Wer erinnert sich nicht an das Wechselbad der Gefühle bei der Rückgabe von Schularbeiten? Den siegessicheren Blick zum Banknachbarn oder die Luft anhalten mit der besten Freundin? Wird der Klassenprimus diesmal scheitern oder wird der Streberin das Lächeln aus dem Gesicht gewischt? Neid und Schadenfreude sind zutiefst menschliche, aber sozial nicht anerkannte Emotionen. Wie sich anspornender oder missgünstiger Neid sowie Schadenfreude auf Klassengefüge und Klassenklima auswirken und welche Rolle Gerechtigkeit, Fehlerkultur und Unterrichtsziele der Lehrpersonen dabei spielen, wurde erstmals erforscht.
In der Bildungspsychologie wurden Emotionen jahrzehntelang in Zusammenhang mit Leistung untersucht – etwa Angst als Lernkiller oder Langeweile. Später rückten individuelle Emotionen wie Lernfreude, Scham oder Ärger in den Fokus. Das Team um Projektleiter Marko Lüftenegger am Zentrum für Lehrer*innenbildung der Universität Wien betritt mit einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt an der Schnittstelle von Lehramt und Sozialpsychologie fachliches Neuland.
Das Projekt untersuchte erstmals die Emotionen Neid und Schadenfreude im Schulalltag. Dafür wurden Schüler:innen und Lehrkräfte interviewt und rund 2.000 Schüler:innen nahmen an einer Befragung teil. Als größter Einflussfaktor stellte sich Gerechtigkeit heraus. Die Ergebnisse tragen dazu bei, Jugendliche im Schulalltag besser zu unterstützen und ihre sozialen Beziehungen zu fördern.
Soziale Gefühle dokumentieren
„Fadesse und Freude kann in einer Klasse jede:r für sich empfinden. Neid und Schadenfreude sind soziale Gefühle, die aus Interaktion entstehen und komplizierter zu erforschen sind“, erläutert Lüftenegger. Im Projekt erarbeiteten und testeten die Doktorand:innen Flora Fassl und Maximilian Hofleitner zunächst die Methodik und altersgerechte Messinstrumente. Um auch Entwicklungsprozesse nachvollziehen zu können, wurden insgesamt 2.000 Schüler:innen aus verschiedenen Schultypen zu Beginn und/oder am Ende eines Schuljahrs online befragt. Zudem gaben 80 15-Jährige an einer Wiener Schule situativ Auskunft. Bei ihnen ertönten in elf Unterrichtseinheiten – unter anderem bei der Rückgabe einer Schularbeit – akustische Signale und die Jugendlichen notierten, was in dem Moment in ihnen vorging (Experience-Sampling).
Bereits ausgewertet wurde die breit gestreute Onlinebefragung in dem dreijährigen Projekt, dessen Gesamtergebnisse im Herbst 2026 vorliegen werden. Unter anderem wurden Parameter zu Persönlichkeitsstruktur, Klassenklima, Unterrichtszielen und psychischer Verfassung erhoben und ausgewertet, etwa die Neigung, sich mit anderen zu vergleichen. „Die Stärke des Projekts ist, dass wir für beide Emotionen nicht nur Tendenzen ansehen, sondern Schüler:innen reale Situationen aus ihrer Perspektive bewerten. Neben individuellen Merkmalen können wir damit eine zeitliche Entwicklung und den Einfluss von Umweltfaktoren festmachen“, betont Flora Fassl, die das Thema Neid betreute. Die Antworten von 13- bis 17-jährigen Schüler:innen aus 98 Klassen ergaben in der Summe jedenfalls eine gute Nachricht: Neid und Schadenfreude kommen nicht dominant oder häufig in Österreichs Klassenzimmern vor. Zudem zeigten sich keinerlei Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Gelb oder grün vor Neid?
Neid kennt zumindest zwei Facetten – der Vergleich mit anderen kann anspornend wirken oder Missgunst fördern. Die Auswertung sämtlicher Datenpunkte für rund 2.000 Schüler:innen ermittelte als größten Einflussfaktor die Gerechtigkeit: „Je gerechter die Lehrperson von den Schüler:innen eingeschätzt wird, desto weniger Neid tritt generell auf – ich muss mich nicht mit anderen vergleichen, wenn meine Leistungen nachvollziehbar und fair bewertet werden“, so Flora Fassl. Die Tendenz, sich sozial zu vergleichen, erwies sich auf Ebene des Individuums als stärkster Vorhersagefaktor für beide Arten von Neid. Die Auswertung der Daten deutet darauf hin, dass die Neidform von zwei Faktoren abhängt: Kontrolle und Verdientheit. Doktorandin Flora Fassl: „Wenn ich denke, dass die andere Person die gute Note verdient hat und ich mich verbessern könnte, herrscht wohlwollender Neid vor. Aber wenn Schüler:innen das Gefühl haben, dass sie keine Kontrolle haben und die andere Person die Note nicht verdient, verspüren sie eher böswilligen Neid.“
Der Vergleich kann Ansporn sein oder den Wunsch aufkommen lassen, der Person Status wegzunehmen. Hier zeigte sich in den Daten ein Zusammenhang zur Schadenfreude und weiterführend zu verbalem Sadismus und Mobbing-Verhalten. Die Querschnittuntersuchung gibt erste Hinweise auf eine Art Regelkreis: Wenn sich Schüler:innen nicht wohlfühlen, mit depressiver Symptomatik kämpfen, sich im Klassenverband wenig eingebunden fühlen, bewerten sie die eigene schulische Performance schlechter. Das schafft eine Grundlage für die Tendenz zu böswilligem Neid und der kann wiederum handlungsanleitend wirken, um Mitschüler:innen schaden zu wollen.
Ziele & Werte definieren
Das Team am Zentrum für Lehrer*innenbildung hält sich mit Empfehlungen vom Spielfeldrand zurück. Es zeigt sich aber, dass Lehrkräfte mit Haltung und Unterrichtszielen Normen setzen, an denen sich die Schüler:innen ausrichten, und Faktoren wie Kontrolle, Fairness und Fehlerkultur Aufmerksamkeit verdienen. „Individualisierung ist eine wichtige Anforderung an den Unterricht, aber unter den aktuellen Bedingungen im Klassenzimmer eine große Herausforderung. Wenn es um die individuelle Entwicklung des Einzelnen geht, wird der soziale Vergleich mit anderen automatisch weniger relevant. Das Wissen über eine entsprechende Unterrichtsgestaltung wird bereits in der Ausbildung vermittelt – daran scheitert es nicht“, ordnet Marko Lüftenegger ein.
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