Ihr Dolo Plus Vorteil:
Diesen Artikel jetzt anhören

Hochbegabten-AHS: Kritik an geplanter Umsetzung

Ab 2027 soll eine neue AHS-Sonderform starten. Fachleute fordern flexiblere und breitere Förderung.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) will Gymnasien und Realgymnasien ab Herbst 2027 eine Sonderform für Hochbegabte mit dreijähriger Unterstufe ermöglichen. Einzelne Elemente der Begabungsförderung sollen allen Schulen offenstehen. In den Stellungnahmen zum Gesetzesentwurf wird die Grundidee begrüßt, an der Ausgestaltung gibt es aber Kritik.

Bisher bestehen spezielle Hochbegabten-Klassen nur als Schulversuch. Bis 2030 sollen laut Folgenabschätzung vier „Allgemeinbildende höhere Schulen für Hochbegabte“ entstehen. Möglich sind auch einzelne Klassen an bestehenden Standorten. Der Lehrplan muss zur Matura des Gymnasiums oder Realgymnasiums führen. Wer mit den erhöhten Anforderungen nicht zurechtkommt, soll dadurch in eine reguläre Klasse am Standort wechseln können.

Vorgesehen sind unter anderem das Vorziehen von Lerninhalten oder Abschlüssen, zusätzliche und weiterführende Inhalte, individuelle Lernziele, Hochschulkurse während der Schulzeit sowie Coaching und Mentoring.

Skepsis gegenüber verkürzter Unterstufe

Die geplante Verkürzung der Unterstufe von vier auf drei Jahre sehen Fachleute skeptisch. Sie würde auch einen Wechsel in Regelklassen erschweren. Das BG/BRG Wieselburg, das seine Hochbegabten-Klasse von drei auf vier Jahre umgestellt hat, warnt: Eine Verkürzung sei nicht für alle begabten Kinder und Schulstandorte geeignet. Hochbegabung betreffe nicht alle Fachbereiche, die sozial-emotionale Entwicklung halte nicht immer mit der kognitiven Leistungsfähigkeit Schritt.

Bisher bestehen spezielle Hochbegabten-Klassen nur als Schulversuch. Foto: iStock/SeventyFour

Auch das Österreichische Zentrum für Begabtenförderung und Begabungsforschung (ÖZBF) an der Pädagogischen Hochschule Salzburg warnt davor, frühe Spezialisierung und Beschleunigung mit besserer Förderung gleichzusetzen. Die meisten bestehenden Schulversuche hätten eine vierjährige Unterstufe.

Das Hochschulkollegium der PH Oberösterreich sieht die Sonderform im Widerspruch zur Lern- und Unterrichtsforschung. Heterogene Gruppen seien für Lernerfolg und soziale Integration besonders wichtig. Das Modell berge das Risiko einer „Bildung sozial isolierter Eliten“.

Die unabhängigen Lehrervertreter der ÖLI-UG kritisieren, dass nur wenige Schüler in einzelnen Regionen erreicht würden. Die verkürzte Unterstufe und das Verbot einer Klassenwiederholung setzten Zehn- bis 14-Jährige unter Druck. Stattdessen brauche es Konzepte und Ressourcen zur Begabungsförderung an allen Schulen.

Förderungen breiter aufstellen

Die Arbeiterkammer fordert, den Lehrplan der Sonderform auch in Regelklassen und außerhalb der AHS anwendbar zu machen. Die BMHS-Gewerkschaft verlangt zusätzliche Ressourcen für die Förderung Hochbegabter an berufsbildenden mittleren und höheren Schulen. Auch das ÖZBF plädiert für mehr Angebote: 16 Prozent eines Jahrgangs hätten bei passender Lernumgebung die kognitiven Voraussetzungen für schulische Spitzenleistungen.

Zustimmung findet, dass einzelne Elemente der Schulversuche breiter genutzt werden sollen: das eigenständige Erledigen von Arbeitsaufträgen sowie gelockerte Anwesenheitsregeln an mittleren und höheren Schulen ab der zehnten Schulstufe.

Warnung vor Überforderung

Kritik gibt es hingegen daran, dass Arbeitsaufträge und Hausübungen über Wochenenden, Feiertage und Ferien künftig nicht mehr verboten sein sollen. Auch die verpflichtende Rücksichtnahme auf die Belastbarkeit der Schüler, etwa durch Aufgaben in anderen Fächern oder Schulveranstaltungen, soll entfallen.

Lehrergewerkschaft und Psychologen-Berufsverband (BÖP) warnen vor Überforderung. Die Diakonie befürchtet eine „Verlagerung schulischer Kernaufgaben in die Familie“, wenn Arbeitsaufträge neuen Stoff enthalten dürfen. Der Katholische Familienverband fordert, solche Aufträge nur als freiwillige Ergänzung zuzulassen.

Die AHS-Personalvertretung erwartet durch gelockerte Anwesenheitsregeln erhebliche Auswirkungen auf Unterricht und Zusammenleben. Änderungen sollten deshalb die Zustimmung der Lehrer-, Eltern- und Schülervertretung benötigen. Der BÖP warnt zudem, dass Schulangst, depressive Rückzugstendenzen oder Suchtverhalten bei geringerer Anwesenheit später auffallen könnten.

Keine Postings

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren