Wenn uns Traurigkeit, Angst oder Wut ergreifen, können wir Menschen diese Emotionen regulieren, indem wir beispielsweise unsere Aufmerksamkeit umlegen oder versuchen, eine Situation anders zu bewerten.
Doch nicht immer ist das so leicht getan wie gesagt und gerade für Menschen mit psychischen Erkrankungen ist die Regulation von Gefühlen eine Herausforderung.
Emotionsregulation durch elektrische Stimulation
In einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt untersucht die Wiener Neurowissenschaftlerin und Psychologin Lilian Konicar mit ihrem Team, wie die Emotionsregulation verbessert werden kann, sodass Menschen mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen davon profitieren.
Die Idee dahinter ist folgende: Durch elektrische Stimulation werden jene Bereiche im Gehirn unterstützt, die an der Emotionsregulation beteiligt sind. Dadurch könnte es Kindern und Jugendlichen leichter fallen, ihre Gefühle zu kontrollieren, wodurch in weiterer Folge auch Symptome wie starke Traurigkeit, Angst oder Wut abnehmen.
E-Bike fürs Gehirn
Dafür bekommen die Kinder und Jugendlichen eine Haube aufgesetzt, in der Elektroden stecken. Diese liegen auf der Kopfhaut auf und geben schwachen elektrischen Strom ab.

Was dabei passiert, erklärt Konicar mit einem Vergleich: „Man kann sich das Gehirn wie ein Fahrrad vorstellen.“ Es arbeitet ohnehin – die elektrische Stimulation soll ihm aber zusätzliche Unterstützung geben. „Wir sind kein normales Rad, wir sind modern, wir sind ein E-Bike“, sagt Konicar schmunzelnd. Die Stimulation schalte gewissermaßen einen zusätzlichen Gang dazu.
Bei Erwachsenen schon erprobt
Neu ist elektrische Hirnstimulation grundsätzlich nicht. Bei Erwachsenen wird sie bereits seit Jahren erforscht. Im Kinder- und Jugendbereich sieht die Lage anders aus. Das sei ein grundsätzliches Problem medizinischer und psychologischer Forschung, sagt Konicar. „Es gibt immer noch einen Fokus auf den 50-jährigen weißen Mann und weder auf Jugendliche noch auf Frauen.“
Ob die Behandlung bei Jugendlichen also genauso wirkt, muss eigens untersucht werden. Dafür hat das Forschungsteam die Neurotherapie auch an die junge Zielgruppe angepasst: Die Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren sehen während der Stimulation Teile des Animationsfilms „Alles steht Kopf“, in dem Emotionen selbst zu handelnden Figuren werden.
Zusätzlich absolvieren die Kinder und Jugendlichen ein Training am Computer. Dort üben sie Emotionsregulation, wobei sich die Aufgaben automatisch an ihre Leistung anpassen. Je besser jemand wird, desto schwieriger wird es – ähnlich wie beim Aufsteigen in einem Computerspiel.
Dreifach verblindetes Studiendesign
Vor und nach der zweiwöchigen Behandlung wird ausführlich gemessen. Die Jugendlichen und ihre Eltern beantworten Fragebögen. Am Computer wird beispielsweise untersucht, wie gut Emotionen in Gesichtern erkannt werden. Dazu kommen Eye-Tracking sowie Messungen mittels EEG und Magnetresonanztomografie.
Auch einen und drei Monate später werden die Jugendlichen noch einmal befragt und zu Experimenten eingeladen. Denn sollte die Hirnstimulation wirken, wäre besonders interessant, ob ein möglicher Effekt über die zwei Behandlungswochen hinaus anhält.
Ob die Stimulation einen Unterschied macht, soll ein streng kontrolliertes Studiendesign zeigen. Ein Teil der Jugendlichen erhält die tatsächliche Hirnstimulation, der andere nicht. Ansonsten unterscheidet sich für sie nichts: Alle tragen dieselbe Haube, spüren dasselbe anfängliche Kribbeln beim Elektroden-Check, sehen denselben Film und absolvieren dasselbe Training.
Die Studie ist dreifach verblindet. Die Jugendlichen wissen nicht, welcher Gruppe sie angehören. Auch Konicar und ihr Team wissen es während der Durchführung nicht. Und selbst jene Personen, die später die Daten auswerten, kennen die Zuordnung zunächst nicht.
Mehr als 90 Jugendliche haben die Studie bereits absolviert, die Datenerhebung läuft nur noch ein paar Wochen. Das große Ziel steht aber fest: „Dass es den Jugendlichen besser geht“, sagt Konicar. Langfristig könnten evidenzbasierte Neurotherapien eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit werden.
Zweites Projekt soll ME/CFS-Beschwerden lindern
Während dieses Projekt bald abgeschlossen sein soll, startet Konicar schon eine weitere FWF-geförderte Untersuchung. Dabei sollen Patient:innen lernen, ihre Hirnaktivität selbst zu beeinflussen.
Dieses neue Projekt richtet sich an Jugendliche und Erwachsene mit ME/CFS, einer Erkrankung, die vielfach mit schwerer Erschöpfung sowie kognitiven Einschränkungen einhergeht.
Bessere Gehirnregulation durch gezieltes Training
Dabei setzt die Wissenschaftlerin auf Neurofeedback, bei dem die Menschen selbst aktiv werden müssen.
Zunächst wird die Hirnaktivität der Teilnehmer:innen gemessen und auf einem Bildschirm sichtbar gemacht. Ein Symbol zeigt dann an, ob die Hirnaktivität gesteigert oder reduziert werden soll – etwa indem ein Vogel höher oder niedriger fliegt.
Die Teilnehmer:innen müssen ausprobieren, mit welchen Gedanken oder Vorstellungen sie den Vogel in die gewünschte Richtung bewegen können. Eine allgemeingültige Strategie gibt es nicht. Aus ihrer bisherigen Arbeit mit Neurofeedback kennt Konicar ganz unterschiedliche Zugänge: Manche Menschen stellen sich Snowboarden oder einen Tennisaufschlag vor, andere eine Achterbahnfahrt, denken an eine Farbe oder rechnen im Kopf. Entscheidend ist, selbst herauszufinden, was funktioniert.
Insgesamt sollen 60 Jugendliche und Erwachsene an der Studie, die noch am Anfang steht, teilnehmen. Das Training orientiert sich an der individuellen Belastbarkeit der Patient:innen, grundsätzlich sind zwei bis drei Einheiten pro Woche vorgesehen.
Keine Postings
Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren