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Über den Mont Blanc auf schwieriger Route

Marian Aßmair und Johannes Dolzer kletterten in 64 Stunden von Italien nach Frankreich.

Die Verbindung von Peuterey-Integrale und Freney-Pfeiler zählt zu den seltensten alpinen Unternehmungen im Mont-Blanc-Massiv. Im August 2025 gelang den beiden Osttirolern Marian Aßmair und Johannes Dolzer die komplette Begehung dieser Linie. Im Interview erzählt Marian Aßmair wie schwer diese Tour für ihn war und was die beiden Osttiroler angetrieben hat sich für diese außergewöhnliche Tour im Mont Blanc Gebirge zu entscheiden. Er erzählt von eisigen Nächten, unzähligen Höhenmetern und wie sie mehrere Tage am Limit kletterten, um schlussendlich am Gipfel des höchsten Berges der Alpen zu stehen.

Was macht die Route so anspruchsvoll?

Die Peuterey- Integrale und der Freney- Pfeiler gehören zu den bekanntesten und anspruchsvollsten Routen am Mont Blanc. Jede Tour für sich ist bereits eine große alpine Unternehmung. Bei einer durchgehenden Begehung entsteht daraus jedoch eine Tour, bei der nach der langen Peuterey-Integrale mit dem Freney-Pfeiler ein weiterer anspruchsvoller Abschnitt folgt – genau das macht diese Kombination um einiges schwieriger.

Neben einer ausgezeichneten körperlichen Verfassung braucht es vor allem außergewöhnlich stabile Wetterbedingungen, trockenen Fels bis in große Höhen und sichere Verhältnisse. Nicht selten entscheidet dabei weniger die reine Kletterleistung als vielmehr das richtige Timing und eine Vielzahl kleiner Entscheidungen.

Die Route, für die sich die beiden Osttiroler entschieden, legten bisher nur ganz wenige Menschen zurück. Sie gilt als besonders anspruchsvoll.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen diese Kombination zu klettern?
Die Idee zu dieser Tour entstand bereits im Sommer 2024. Während einer anderen Wanderung in den Westalpen stießen wir eher zufällig auf einen Bericht über diese Linie. Schon der erste Eindruck blieb hängen.

Wart ihr von Beginn an davon überzeugt, „das müssen wir machen“?
Ja, aber damals schien eine Begehung noch unrealistisch. Trotzdem ließ uns der Gedanke nicht mehr los. Je intensiver wir uns mit der Route beschäftigten, desto klarer wurde, dass eine solche Unternehmung weit mehr als nur eine gute körperliche Verfassung erfordert. Wetter, Schnee- und Felsverhältnisse sowie Temperaturen müssen gleichzeitig passen – ein geeignetes Zeitfenster ist oft nur von kurzer Dauer.

Wann ging es dann los?
Im August 2025 war es dann so weit. Die Prognosen versprachen ungewöhnlich stabile Bedingungen, der Fels war weitgehend trocken und auch die Schneeverhältnisse wirkten so gut wie selten zuvor. Uns war bewusst, dass wir vermutlich nicht viele Chancen auf derart günstige Bedingungen bekommen würden.

Nimm uns bitte kurz mit: Wie war der erste Tag?
Am 8. August 2025 starteten wir im italienischen Val Veny bei Courmayeur. Vor uns lagen drei Tage in einer der eindrucksvollsten Hochgebirgslandschaften der Alpen. Schon am ersten Tag war klar, dass es nicht darum geht, möglichst schnell unterwegs zu sein. Entscheidend war, die Kräfte richtig einzuteilen. Der anspruchsvollste Teil der Tour wartete erst in den kommenden Tagen. Deshalb wählten wir für den Zustieg bewusst ein ruhiges Tempo.

Mit jedem Höhenmeter entfernten wir uns weiter vom Tal. Der Lärm verschwand, die Wege wurden schmaler und die Dimensionen der Peuterey-Seite des Mont Blanc immer eindrucksvoller. Schließlich erreichten wir unseren ersten Biwakplatz auf rund 2.600 Metern Seehöhe, direkt unterhalb des Einstiegs der Peuterey-Integrale.

