Das Konvikt –
die Mauern fallen
Das Konvikt – die Mauern fallen
Das Lienzer Konvikt wird derzeit dem Erdboden gleichgemacht. Es hat eine hintertragbare Vergangenheit – die vor Ort dennoch niemals Thema war.

Das Bundeskonvikt in Lienz war ein an das Gymnasium angeschlossenes Internat, das 1947 eröffnet und 2003 geschlossen wurde. „KZ“ nannten es manche seiner Zöglinge vor allem in den frühen Jahren und bis heute hat die Diskussion über die Erziehungsmethoden in diesem Internat nicht wirklich die Lienzer Öffentlichkeit erreicht. Selbst als 2012 Missbrauchsvorwürfe bestätigt und Entschädigungen an Opfer gezahlt wurden, gab es keine offene Diskussion vor Ort. Im folgenden Aufsatz schildert Johannes Schmidl, Autor, Wissenschaftler und in den siebziger Jahren „Zögling“ im Konvikt, wie er die Zeit im Internat erlebte. Ich habe seinen Aufsatz zufällig bei einer Internetrecherche entdeckt und als ich mit ihm Kontakt aufnahm, ergab sich ein weiterer Zufall.

Schmidls Klasse feierte in Lienz 35 Jahre Matura und so kletterte ich mit acht immer noch recht gelenkigen Kärntner Ex-Konviktlern nicht ganz legal über eine Mauer in den Hof des ehemaligen Gymnasiastenquartiers und hörte mir die Erinnerungen an, die das desolate Gebäude in seinen Ex-Bewohnern wachrief. Sie waren nicht nur schlecht, soviel sei zur Besänftigung all jener Betroffenen gesagt, die sich gerne an die Zeit im Konvikt erinnern. Auch Johannes Schmidls Essay ist keine Abrechnung, sondern viel mehr eine Reflexion über das Thema Macht und Machtmissbrauch, festgemacht an einem Gebäude, das derzeit dem Erdboden gleichgemacht wird, aber weiterhin gültig für alle gesellschaftlichen Strukturen ist, in denen der Schwache keinen besonderen Schutz genießt.

– Gerhard Pirkner

Nicht der Zölibat – autoritäre Strukturen sind das Problem
Ein Nachruf auf das Bundeskonvikt Lienz

Das Wort „Zögling“ hörte ich in jenen Frühherbsttagen des Jahres 1973 zum ersten Mal, als es schon auf mich und etwa 50 andere zehnjährige Buben gemünzt war. Wir fanden uns nach den letzten großen Volksschul-Sommerferien hinter den verschlossenen Toren eines modernen Stahlbetonbaus plötzlich in „Gruppen“ sortiert – eben als Zöglinge wieder. Unsere Mütter hatten wie angeordnet in alle unsere Kleidungsstücke unsere Initialen und eine uns zugewiesene Nummer genäht, noch heute stoße ich mitunter auf ein ausgewaschenes Schnäuztuch mit der Wäschenummer JS 240. Wir wurden in moderne helle Zimmer zu je fünf zusammen gelegt, und unsere Eltern verabschiedeten sich vor dem Tor.

Lienz ist die lokale Hauptstadt nicht nur Osttirols, sondern auch eines Teils von Oberkärnten, des Möll-, Drau-, Lesach- und Gailtales, und sammelt als Schulstadt auch die Kinder aus diesen Gegenden ein. Die Distanz nach Lienz war vielen für tägliche Fahrten zu groß, und so bot das Bundeskonvikt Lienz „Knaben Unterkunft und Verpflegung“ – so sie sich denn in Zöglinge verwandelten.

Eine Gruppe von „Zöglingen“ auf der Außentreppe des Konvikts. Christian Stefaner (dritter von oben), ein Mitschüler von Johannes Schmidl schickte uns dieses Foto aus dem Jahr 1972.
Foto: Christian Stefaner

Wo die Mädchen blieben, wusste ich damals noch nicht. Als es uns ein paar Jahre später interessiert hätte, verhinderten die Mauern und die Regelungen und Verbote des Bundeskonviktes, dass wir uns andere als theoretische oder von – verbotenen – Bravo-Heftln inspirierte und genährte fantastische Gedanken darüber machten.

