Die Tage des größten Gletschers Österreichs scheinen gezählt. Die 3,9 Kilometer lange Gletscherzunge der Pasterze wird nur noch durch ein dünnes Eisband mit dem nährenden Gletschereis am oberen Pasterzenboden verbunden. Nicht nur die GeoSphere Austria sondern auch der Gletschermessdienst des Alpenvereins und der Nationalpark Hohe Tauern halten ein Bestehen der Verbindung bis zum nächsten Jahr für unwahrscheinlich und nur bei entsprechender Witterung möglich.
Hohe Temperaturen zerstören wichtige Eisverbindungen
Die dauerhaft hohen Temperaturen erschweren das Bestehen der letzten Verbindung zwischen Zunge und Nährgebiet entlang des Hufeisenbruches. Durch den stetigen Rückgang der Gletscherzunge verlor diese wichtige Verbindungen zu anderen Nährgebieten, von denen ihr einst Eismassen zugeströmt wurden. Erst vor sechs Jahren, im Jahre 2020, schmolz die vorletzte Eisverbindung vom „Schneewinkel" und wurde von einem Wasserfall ersetzt. Auch der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins, welcher Messungen bereits seit 1891 durchführt, bestätigt den Rückgang der Gletscherzunge.

Erheblicher Eisverlust seit 1980
Vertreter der GeoSphere sprechen gar von einem Verlust von einer Tonne Eis pro Quadratmeter Gletscherfläche seit 1980. Andreas Kellerer-Pirklbauer, Leiter des ÖAV Gletschermessdienstes, weist ebenfalls auf die hohen Mengen an abgeschmolzenen Eis hin und vergleicht die 12,4 Millionen Kubikmeter verschwundenes Eis mit einem gigantischen Eiswürfel. Dementsprechend hat sich die Gletscherzunge von 230 Metern Breite im Jahr 2020 auf eine Breite von 120 Metern im Jahr 2025 fast halbiert. Die letzte bestehende Verbindung zwischen Zunge und Nährgletscher wird daher weiterhin sehr genau beobachtet.
„Die dabei abgeschmolzenen 12,4 Millionen Kubikmeter Eis entsprächen einem Eiswürfel mit 231,5 Metern Kantenlänge.“
Andreas Kellerer-Pirklbauer, Leiter des ÖAV Gletschermessdienstes
Hufeisenbruch wäre erstmals seit 5.000 Jahren „eisfrei"
Durch den Abriss der Gletscherzunge könnte auch der Hufeisenbruch erstmals seit 5.000 Jahren völlig von Eis befreit sein und seine Felsenwände präsentieren. Das würde gleichzeitig die Trennung und Abschmelzung der Pasterzenzunge vom restlichen Gletscher mit sich bringen. Die Zunge würde sich somit zu einer Toteisfläche verwandeln und absterben. Ob dieses Szenario noch dieses Jahr eintritt oder erst später, ist für die Wissenschaftler zweitrangig.

Pasterze wohl bald als größter Gletscher Österreichs abgelöst
Sollte die Pasterze ihre Zunge verlieren, gilt sie nicht mehr als größter Gletscher Österreichs, diesen Titel erhält dann der Tiroler Gepatschferner aus den Ötztaler Alpen. Doch auch der Gepatschferner im Kaunertal ist nicht vor den Folgen der Klimaerwärmung geschützt, dieser hat allein in den letzen fünf Jahren knapp 300 Meter an Länge verloren.
Die Gletscherzunge der Pasterze erhält schon seit 2010 zu wenig Eisnachschub von oben. Dadurch verhält sie sich jetzt schon wie Toteis und verzeichnet kaum noch Bewegungen. Die Eisfläche schmilzt also nicht nur dahin, sondern ist bald einem großflächigen Zerfall ausgeliefert.

Rückgang des Gletschers bietet Chance für neue Lebensräume
Das Gebiet rund um Großglockner, Pasterze und Gamsgrube wird bereits seit 40 Jahren als Sonderschutzgebiet bezeichnet und bildet das Herzstück des Nationalparks Hohe Tauern. Österreichs höchster Berg und (noch) größter Gletscher vereinen hier außergewöhnliche Lebensräume für Flora und Fauna. Die ökologische Wichtigkeit des Gebiets begründen nicht nur besondere Tierarten wie das Steinwild oder der Gletscherweberknecht, auch seltene Pflanzenarten wie die Alpenschotenkresse oder die Zweifarben-Segge sind hier beheimatet.
Barbara Pucker, Direktorin des Nationalparks Hohe Tauern Kärnten sieht die Veränderungen nicht nur negativ. Durch den Rückgang des Eises gewinnt man neue Seen wie den Pasterzensee, neue Pflanzen besiedeln die Schuttflächen und erste Bäume entwickeln sich zu jungen Lärchenwäldern. Mit diesen Veränderungen wächst gleichzeitig die Verantwortung, dieses einzigartige Gebiet bestmöglich zu schützen. Der Erhalt der Pasterze als Kerngebiet und der gleichzeitig ermöglichte Zugang der Menschen zu diesem Naturerlebnis steht also nicht nur für Veränderung, sondern vor allem definiert man es als Auftrag für die Zukunft.

Alpenverein übernimmt Verantwortung
Die Entwicklungen an der Pasterze interpretiert der Österreichische Alpenverein als dringenden Weckruf. Die Veränderung des einst prägenden Naturraums sei kein lokales Naturereignis mehr, sondern eine Auswirkung der Klimakrise und gestaltet die über Generationen bekannten Alpen um. Als größter Eigentümer im Nationalpark und Naturschutzorganisation übernimmt der Alpenverein besondere Verantwortung für den Schutz dieses Gebiets.
Den Rückgang der Pasterzzunge innerhalb der letzten rund 150 Jahren kann man anhand der nachstehenden Slideshow eindrucksvoll nachvollziehen.







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