Wie transportiert man so ein Biwak auf den Berg? Ist das nicht schwer?
Ja logisch. Alles, was wir dabei hatten, musste seinen Platz im Rucksack rechtfertigen. Wie bei vielen langen Unternehmungen war es wichtig, den Rucksack so leicht wie möglich zu halten. Deshalb bestand unsere gesamte Biwakausrüstung lediglich aus zwei Unterlagsmatten, einem Schlafsack und einem ultraleichten Zwei-Personen-Shelter. Mehr war einfach zu schwer.

Beim Zelten haben Wanderlustige mehr mit, als die beiden Osttiroler auf ihrer Tour.

Wie war der erste Abend am Berg?
Richtig cool. Mit Einbruch der Dunkelheit wurde es ruhig. Vor uns entstand langsam die gewaltige Silhouette des Peuterey-Grates, die man vor dem Nachthimmel sah. Am nächsten Morgen hat der eigentliche Teil der Unternehmung begonnen.

Wie war Tag zwei eurer Tour? So, wie ihr ihn erwartet hattet?
Der Wecker riss uns bereits um zwei Uhr morgens aus dem Schlaf. Über uns befand sich ein klarer Sternenhimmel, die Luft war kalt und es war vollkommen ruhig. Genau das waren die Bedingungen, auf die wir gehofft hatten. Nach einem kurzen Frühstück verstauten wir die letzten Ausrüstungsgegenstände und machten uns wieder auf den Weg Richtung Gipfel.

Die ersten Seillängen kletterten wir im Licht unserer Stirnlampen seilfrei, um schneller voranzukommen. Obwohl wir beide noch nie auf dieser Route unterwegs waren, fanden wir schnell einen guten Rhythmus. Als die Schwierigkeiten dann zunahmen, entschieden wir uns doch am laufenden Seil weiterzuklettern.

Mit den ersten Sonnenstrahlen öffnete sich nach und nach der Blick über das gesamte Mont-Blanc-Massiv. Tief unter uns verschwanden die Gletscher im Morgenlicht, während vor uns die nächsten Türme und Grataufschwünge sichtbar wurden. Erst jetzt wurde das tatsächliche Ausmaß der Route richtig greifbar für uns. Hinter jedem überwundenen Abschnitt wartete bereits der nächste.

Marian und Johannes mussten am Peuterey-Grat über zahlreiche Gipfel wie diesen klettern.

Wie kann man sich das vorstellen?
Immer wieder wechselten sich einfachere Kletterpassagen mit ausgesetzten Gratstücken und kurzen Abseilstellen ab. Genau diese Abwechslung macht den Peuterey-Grat zu einer der eindrucksvollsten Überschreitungen der Alpen. Er verlangt nicht an einer einzigen Schlüsselstelle alles ab, sondern über viele Stunden hinweg.

Wie viele Stunde habt ihr denn dafür benötigt?
Nach rund zehn Stunden erreichten wir den Gipfel der Aiguille Noire de Peuterey mit ihren 3.773 Metern Höhe. Viel Zeit blieb uns dort allerdings nicht. Ein Foto, ein kurzer Blick zurück auf den bereits zurückgelegten Grat – dann begann unmittelbar der nächste Abschnitt.

Wir seilten uns rund 450 Meter in die Nordseite der Aiguille Noire ab. Um Seilverhänger in diesem Abschnitt bestmöglich zu vermeiden, braucht es neben einer sauberen Seilführung manchmal auch etwas Glück. In diesem Abschnitt der Route war effizientes Abseilen entscheidend. Uns war bewusst, dass wir hier entweder viel Zeit gewinnen oder auch genauso gut verlieren konnten.

Marian und Johannes kletterten nicht nur nach oben, sondern mussten sich auch etliche Male abseilen.

Nach zahlreichen Abseilmanövern erreichten wir schließlich den tiefsten Punkt zwischen der Aiguille Noire und der Aiguille Blanche. Trotz einiger Schrammen am Seilmantel, die durch die zahlreichen scharfen Felskanten verursacht worden waren, kamen wir ohne Seilverhänger unten an.

Wie ging es danach weiter?

Weiter ging es durch zunehmend brüchiges Gelände, das unsere volle Aufmerksamkeit erforderte. Immer wieder entschieden wir uns dafür, seilfrei zu klettern, um unser Seil nicht weiter unnötig durch lose Steine oder Steinschlag zu beschädigen.

Wie lange seid ihr an diesem Tag geklettert und wo habt ihr in der zweiten Nacht geschlafen?
Kurz bevor die letzten Sonnenstrahlen hinter den Gipfeln verschwanden, erreichten wir unseren zweiten Biwakplatz auf knapp 4.000 Metern Höhe, unterhalb des Gipfels der Aiguille Blanche. Nach einem langen Tag in der Wand kehrte für einen Moment Ruhe ein. Wir schmolzen Schnee, um unsere Wasservorräte wieder aufzufüllen, bereiteten eine warme Mahlzeit zu und versuchten, trotz Wind und eisiger Temperaturen einige Stunden zu schlafen.

Wie war die Nacht unter diesen Bedingungen?
Hart. Der Wind hatte in der Nacht kaum nachgelassen. Es war eine sehr ungemütliche, kalte und windige Nacht. Als um 4:30 Uhr der Wecker klingelte, waren wir froh, endlich weitergehen zu können, um endlich wieder warm zu werden. Während wir den Kocher einschalteten und die letzten Sachen zusammenpackten, richteten sich unsere Blicke immer wieder auf den Weg, der sich noch vor uns befand. An diesem Tag entschied sich, ob der Plan aufgehen würde.

Waren die Voraussetzungen an diesem Tag immer noch so perfekt wie die Tage zuvor?
Ja, Gott sei Dank. Als wir am Col de Peuterey standen und den Freney-Pfeiler zum ersten Mal richtig gut sahen, bestätigte sich unsere Vermutung. Der Fels war größtenteils trocken, in der Wand lag nur wenig Schnee und auch die Temperaturen schienen gerade noch zu passen. Bessere Bedingungen hätten wir uns kaum wünschen können. Zusätzliche Motivation gaben uns zwei Seilschaften, die sich bereits in der unteren Hälfte der Wand befanden.

Fiel beim Anblick der zwei Seilschaften bereits die Entscheidung? Und wie ging die Wanderung dann weiter?
Nein, erst nach kurzen Überlegungen stand die Entscheidung fest. Dann überquerten wir den Freney Gletscher aber im Eiltempo, um möglichen Steinschlägen so kurz wie möglich ausgesetzt zu sein.

Am Einstieg angekommen, sortierten wir unser Material und aßen und tranken noch eine Kleinigkeit. Auch unser Seil kürzten wir um einige Meter, um den beschädigten Mantel nicht mehr im System zu haben. Ab hier brauchten wir kein volles 60-Meter-Seil mehr.

Dann ging es weiter. Die ersten Meter verliefen genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Das Gelände war abwechslungsreich, die Route relativ logisch und wir fanden unseren Rhythmus recht schnell. Mit jedem Meter wurde die Landschaft beeindruckender. Tief unter uns verschwand der Peuterey-Grat, den wir am Vortag überschritten hatten. Vor uns ragte der Freney-Pfeiler in den Himmel. Das Gelände wurde immer steiler.

Nach einigen Stunden holten wir die beiden Seilschaften unterhalb der Schlüssellängen ein. Um lange Hängestände zu vermeiden, entschieden wir uns, an einem Stand darunter zu warten. Als die beiden Teams die Passage verlassen hatten, stiegen wir nach. Von hier an begann der anspruchsvollste Abschnitt der gesamten Begehung.

Die Kletterei wurde deutlich schwieriger. Kompakter Granit, präzise Bewegungen und anhaltende Schwierigkeiten bis in den achten französischen Grad verlangten noch einmal volle Konzentration. Steile und teils überhängende Kletterei auf rund 4.500 Metern Seehöhe – und das nach weit über dreißig Stunden in hochalpinem Gelände. Genau diese Kombination macht den Freney-Pfeiler so besonders. Danach folgten noch die letzten Meter hinauf zum Gipfel des Pfeilers. Es folgte ein kurzer Abseiler sowie einfacheres Gelände, bevor wir endlich den Gipfelgrat in Richtung Mont Blanc erreichten.

