Wie du vor mir gehst in deiner weißen Jacke zwischen Birken übers herbstlich bunte Moor,
denke ich, dass du mein Denkmal bist für kommenden Schnee. Wenn es dann schneit, wird alles noch einmal dir gleichen wollen,
wie du vor mir gingst in deiner weißen Jacke zwischen Birken übers herbstlich bunte Moor.
Aus: Helwig Brunner, Denkmal für Schnee. Berger Verlag, 2015 (Neue Lyrik aus Österreich Band 10)
Eine namenlose Bergspitze am Glungezer wird zum Denkmal für ein konstituierendes Element der Tiroler Bergwelt, das verschwindet: Schnee. Noch bevor das Weiß endgültig verschwindet, hat Künstlerin Esther Strauß an einem schwierigen Wanderpfad auf 2.700 Metern Höhe den Schriftzug „Denkmal für Schnee“ installiert und macht den sichtbaren Landschaftseingriff zum Ausgangspunkt einer stillen Auseinandersetzung mit der Klimakrise und damit verbundenen Verlusten.


Die Arbeit entstand als Hauptpreisprojekt des RLB Kunstpreises 2024 in Kooperation mit der RLB Tirol AG und den Tiroler Landesmuseen und verlegt die Ausstellung aus dem Museum bewusst hinaus in den alpinen Raum.
Auf einer unbenannten Spitze zwischen Glungezer und Gamslahnerspitze trägt ein 80 Zentimeter breiter Messing-Schriftzug nun die Worte „Denkmal für Schnee“ in die Tuxer Alpen. Der Titel bezieht sich auf ein Gedicht von Helwig Brunner und verwandelt den Berg, wie Strauß es beschreibt, in einen Sockel für etwas, das vielerorts bereits selten geworden ist: Schnee.
An einem Tag, der sich nur erahnen lässt, könnte dort oben der letzte Schnee schmelzen – die Arbeit fragt, was uns sein Verschwinden bedeutet und wie wir mit Verlusten umgehen, die nicht plötzlich eintreten, sondern sich langsam in der Landschaft vollziehen.

Zum Projekt gehört eine sechsteilige Audioführung, deren Stationen zwischen der Bergstation Tulfein und dem Glungezergipfel eingerichtet wurden und per QR-Code abrufbar sind. Ausgehend von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Gesprächen mit Klimaforscher Georg Kaser, einer Trauerbegleiterin, einem Meteorologen und einer Paläobotanikerin, entwickelt Strauß Texte über „ecological grief“, über die Trauer um eine sich verändernde Umwelt.
Die Wanderung zum Denkmal wird so zu einem gemeinsamen Weg, auf dem Fakten zur Klimakrise und sehr persönliche Gefühle zueinanderfinden; die Audiostücke laden dazu ein, im Gehen darüber zu sprechen, was verschwindender Schnee mit unserer Vorstellung von Heimat und Winter macht.
Strauß verknüpft diesen poetischen Zugriff mit unverrückbaren Fakten: In Österreich sind seit 1969 rund 40 Prozent der Gletscher verschwunden, und auch der Schnee wird weniger – legendäre Abfahrten wie jene von der Glungezerhütte bis zur Karlskirche ins Inntal sind heute nur noch selten in voller Länge mit Schnee bedeckt.
Die Künstlerin stellt die Frage, ob uns die Trauer um das, was wir verloren haben und noch verlieren werden, helfen kann, vom bloßen Wissen über die Klimakrise ins Begreifen und weiter ins Handeln zu kommen. Ein Denkmal, das einen Verlust betrauert, der noch nicht eingetreten ist, könnte, so Strauß, gerade noch zur rechten Zeit kommen und als Bild aus der Zukunft dazu beitragen, diese Zukunft neu zu schreiben.
Esther Strauß, 1986 in Tarrenz geboren, arbeitet als Performance- und Sprachkünstlerin und setzt in ihren Werken gezielt Lücken und Geheimnisse ein. Was ihre Arbeiten verbergen, ist ebenso wichtig wie das, was sie preisgeben – ein Ansatz, der sich auch im „Denkmal für Schnee“ zeigt, das weniger Antworten liefert als eine Haltung zur eigenen Ratlosigkeit gegenüber der Klimakrise.
Strauß ist international ausgestellt worden, unter anderem im Freud Museum London, in Perdu Amsterdam und im TAXISPALAIS Kunsthalle Tirol; ihre Arbeiten tauchen in Texten von Autorinnen wie Elfriede Jelinek und Katy Hessel auf und wurden mit Preisen wie dem Paul-Flora-Preis und einem Staatsstipendium gewürdigt.
Seit 2015 lehrt sie an der Kunstuniversität Linz, wie Künstler:innen über ihre Arbeit sprechen, schreiben – und eben auch schweigen können. Dass sie den ihr zugesprochenen Kunstpreis nicht für eine klassische Ausstellungshalle, sondern für ein anspruchsvoll zu erreichendes Stück Berg nutzt, passt zu dieser Praxis: Das „Denkmal für Schnee“ ist zugleich Einladung und Zumutung, ein stilles Zeichen, das sich nur jenen zeigt, die bereit sind, sich auf den Weg zu machen.
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