Was ein Zögling ist, kann man in Robert Musils „Zögling Törless“ nachlesen, in Hermann Hesses „Unterm Rad“ ebenso wie bei Florian Lipuš oder Josef Zoderer. Obwohl Musils „Törless“ das Bild einer militärischen Realschule mit angeschlossenem Konvikt am Ende des 19. Jahrhunderts spiegelt, erschreckt mich, wie viel davon auch achtzig Jahre später noch vorhanden war – wie sehr, anders gesagt, das Verhalten von Gruppen und von Einzelnen in Gruppen durch bestimmte äußere Rahmenbedingungen voraussagbar gelenkt werden kann.

Die zehnjährigen Buben weinten in der ersten Nacht in ihren Betten aus Eisengestell in die weißen Kopfpolster, weil sie die ersten zwei Monate nicht nach Hause fahren durften. „Eingewöhnen“ hieß der vorgeschobene Grund. Sie weinten versteckt am Klo, und die meisten weinten auch noch in den folgenden Tagen und Wochen und manchmal auch tagsüber.

Wenn wir nach acht Uhr abends noch redeten, der offiziellen Nachtruhe, und uns der Nachtdienst dabei erwischte, mussten wir im Pyjama auf den kalten Gang hinaus stehen oder knien und warten, bis er uns wieder davon erlöste. Das Wort dieses „Erziehungsberechtigten“ hatte unbedingte Gewalt; potestas vitae necisque, lernten wir später im Lateinunterricht. Wir verstanden zumindest, was damit gemeint war. Ich habe es damals wohl als lustig empfunden, nachts draußen stehen zu müssen, es verschaffte einem etwas Respekt und Ansehen bei den anderen Zöglingen. Lustig waren auch die Polsterschlachten, oder wenn es einem gelang, den Erzieher hinters Licht zu führen. Oder das Erdbeben im Mai 1976 mit seinem plötzlichen, alle Zöglinge umfassenden Ausbruch von wilder, panikartiger, dann beinahe freudiger Flucht aus dem Haus hinaus; ein Moment der Anarchie und des Gefühls, dem Drängen des Lebens zu folgen. Oder die fantastischen Geschichten, die hinter gelungenen Fluchten einzelner Zöglinge aus dem Konvikt erzählt wurden, wo man sie nicht schon überall gesehen habe: über den Rhein schwimmend, in Triest auf einem Schiff anheuernd, unterwegs zur Fremdenlegion. Und dann waren die geflüchteten nach ein paar Tagen wieder da, saßen still auf ihren Plätzen und es stellte sich heraus, dass alle Abenteuer lediglich in den Gedanken der Zurückgebliebenen stattgefunden hatten. „… wenn nicht erzieherische oder schulische Gründe dagegen sprechen“, durfte man nach den zwei Monaten „Eingewöhnung“ an den Wochenenden nach Hause fahren. Die Bewertung der „erzieherischen oder schulischen Gründe“ oblag dem Erzieher oder der Erzieherin, ihr papierener Ausdruck war die „Heimfahrtsbestätigung“, die neben der Unterschrift eines Elternteils auch jene des Erziehungsberechtigten tragen musste, um gültig zu sein.

In meinem Fall war „die Erziehungsberechtigte“ ein Fräulein E., was noch heute zur Folge hat, dass mir dieser Name vergällt ist. Einmal hatte ich in der Pause vergessen, aufs Klo zu gehen, und das Fräulein E. ließ mich dann während des Nachmittagsstudiums trotz mehrmaligen Bittens nicht hinaus. Ich ärgere mich jetzt, während ich das schreibe, darüber, dass ich nicht einfach aufgestanden und hinausgelaufen bin, doch wahrscheinlich erschien mir das Damoklesschwert der „erzieherischen Gründe“ als die größere abzuwendende Gefahr, schrecklicher als die nach einer Dreiviertel Stunde Krampf im Unterleib dann vollständig angebrunzte Hose. Ich habe es geschafft, ohne dass es jemand merkte, nach dem erlösenden Lautsprechergong ins Zimmer zu huschen und meine stille Wut zu verstecken, und niemandem ist aufgefallen, dass ich in der Trainingshose zum Abendessen und am nächsten Tag in die Schule gegangen bin.

Das Konvikt erhob keinen Einspruch gegen diese Gewalt, solange die Formen von Nachtruhe, Pünktlichkeit und Zweierreihe gewahrt blieben.
Johannes Schmidl

Der Herr Professor L., ein anderer Erzieher, hatte eine Methode mit Strafpunkten entwickelt. Mit drei Strafpunkten mauerte er einem Zögling das Luftloch des Wochenendes zu und er hatte sein Vergnügen daran, die verschiedenen Delikte mit Strafpunkten zu gewichten. Vom Frühgottesdienst am Mittwoch davonschleichen: zwei Punkte. Nach acht im Zimmer noch geredet: ein Punkt. Und so weiter. Die Gefahr, die über uns drohte, hat bewirkt, dass wir uns demütigten, vor einander und vor uns selbst, und uns entwürdigten. Wir schluckten unsere Wut in uns hinein; wir haben keinen Aufstand geplant, keine Revolution angezettelt, keine Menschenrechte eingefordert. Wir haben geweint und als unsere Kindertränen trocken waren, haben wir uns gefügt.

Abends hatten wir eine dreiviertel Stunde für uns, natürlich durften wir das Haus dabei aber nicht verlassen. Einige lasen ein Buch, nähten einen Knopf an, viele aber standen in Reihe vor der einzigen Telefonzelle, aus der wir mit einer eingeworfenen Schillingmünze daheim anriefen und um Rückruf baten. Rief jemand von draußen an, wurde man vom Torwart über einen Lautsprecher „ausgerufen“. Der Lautsprecher, der einen auch mit Gongs an die Tageseinteilung erinnerte: Aufstehen, Studienzeiten, Essen, Schlafengehen, war bis ins hinterste Eck dieses Hauses zu hören, ihm entkam niemand.

Unter derartigen äußeren Bedingungen beginnen junge Menschen irgendwann, aufeinander los zu gehen. Die von oben angezogene Zwinge verformt die Beziehungen, primitivdarwinistische Hierarchien stellen sich ein, und einige bleiben auf der Strecke. Ich erinnere mich an die Namen einiger Folterer und Unterworfenen. Einige davon sind heute äußerlich ganz gewöhnliche Bürger: Köche, Bankangestellte, Polizisten. Das Konvikt hatte kein Sensorium, mit dem es die Schreie der Kinder hätte wahrnehmen können, also erhob es auch keinen Einspruch gegen diese Gewalt, solange die Formen von Nachtruhe, Pünktlichkeit und Zweierreihe gewahrt blieben, es funktionierte, solange seinen Regelungen gehorsam gefolgt wurde.

Unter den „Erziehungsberechtigten“ gab es Fälle von Dummheit und Sadismus, auch von Päderastie (der Herr Prof. R. war dann eines Tages halt einfach verschwunden). Und es gab Menschen unter ihnen, die ich heute noch schätze, doch konnten sich diese anfangs kaum als solche artikulieren, ihre Milde blieb verschämt und versteckt.

Wenn der Herr Direktor durch den Speisesaal ging, leicht vorgebeugt, seine Arme auf dem Rücken, waren die 320 Zöglinge, die dort ansonsten mit Besteck und Tellern klapperten und mit einander plauderten, plötzlich so still, dass nur noch das leise Klirren seiner Schlüssel zu hören war, die er, vielleicht in einer Art nervösen Fingerzuckens, leise auf einander schlagen ließ. Er, nur er hatte die Schlüssel zu allen Räumen, und das hörte man. Auch die Erzieher waren still.

Von diesem Klirren des riesigen Schlüsselbundes geht in meiner Erinnerung etwas Lauerndes aus. Der Zögling hatte Angst, dieses Lauern könne sich ihm zuwenden, ihn herausgreifen. Es hatte scheinbar jedes Recht dazu. Wenn das Klirren der Schlüssel durch eine Tür verschwand, stellte sich das Plaudern allmählich wieder ein.

44 Jahre später werfen einige „Ex-Konviktler“ einen letzten Blick durch die Scheiben ihres ehemaligen Internats.

Einmal stieß ich durch Zufall vor seinem privaten Bereich im Bundeskonvikt – er wohnte selber mit seiner Familie dort – mit einem Freund auf den Direktor. Wir waren in der dreiviertel Stunde, die wir abends an freier Zeit für uns hatten, ohne Erlaubnis durch das Haus gestreift. Wir erschraken, als wir ihn sahen, doch er winkte uns zu sich und führte uns in einen Raum, der im verbotenen Bereich des Hauses und offenbar gewöhnlich versperrt war. Dort standen ein Mikroskop und Schränke mit hunderten präparierten und aufgespießten Käfern und Schmetterlingen. Wir staunten, und mehr noch waren wir überrascht, im Herrn Direktor einen Menschen mit Wärme, Freude und Zuneigung zu finden, auch wenn diese den vertrockneten toten Tieren galt, die er uns, Schublade für Schublade, zeigte und erklärte. Wir mimten Interesse für die Aufgespießten, wir trauten wohl insgeheim seiner plötzlichen Milde nicht und wollten ihn so beschwichtigen.

