Bundespräsident Alexander Van der Bellen hat am Dienstag in New York Kritik am Vorgehen Israels im Gazastreifen und in der Westbank geübt. Bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundeskanzler Christian Stocker und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger am Rande der UNO-Generaldebatte sprach Van der Bellen von „Verletzungen des Völkerrechts“ und „Kriegsverbrechen“, beispielsweise wegen erzwungener Absiedlungen von im Westjordanland ansässigen Palästinensern.
Die Regierung des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu begebe sich auf „gefährliches Terrain“, warnte das Staatsoberhaupt. Diese Vorgangsweise werde längerfristig nicht belohnt werden. Der Bundespräsident hielt aber auch fest, dass das Existenzrecht Israels in keiner Weise in Frage gestellt werde. Van der Bellen bezog sich bei seiner Stellungnahme auch auf eine Rede des jordanischen Königs Abdullah II. am Dienstag vor der UNO-Vollversammlung, in der er gemeint hatte, dass diese Entwicklungen früher schleichende Prozesse gewesen seien, aktuell aber an Geschwindigkeit zugenommen hätten.
Der Bundespräsident erinnerte auch an ein Zitat des neuen Vorsitzenden der UNO-Vollversammlung, Khalilur Rahman aus Bangladesch. Dieser habe in seiner Rede gesagt, die UNO habe bereits 80 Jahre überlebt, „nicht weil sie perfekt, sondern unersetzbar“ sei. „Die Vereinten Nationen haben ihre Schwächen“, räumte daher auch der Bundespräsident ein, doch seien sie als Ort des multilateralen Dialogs tatsächlich unersetzbar. „Jährlich treffen sich 130, 150 Präsidenten oder Regierungschefs anlässlich der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Also das allein ist schon etwas, wo es sich jedes Mal wieder lohnt, dabei zu sein.“
„Österreich als Verfechter des Völkerrechts geschätzt“
Daher sei es umso erfreulicher, dass es Österreich geschafft habe, für die Jahre 2027/28 als nichtständiges Mitglied in den UNO-Sicherheitsrat gewählt worden zu sein. Das zeige, dass Österreich „von einer großen Mehrheit der anderen Nationen etwa als Verfechter des Völkerrechts geschätzt“ werde. Durch den Sitz im Sicherheitsrat würden zudem gewiss „neue Partnerschaften“ entstehen.
Stocker: „UNO als Zentrum der Diplomatie“
Auch Bundeskanzler Stocker (ÖVP) lobte die Generalversammlung der Vereinten Nationen als „Zentrum der Diplomatie und der internationalen Zusammenarbeit“. Die Wahl in den Sicherheitsrat sei ein „großer außenpolitischer Erfolg für Österreich“, der aus dem Vertrauen der Staatengemeinschaft entstanden sei, woraus nun auch eine Verpflichtung erwachse. Allerdings hätte vieles, „das uns im Inland betrifft“, seinen Ursprung in außenpolitischen Umständen, so der Kanzler. Als konkretes Beispiel nannte er die „Preisentwicklung der Treibstoffe“. „Die Krisen und Kriege dieser Zeit gehen an den Menschen nicht spurlos vorüber.“ Das schlage sich auch auf die Stimmungslage nieder, „was uns auch innenpolitisch beschäftigt.“
„Wir erleben derzeit den Bruch der internationalen Ordnung“, stellte der Bundeskanzler zudem fest. „Regeln und Gewissheiten, auf die wir uns sehr, sehr lange verlassen haben, sind für manche einfach nicht mehr verbindlich.“ Österreich sei aber ein verlässlicher Partner und auch ein stolzer Sitzstaat der Vereinten Nationen. So werde man auch im Sicherheitsrat „eine verlässliche Stimme für Dialog statt Konfrontation“ sein, „für Verständigung statt Blockdenken und für eine regelbasierte internationale Ordnung, in der eben die Stärke des Rechts gilt und nicht das Recht des Stärkeren.“
Freilich sei auch die UNO nicht perfekt, räumte Stocker ein, und nannte als Beispiel, dass Afrika als „Kontinent, auf dem über 1,5 Milliarden Menschen leben“, im Sicherheitsrat unterrepräsentiert sei. Zudem führe auch das Vetorecht der fünf Ständigen Mitglieder (China, Frankreich, Großbritannien, Russland und USA) zu veritablen Problemen.
