Einiges an Licht, gleichzeitig aber auch viel Schatten spiegelt der jüngste Armutsbericht der Landes Tirol wider, der eine Analyse der Jahre 2023 bis 2025 liefert.
Medianeinkommen bei rund 48.700 Euro
Zunächst einmal geben die Daten Auskunft über den Median des verfügbaren Haushaltseinkommens. Dazu zählen alle Einkommen, Zugewinne aus Kapitalbesitz sowie soziale Transferleistungen, wie Arbeitslosen-, Kinder- oder Karenzgeld, abzüglich Steuern und Sozialleistungen. In Tirol lag der Median des verfügbaren Haushaltseinkommens in den betrachteten drei Jahren bei 48.741 Euro, österreichweit geringfügig darunter bei 48.211 Euro.
Geringere Einkommensunterschiede als in Restösterreich
Deutlich interessanter ist die Frage der Verteilung: Hier liefern einerseits die S80/S20-Quote sowie andererseits der Gini-Index Möglichkeiten, um die Konzentration von Einkommen zu messen.
Erstere führt für Tirol vor Augen, dass die 20 Prozent der Bevölkerung mit dem höchsten Einkommen vor der Auszahlung von sozialen Transfers um 7,5 Mal mehr Einkommen haben als die 20 Prozent der Bevölkerung mit dem geringsten Einkommen. Obgleich der Unterschied massiv ist, ist die Lücke nur im Burgenland (7,2) geringer. Den größten Unterschied weist die Bundeshauptstadt Wien auf: Hier verfügen die oberen 20 Prozent über fast 20 Mal so viel Einkommen wie die unteren 20 Prozent der Bevölkerung.

Werden allerdings soziale Transfers berücksichtigt, nivelliert sich der Unterschied nahezu: Dann nämlich liegt das S80/S20-Verhältnis in Tirol bei 6,3 und in Wien bei 7,5, während das Burgenland und Oberösterreich jeweils eine Quote von 5,8 aufweisen. Demnach sind Einkommensunterschiede in Tirol im Österreichvergleich von Haus geringer, doch tragen Sozialleistungen hierzulande weniger dazu bei, die Schere weiter zu schließen.
Ähnliche Schlüsse lässt der Gini-Koeffizient zu, bei dem Null eine perfekte Gleichverteilung darstellt, während der Wert Hundert im Extremfall bedeuten würde, dass ein Haushalt das gesamte Einkommen erhält. Wird das verfügbare Haushaltseinkommen vor sozialen Transfers betrachtet, weist Tirol mit 36,1 den niedrigsten Gini-Index Österreichs auf. Nach sozialen Transferleistungen liegt der Tiroler Gini-Index hingegen bei 34,1 und damit über jenem des Burgenlandes (34).
Tirol: niedrige Einkommen stiegen stärker
Auch die Entwicklung der Einkommensperzentile verdeutlicht eine Tendenz in Richtung einer gerechteren Einkommensverteilung. Hierbei steht das Perzentil P10 für die Einkommenssumme der zehn Prozent mit dem niedrigsten Einkommen, während P90 die Summe der zehn Prozent mit dem höchsten Einkommen darstellt.

In Tirol sind in den letzten Jahren die niedrigen Einkommen stärker gestiegen als die höheren Einkommen. Vor allem die niedrigsten Einkommen, repräsentiert durch P10, haben in der jüngeren Vergangenheit deutlich stärker zugenommen als die höchsten Einkommen. Längerfristig würde diese Entwicklung zu einer gerechteren Einkommensverteilung führen. Auf Bundesebene wurde kein stärkeres Wachstum der niedrigsten Einkommen festgestellt.
12,1 Prozent gelten als armutsgefährdet
Im Bereich der Armutsgefährdung stellt der Bericht dar, dass die Zahl der armutsgefährdeten Menschen im Zeitraum 2023 bis 2025 von 13,4 Prozent auf 12,1 Prozent gesunken ist. Zudem weist Tirol im Österreichvergleich eine niedrigere Armutsgefährdungslücke auf. Das bedeutet, dass jene Personen, die in Tirol als armutsgefährdet gelten, dennoch ein höheres Medianeinkommen als im Bundesschnitt haben.
Allerdings galten 2025 auch in Tirol 9,5 Prozent der Bevölkerung als dauerhaft armutsgefährdet. 3,8 Prozent wurden als sowohl materiell als auch sozial depriviert eingestuft, wobei Menschen mit einem anderen Geburtsland als Österreich, Geschiedene, Einpersonenhaushalte und Ein-Eltern-Haushalte stärker betroffen sind.
Armut trotz Arbeit
Vonseiten der Tiroler Opposition wurde zuletzt besonders der Umstand kritisiert, dass im Bundesland 6,7 Prozent der Menschen als „working poor“ gelten, also trotz aufrechter Erwerbstätigkeit ein Medianeinkommen erzielten, das unter der Armutsgefährdungsschwelle von 20.240 Euro für einen Einpersonenhaushalt liegt.
Liste-Fritz-Obfrau Andrea Haselwanter-Schneider sieht darin ein politisches Warnsignal und ortet besonders im Handel und Tourismus Nachholbedarf: „Wenn der Tiroler Tourismus je nach Saison zu 60 bis 70 Prozent auf Beschäftigte aus dem Ausland angewiesen ist, müssen wir auch über Löhne und Arbeitsbedingungen reden. Wer Mitarbeiter gewinnen und langfristig halten will, muss gute Arbeit auch gut bezahlen“, so Haselwanter-Schneider.
Ähnliche Töne schlägt Neos-Landessprecherin Birgit Obermüller an, die der Landesregierung „tatenloses Zuschauen“ attestiert: „Jetzt klopft man sich selbst auf die Schulter, dass der Armutsbericht gar nicht mal so schlecht für Tirol ausfällt. Das Mittelfeld ist der Landesregierung gut genug. Dabei sollte die Landesregierung vor allem dafür sorgen, dass gerade die, die arbeiten nicht auf der Strecke bleiben.“
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