An den weißen Wänden im Studierraum hingen nur das Bild des Bundespräsidenten und ein kahles Kreuz. Mangels anderer optischer Reize habe ich ihn so oft und lange angeschaut, dass ich Kirchschlägers Bundespräsidentengesicht noch heute in meinem Gedächtnis finde, kein anderer Bundespräsident wird ihm an Intensität je nahe kommen. In unseren Schlafzimmern durfte nichts an den Wänden hängen, keine Bilder, keine dieser bunten Teenagerposter. Ich schaute vor dem Einschlafen auf die weiße Decke, die in der Nacht natürlich schwarz war, und träumte mich anderswo hin. Diese reizlose Umgebung entsprach dem von Außenreizen pedantisch abgeschirmten Leben der Zöglinge: ohne Zeitung, Radio streng verboten, miteinander reden auf ausgewiesene Zeiten beschränkt. Die Erzieher schielten in unsere Nachtkästchen und unsere Kästen, kontrollierten, ob unsere Hosen zusammengelegt waren und ob jemand – was verboten war – Essbares im Zimmer versteckte. Sie hatten keine Schlüssel zu unseren Kästen, doch wir mussten ihnen aufsperren und ihnen alles zeigen.

Von zu Hause Mitgebrachtes durfte man lediglich in einem winzigen, „Fresskastl“ genannten Raum im Keller essen, wo jeder ein kleines versperrbares Kästchen mit seiner Schlüsselnummer hütete. Das Schmatzen, gierige Hinunterschlingen und gegenseitige Anbetteln um alles mögliche Essbare in diesem dunklen, in der Nachmittagspause für 20 Minuten total überfüllten Raum hat sich mir mit dem Geruch von faulen Birnen, vertrockneter Extrawurst, vergessenem Käse, Nutella und verschimmeltem Brot zu einem Amalgam vermischt, das aus einem Peter Greenaway-Film stammen könnte. Eigenes zum Essen war auch deshalb vorteilhaft, weil das Konvikt damals unter den Zöglingen auch „das KZ“ genannt wurde. Das war die Abkürzung für „Kartoffelzentrum“, und sie wurde von uns, zeitgeistkonform und ohne Sensibilität, für dieses Haus verwendet, um auszudrücken, dass es uns zuwider war. Wir haben natürlich nicht gehungert, doch die Eintönigkeit, mit der die ewiggleichen zehn bis fünfzehn vitaminlosen Speisen durch unsere Tage und Mägen kreisten, hatte etwas Enervierendes.

An solchen und ähnlichen Geschichten mangelt es nicht und man ist im Kreis ehemaliger Zöglinge versucht, sich gegenseitig mit Erlebtem und Ertragenem übertrumpfen zu wollen.

Doch es geht um etwas Anderes: Viele der Regelungen und Verbote des Konviktes erscheinen mir heute als derart absurd, dass ich fast nicht glauben kann, diese Absurdität als vollkommen gewöhnlichen, meistens elend langweiligen und bedrückenden Alltag selbst gelebt zu haben. Im Erinnern erschrecken mich Einzelheiten, die ich im Moment des Erlebens mitunter als erheiternde, ja erfreuliche Abwechslungen empfunden habe. Eine Frucht dieser Erfahrung des Konviktes ist, dass ich weiß, wie ein totalitäres System funktionieren kann.

Johannes Schmidl, Autor dieses Essays, beim Lokalaugenschein im Spätsommer 2016.

Das System des Konviktes benötigte weder einen indirekten inhaltlichen Rückgriff auf den Nationalsozialismus, was in den siebziger Jahren noch eher bedenkenlos möglich gewesen wäre, noch auf einen andernorts oft betonten katholischen Absolutismus. Vielleicht war es von beiden weitschichtig inspiriert. In Wahrheit funktionierte es aber unabhängig von Inhalten.

Das Charakteristische und Bedrückende am Konvikt war seine formale Struktur. Diese bestand aus Hierarchien, aus Regelungen und Verboten, unbedingten Befehlen mit unumkehrbarer Richtung, und aus wirksamen Drohungen und Sanktionen bei Nichterfüllung. Diese Struktur stammt aus einem antiaufklärerischen Geist. Sie lauerte auf Formverletzungen der Zöglinge und war taub und blind für das, was sie bewegte und quälte. Die Zweierreihe war ihr wichtiger als Heimweh, ein Käfig aus Vorschriften und Tageseinteilungen ersetzte eigenes Probieren und Erleben. Kritik von unten und von innen wurde nicht gewünscht und nicht geübt, geschweige denn, dass danach gefragt worden wäre.

Der tatsächliche Inhalt des Konvikts aber war zufällig. Das Konvikt – oder, präziser gesagt, die Idee, die hinter ihm und analogen Einrichtungen steht – ließe sich also, und das ist das Beunruhigende, mit beliebigen Inhalten füllen und wiederbeleben. Diese Inhalte müssten lediglich dazu dienen, ein Regelwerk zu rechtfertigen, demgegenüber Menschen ihre eigene Person und ihren Widerstand aufgeben. Und dazu kann man Kinder durch ihre Verwandlung in Zöglinge zwingen – für ein Kind wird das zum Normalen, was es als Alltag lebt.

Die Kritik muss gewollt sein, und sie muss in Gestalt von Veränderung sichtbare Früchte tragen können.
Johannes Schmidl

Die Gefahr, die latent in gewissen „Erziehungsberechtigten“ döste, wurde manifest, als diese auf Strukturen stießen, die es ihnen ermöglichten, ihren Neigungen und Antrieben konsequenzenlos zu folgen. Das Konvikt in seiner klassischen Gestalt bot genau diese Struktur. Es ist ein erfolgreiches Modell, solange der Staat erwachsene Gehorcher und Missbraucher nachfragt, weil er sie benötigt: als unkritische Vollstrecker eines höheren Willens (Musils Törless sollte für eine Laufbahn als Offizier vorbereitet werden).

Wer möchte, dass sich Kinder wehren, bevor sie missbraucht werden, der muss zuallererst zulassen, ja sie dazu ermutigen, dass sie hinterfragen, widersprechen, verneinen. Das kann für den „Erziehungsberechtigten“ lästig sein, doch diese Rolle von Kritik ist zentral. Unterdrücker und Missbraucher sind Moralisten: sie rechtfertigen ihre Taten mit moralischen Geboten. Sie wissen, dass sie andere quälen, doch diese Qual erscheint ihnen notwendig für ein höheres Gut, das sie zugleich rechtfertigt.

Es geht hier um ein allgemein abrufbares menschliches Muster. Beispielsweise denken die Amerikanischen Streitkräfte darüber nach¹, wie sehr der massenhafte sexuelle Missbrauch von Buben in radikalen Madrasas (Koranschulen) Pakistans und Afghanistans dazu führen könnte, diese später als willige Rekruten in Terrortrainingscamps wieder zu finden. Dieser Missbrauch geschieht vorzugsweise an Donnerstagen, auch „man-loving days“ genannt, weil Prediger am darauffolgenden Freitag den Missbrauchern die Absolution erteilen. Nicht nur die europäische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts kennt die als Kinder geschlagenen erwachsenen Schläger, die missbrauchten Missbraucher.

Lienz war ein staatliches, ein Bundeskonvikt, keine kirchliche Einrichtung. Hierarchien, Machtstrukturen und daraus folgender Machtmissbrauch sind das Problem, nicht der Zölibat. Sie existieren weiterhin, in Gefängnissen, in militärischen Organisationen, auch in Schulen. Es lassen sich dutzende Gründe vorschieben, warum man sie benötigt. Gegen sie hilft nur, der Kritik eine positive, ja essentielle Rolle zuzuweisen. Jeder, jede sei dazu aufgerufen, zu kritisieren, unabhängig von der jeweiligen Stellung in irgendeiner Hierarchie, unabhängig vom Ansehen der Person. Diese Kritik muss gewollt sein, und sie muss in Gestalt von Veränderungen sichtbare Früchte tragen können.