Treffen mit Carney wurde nachgeholt
Am Vormittag hatte Stocker sein am Montag kurzfristig abgesagtes Treffen mit Kanadas Premier Mike Carney, der wegen technisch bedingter Luftraumsperren rund um die New Yorker Flughäfen nicht rechtzeitig anreisen konnte, nachgeholt. Diese Probleme würden noch für Diskussionen sorgen, meinte Stocker, betonte aber gleich, niemandem irgendwelche Absichten unterstellen zu wollen. Der kanadische Premierminister habe angesichts der Krisen mit den USA bereits früher sehr klare Worte gefunden, lobte Stocker: „Wir müssen Prinzipien fest zu unseren Zielen stehen und pragmatisch im Handeln sein.“
Meinl-Reisinger sieht Sicherheitsratssitz als „Auftrag“
Außenministerin Meinl-Reisinger (NEOS) äußerte sich ebenfalls zu Österreichs Sicherheitsratssitz 2027/28: „Wir haben einen Auftrag bekommen von einer Weltgemeinschaft, den wir sehr ernst nehmen. Aber selbstverständlich haben wir auch unsere eigenen Interessen im Blick. Eine Welt, wo wir in Frieden, in Freiheit und in Sicherheit leben und wo wir es ermöglichen, gerade auch den Menschen in Österreich ein gutes Leben zu führen, braucht internationale Zusammenarbeit und eine internationale Ordnung.“
Bezüglich der Rede von US-Präsident Donald Trump, der vor der Vollversammlung von „Superintelligenz“ statt „Künstlicher Intelligenz“ gesprochen und Warnungen vor gefährlichen Entwicklungen in Abrede gestellt hatte, stellte die Außenministerin einen Vergleich mit der Atomenergie und dem Atomwaffensperrvertrag an. Auch wenn Österreich da eine eigene Position verfolge, habe die Atomkraft vielen Staaten der Welt „in einer positiven Nutzung Energie“ gebracht. „Aber es gibt auch die Möglichkeit, daraus Bomben zu machen, die die gesamte Menschheit bedrohen. Und so haben sich vor allem natürlich nach Hiroshima und Nagasaki Staaten zusammengetan und gesagt, wir müssen diese Macht eindämmen und sie nicht einigen wenigen in die Hände geben.“
20 Postings
@ MilieubedingteUnmutsäußerung. Völkerrecht ein unipolarer Luxus, den wir uns nicht mehr leisten können ? Ich denke Menschenrechte, Völkerrecht, das Recht insgesamt können durch Bedenken einer möglichen Polarisierung der Gesellschaft und der Nationen nicht zur Disposition gestellt werden. Das Recht des Stärkeren und reiner Utilitarismus im Dienste einer gewissen Gruppe dürfen nicht zur politischen Maxime einer entwickelten , aufgeklärten Zivilisation werden. Können wir uns Resignation und Fatalismus angesichts der scheinbaren Erfolgsstrategien machtpolitischer und autoritativer Regime und gesellschaftspolitischer Entwürfe leisten ? Scheinbar deshalb, weil wirtschafliche und wissenschaftliche Prosperität letztlich nur in freien, universalistisch ausgerichteten Gesellschaften geschehen können. Deshalb wurden auch internationale Organisationen wie UNO, Menschengerichzshöfe usw. gegründet, deren Durchsetzungskraft allerdings mehr als begrenzt ist, dennoch sind diese Foren unentberlich und nicht immer zahnlos.
Bitte genauer lesen.
Ich habe nicht geschrieben, dass wir uns das Völkerrecht nicht mehr leisten können, sondern dass wir uns »Illusionen über das Völkerrecht und dessen Bindungswirkung« nicht mehr leisten können.
Leider eine kleine Unschärfe in Erfassung Ihres Textes meinerseits. Trotzdem ist mir in Ihrem Beitrag etwas zu viel an Fatalismus, an " die Flinte ins Korn werfen ", zuviel, den Umstand einer Illusion in den Vordergrund gerückt, was dem konsequenten Verfolgen einer entscheidenden Maxime jeder fortgeschrittenen Zivilisation nicht gerecht wird. Kleinmütig die Mächte der Finsternis gewähren lassen und glauben sich mit ihnen arrngieren zu können ( d a s ist Illusion ), bedeutet das aufzugeben, was Menschsein, die conditio humana letzten endes ausmacht. Apocalypse now ist nicht zu akkzeptieren, selbst bei sich verdüsterndem Horizont. Viel bedrohlicher sind aber die destruktiven Kräfte im Inneren, die mit missverstandenem Appaesement, Desinformtion und illusionären politischen Modellen jeden notwendigen Widerstand schwächen oder gar nicht erst entstehen lassen.