Wie fühlten sich die letzten Meter am Berg an?
Zum ersten Mal seit vielen Stunden wich die Anspannung langsam der Erleichterung. Vor uns lag nur noch der breite Firngrat des Mont Blanc. Während wir die letzten Meter zum höchsten Punkt der Alpen zurücklegten, tauchte die untergehende Sonne das gesamte Mont-Blanc-Massiv in warmes Licht. Ein Jahr zuvor hatten wir diese Linie nur auf Fotos gesehen. Jetzt führte sie direkt hinter uns über mehrere Gipfel bis hinunter ins italienische Val Veny.

Es war einer dieser seltenen Momente, in denen man für kurze Zeit vergisst, wie viele Stunden bereits hinter einem liegen. Gegen 21:15 Uhr erreichten wir dann schließlich den Gipfel des Mont Blanc. Ein Sonnenuntergang, den wir sicher nie vergessen werden. Lange dauerte dieser Moment allerdings nicht.

Warum sagst du, dass der seltene Moment am Gipfel nicht lange anhielt?
Mit dem Gipfel des Mont Blanc war zwar die schwierigste Kletterei geschafft, die Tour jedoch noch lange nicht beendet. Vor uns lagen weitere 3.800 Höhenmeter Abstieg bis in den französischen Ort Les Houches. Nach fast drei Tagen im hochalpinen Gelände warteten nun endlose Gletscher, steile Firnhänge und kilometerlange Abstiegswege auf uns.

Ihr habt den Sonnenuntergang am Gipfel genossen, war es dann nicht schon dunkel beim Abstieg?
Ja es war schon dunkel! Die Sonne war bereits hinter den Bergen verschwunden. Mit jeder Stunde wurde es dunkler, während wir Schritt für Schritt an Höhe verloren. Auch beim Wasser hatten wir uns etwas verschätzt. Solange wir uns am Gletscher befanden, war das kein großes Thema, da wir jederzeit Schnee zu Wasser kochen konnten. Nach dem letzten Gletscherabschnitt entwickelte sich das jedoch – frei nach dem Motto „Jo wasch eh do wat woll decht galsch noamol a Boch irgendwo kemm“ – zu einem ernsthaften Problem: Wir hatten die ganze Nacht kein Wasser.

Auch die Müdigkeit machte sich zunehmend bemerkbar. Dennoch versuchten wir, unser Tempo möglichst konstant zu halten. Nach mehr als vierzig Stunden tatsächlicher Bewegung war aber längst nicht mehr jeder Schritt einfach.

Habt ihr nie überlegt, euer Biwak nochmal aufzubauen und noch ein letztes Mal am Berg zu übernachten?
Nein, eigentlich nicht. Gegen sechs Uhr morgens legten wir uns dann aber doch für einen kurzen Powernap an den Wegrand. Mit den ersten Sonnenstrahlen setzten wir den Abstieg aber schon wieder fort. Schließlich erreichten wir das Tal - und damit auch endlich wieder Trinkwasser. Was drei Tage zuvor im italienischen Val Veny begonnen hatte, endete nun auf der anderen Seite des Mont-Blanc-Massivs in Les Houches.

Verrückt. Wie lange wart ihr dann insgesamt unterwegs?
Am Ende standen 64 Stunden und 36 Minuten Gesamtzeit, 46 Stunden tatsächliche Bewegung, 4.230 Höhenmeter im Aufstieg und 4.664 Höhenmeter im Abstieg auf der Uhr.

Wie seid ihr dann von Frankreich wieder zurück nach Italien gekommen, wo euer Auto stand?
Anschließend fuhren wir mit dem Bus von Les Houches über Chamonix zurück nach Courmayeur. Selten schmeckten ein kühles Bier und ein Burger so gut wie an diesem Tag. Diese Tour hätte nicht besser enden können und wird sicher ewig in Erinnerung bleiben.

Bei Nacht stiegen die beiden noch ins Tal ab.

Jasmina Berger

Jasmina Berger studiert Kommunikation an der Uni Salzburg, arbeitet als Fußball-Jugendtrainerin und als freie Reporterin für Dolomitenstadt. Mehr von Jasmina Berger

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