Das Bundeskonvikt Lienz der siebziger Jahre war allein schon baulich eine gemäßigte Ausgabe seines Vorgängers aus den unmittelbaren Nachkriegsjahren, und wollte man mit erlittenen Geschichten auftrumpfen, müsste man wohl gegenüber Robert Musil oder Hermann Hesse, erst recht gegenüber vielen Geschichten, die weltweit erduldet, aber nie aufgeschrieben wurden, klein beigeben.

Wenige Tage vor Drucklegung des Magazins fuhren vor dem Konvikt die Bagger auf.
Foto: Gerhard Pirkner

Im Laufe der Jahre ist der Ungeist, der uns als frisch eingetretene Zöglinge so gequält hat, aus diesem Haus langsam verschwunden. Neue Lehrer und Erzieher brachten neue Umgangsformen als Selbstverständlichkeit mit, mit denen sie unsere, der Zöglinge, körperliche Souveränität plötzlich respektierten: kein Besenknien, keine Kopfnüsse und Ohrfeigen, kein Haare- und Ohrenziehen mehr, keine unnötigen Quälereien. Mit ihnen konnte man wie mit Menschen reden, und sie verstanden einen auch als Mensch, nicht nur als Funktional von Vorschriften und Regeln.

Ich glaube, dieser erfolgreiche Exorzismus stammt aus der veränderten politischen Konstellation der späten siebziger und achtziger Jahre, als allmählich im Alltag wirksam und spürbar wurde, was in den Geschichtsbüchern heute das Attribut „68er“ erhält. Davon haben hauptsächlich die Jahrgänge nach uns profitiert, worunter – Sensation – nach ein paar Jahren erstmals auch zwei Gruppen von Mädchen waren.

In den Jahren vor und vor allem nach meiner Matura zeigte das Konvikt allmählich Tendenzen der Auflösung. Es verlor seinen ursprünglichen Geist und verpasste zugleich den Anschluss an die Gegenwart. Auch ich verbrachte die letzten Jahre der Mittelschulzeit „privat“, und meine Versuche, das jahrelang Versäumte nach zu holen, sind alkoholdampfende, verwehte Spuren durch Lokale, die heute wahrscheinlich längst schon wieder anders heißen: Milchbar, Almdiele, Cafe Central, Annenkeller, …

Heute altert das Bundeskonvikt Lienz als Stahlbetongebäude der späten sechziger Jahre, leer und funktionslos geworden, so schnell und würdelos wie manche osteuropäische Plattenbauten vor sich hin. Ich weine seinem Untergang keine Träne nach.



Über Johannes Schmidl:

Johannes Schmidl wurde 1963 in Lienz geboren, wo er die Mittelschule besuchte, Zögling im Bundeskonvikt war und maturierte. Er studierte Physik in Graz und Umweltschutz in Wien, wo er seit ca. 1990 lebt. Im Jahr 2000 erhielt er den Ö1 Essay-Preis, zuletzt erschien von ihm „Die Kalte Fusion“, Roman, Seifert Verlag 2009.

Credits
  • Autor: Johannes Schmidl
  • Fotografie: Marco Leiter / Christian Stefaner / Gerhard Pirkner
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2 Postings bisher
...symbolic... vor 9 Monaten

...nur schnell weg mit dieser Bude, in der Hoffnung, dass solche Zeiten nie mehr kommen! Lasst uns etwas Sinnvolles und Lehrreiches dort hin stellen, eine neue Schule, die diesem Fleck vorallem positives Leben einhauchen und die dunkle Vergangenheit erlöschen läßt. Es ist höchste Zeit dafür und dieser Platz bestens geeignet, wohl auch für ein wenig Wohlbefinden bei den ehem. Zöglingen, da sie sehen, dass sich hier eine positive Änderung ergeben kann. Wir waren zum Glück nur als Nachmittagsbetreute im Konvikt, aber ich kann mir immer noch ganz gut vorstellen, dass ich dort nicht auch noch hätte wohnen wollen.... :-(

chiller336 vor 9 Monaten

wahnsinn, bei diesen worten kommen viele erinnerungen hoch, die schon lange in irgendeiner lade vor sich hin gammelten. gerüche sind plötzlich wieder präsent, geräusche .... vorkommnisse, wie sie in der heutigen zeit rechtlich geahndet würden, früher als standard tagtäglich .... nun abgerissen und entsorgt wie ein alter leichnam .... die mauern sind weg, die erinnerungen jedoch werden wohl ewig bleiben - aber nicht nur die schlechten, sondern auch die schönen, dies ja auch gab