Von Anfang an war ich immer ein großer Bewunderer Israels, das in den ersten Jahren unter Ben Gurion, Golda Meir, Rabin ua. durchaus liberal-(sozial)-demokratisch geprägt war, auch geprägt vom Pioniergeist der Kibbuzgeneration. Ich habe auch mit Genugtuung verfolgt, wie sich Israel in mehreren aufgezwungenen Kriegen gegen die angedrohte Auslöschung durch seine arabischen Nachbarn erwehrt hat. Meine Schwester hat 1967, vor dem 7 Tagekrieg, mehrere Monate in einem Kibbuz gearbeitet (für Nichtjuden nicht so einfach). Ich erinnere mich auch an lebhafte Diskussion mit israelischen Studenten während der Arbeit am Seziertisch, etwa 1960. Obwohl Israel noch immer die einzige funktionierende Demokratie in dieser Region ist, hat sich leider das Bild unter Netanjahu und seinen radikal-orthodoxen Partnern zunehmend hin zu einer militaristischen, nationalistischen, zT fundamentalreligiösen Gesellschaft hin verschoben. Die anhaltende Vernichtungspropaganda des Iran und seiner Proxis Hisbollah, Hamas ua war da ein treibender Faktor. War eine Zweistaatenlösung zB unter Rabin durchaus noch denkbar (damals wurde dies von Arafat hintertrieben ), so gewannen nun radikale Siedlergruppen zunehmend die Oberhand, die vehement die Eingliederung der Westbanks in ein Großisrael einfordern. Auch das bestialische Massaker am 7. Oktober durch die Hamas entschuldigt aber nicht den geradezu apokalyptisch-altorientalischen Rachefeldzug in Gaza. Die Hisbollah allerdings hat vollkommen unprovoziert von sich aus Israel angegriffen. So wie sich das anhaltende Geschehen in Gaza und den Westbanks darstellt ist die unverblümte Kritik Van der Bellens an der israelischen Regierung durchaus auch völkerrechtlich am Platz, ob dies demonstrativ vor einem Weltforum, ohnehin mit antiisraelischer Grundstimmung, erfolgen muß, ist eine andere Frage.
Immerhin mussten für die Gründung des Staates Israel etwa 600000 Menschen, die in diesem Gebiet lebten, vertrieben werden. Damit begann die Tragödie der Palästinenser.
Dem ist nicht allzuviel entgegenzusetzen, aber einige wesentliche Umstände sind zu beachten. Bereits vor der Gründung Israels 1948 lebten im damaligen britischen Mandatgebiet über 600000 Juden . Im 19. Jh war der jüdische Anteil in Altjerusalem bereits höher als der arabische. Bereits vor der Staatsgründung hat die Arabische Liga jahrzehntelang jüdische Siedlungen terrorisiert. Es bestanden auch enge Verbindungen zum Naziregime ( Großmufti von Jerusalem ! ). Nach der Unabhängigkeitserklärung sind von allen Seiten arabische Truppen ins Staatsgebiet vorgedrungen. Bei der Rückeroberung besetzter Gebiete , zB. um Nazareth sind leider auch große Teile der Bevökerung geflohen oder vertrieben worden. Außerdem sind ein Teil der Palästinenser einem Aufruf der Arabischen Liga gefolgt und haben ihr Land verlassen. Das Vorgehen der israelischen Untergrundorganisationen Hagana und Irgun war auch nicht immer zimperlich. Der in Israel verbleibene Teil der arabischen Bevölkerung ist allerdings nicht so schlecht gefahren. Sie wurden zT Saatsbürger und sind auch im Israelischen Parlament vertreten. Die Teilung des ehemaligen britischen Mandatsgebietes in einen israelischen und palästinensischen Staat wird in Teilen der arabischen Welt bis heute nicht akkzeptiert, was füt viele lange auch eine Zweistaatenlösung ausschloß. Die Integration der Pälestinenser in ihren Gastländern Libanon, Jordanien,Syrien etc wurde von PLO durch Jahrzehnte hintertrieben. Dafür waren die palästinenschen Flüchtlichsmassen ein zu wetvolles politisches Druckmittel, regionl und international.
Herr Bahner, danke für diese geschichtliche Situationdarstellung. Wenn man einen großen Zeitsprung bis zu "Oslo 1" (1993) macht und heute die Frage stellt, was von diesem Optimismus geblieben ist, muss leider erkennen, dass die Lage noch schlimmer geworden ist. Mir ist immer noch nicht klar, ob die "Vernichtung Israels" nun tatsächlich vom Volk der Palästinensern tatsächlich beabsichtigt ist, oder nur ein kleiner Kern dieses Ziel mit Terror verfolgt. "Sie hätten nur diese Waffe, also diese Stimme, mit der die Welt auf das Problem aufmersam wird", meinte einmal ein Freund aus einem arabischen Land, was mich sehr, sehr nachdenklich stimmte.
Prof. Dr. Menachim Kleins Darstellung in der Rosa Luxemburg Stiftung ist ernüchternd. Er unterzeichnete im Jahre 2013 gemeinsam mit prominenten israelischen und palästinensischen Persönlichkeiten die Genfer Initiative – den detaillierten Vorschlag für ein umfassendes israelisch-palästinensisches Friedensabkommen."
https://www.rosalux.de/publikation/id/7194/20-jahre-nach-oslo-was-ist-geblieben/
Man kann nur hoffen, dass VdB und alle anderen europäischen Politiker, die gerne einen Sermon auf die s.g. »regelbasierte internationale Ordnung« halten, selbst nicht zu sehr daran glauben. - Denn die anderen tun es auch nicht.
@MU...wenn man sich gerade umschaut so in der Welt hast du völlig Recht...China-Taiwan, Usa-Venezuela, Russland-Ukraine und Israel-Palästina usw.....es grassiert das Faustrecht, zum fürchten....is Völkerrecht ist akut in Gefahr und machtlos gegenüber den Stärkeren
Die Liste der Staaten, die darauf hinarbeiten, das regionale Machtgefüge zu verändern, ist noch viel länger. Das muss nicht immer in einem bewaffneten Koflikt enden, aber ausgeschlossen ist es nicht. Ein paar davon gehen uns, ob wir nun wollen oder nicht, direkt etwas an.
Die Türkei macht aus ihren neo-osmanischen Ambitionen keinen Hehl und für die Europäer, die eigentlich das gesamte Mittelmeer und dessen Nadelöhre kontrollieren sollten, wenn Europa als Machtblock im 21. Jhdt. eine Rolle spielen soll, ist das ein Problem. Auch wenn es manche nord- u. mitteleurop. Staaten gibt (insb. die mit großer türkischer Diaspora), die sich darüber aus innenpolitischen Gründen noch selbst belügen - für Griechenland und Zypern ist es großes Problem. Marokko hat auch einen eigenen Kopf mit eigenen Zielen, und Israel ist ebenfalls ein Mittelmeerstaat und damit auch automatisch unser Problem. Bergkarabach mag zwar schon wieder vergessen sein, aber der Instabilitätsherd am Südkaukasus, in den manche die EU gerne hineinexpandieren wollen, existiert trotzdem weiter.
Das war jetzt nur der eigene strategische Vorhof. Illusionen über das Völkerrecht und dessen Bindungswirkung sind ein Luxus, den der unipolare Moment mit sich brachte und den wir uns heute nicht mehr leisten können.
@MU.....ja rein wirtschaftlich und von den Finanzen her könnte Europa ohne weiters a eigenständiger Machtblock sein...wir geben Unsummen für Verteidigung aus .... is Problem ist nicht das Können, sondern das Wollen...solange die EU- Staaten egoistisch ihr eigenes Ding durchziehen und uns dann a noch das Einstimmigkeitsprinzip lähmt, machen wir uns selber schwächer, als wir sind.... wies ausschaut zwingt uns die Krise jetzt, erwachsen zu werden....Allianzen mit Russland oder Indien wirds derzeit, oder auf Jahre gesehen, nicht spielen....wer in einer Welt voller Wölfe überleben will, sollte sich nicht wie ein Schaf verhalten...
VdB hat nur die Tatsache ausgesprochen, die eh jeder weiß! Wenn Isreal glaubt, es kann seinem Nachbarn im Westjordanland ungeschoren Land abringen, dann sind sie auch um Nichts besser, als alle anderen Imperialisten der Menschheit!
Der Herr Vdb soll bei sich selbst anfangen bevor er auf andere schaut.!
Sie sollten bei sich selbst anfangen bevor Sie über VdB maulen!
???????
vdb sollte eigentlich schon wissen, dass man sich mit israel nicht anlegen soll.
lia@ Endlich traut sich mal einer das Unrecht beim Namen zu nennen!
anlegen soll, anlegen darf? Was meinen Sie konkret?
Weil sonst der Mossad in der Hofburg einmarschiert und ein Blutbad anrichtet oder was?
Es ist gut, dass man zwischen Judentum und der aktuellen Politik von Netanhyau differenziert. Hoffe, dass das auch Herr Deutsch von der IRG so sieht und dass man benennt, was Tatsache ist.
Auch klar das Existenzrecht von Israel.
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