP, Anm.), diesen Runden Tisch unter Einbeziehung der Länder und der zentralen Stakeholder aus der Kinder- und Jugendhilfe endlich einzuberufen. Der Schutz unserer Kinder kann nicht länger warten“, so Oxonitsch.

Und auch der Dachverband Österreichischer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen (DÖJ) sieht sich in seinen Forderungen nach einer Vereinheitlichung und Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe auf Bundesebene bestätigt: „Der beste Kinderschutz sind ausreichende Ressourcen, gute Arbeitsbedingungen und höchste Qualitätsstandards.

Der Arbeitsort von Sozialpädagoginnen und -pädagogen ist der Lebensmittelpunkt von tausenden Kindern und Jugendlichen in ganz Österreich. Und dafür brauchen wir österreichweit die höchsten Standards und dafür die finanziellen Ressourcen. Das muss die Leitlinie des von Bundesministerin Bauer versprochenen Runden Tisches zur Kinder- und Jugendhilfe sein“, sagte DÖJ-Geschäftsführer Michael Lindner.

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