Das muss eine
Arie werden!
Das muss eine Arie werden!
Zur Eröffnung von „Spielfeld Kultur Osttirol“ wurde erstmals ein Werk des Komponisten Bernhard Gander in Lienz aufgeführt. Am Rande des Konzerts sprach Daniela Ingruber mit ihm über seine Sitcom-Oper, Fahrstuhlmusik, Disziplin und Cartoons.

Wie führt man ein Interview mit einem Komponisten, den man nie zuvor getroffen hat und dessen Musik Comicbilder im Kopf auslöst? Keine Bilder einer wohlgeordneten Landschaft, keine Tanzsequenzen, sondern ausgerechnet Comics! Schlimmer noch: ein trotziger zehnjähriger Bub, der die Welt verändern will. Man bereitet Fragen vor, macht einen Termin in einem möglichst ruhigen Lienzer Kaffeehaus aus und hofft, dass der Komponist nicht nach fünf Minuten aufspringt und geht. Dann aber kommt er bei der Tür herein, setzt sich lachend hin und legt sein aufmerksames Lächeln auch in den folgenden eineinhalb Stunden nie ab. Die Höflichkeitsform „Sie“ lässt sich nicht lange durchhalten, gerade aus Respekt vor der Präsenz, die er ausstrahlt.

Er, das ist Bernhard Gander. Seine Musik klingt ebenso eindringlich, wie energisch, zärtlich manchmal, aggressiv schon beim nächsten Ton, und sie erzählt Geschichten von menschlichen Zuständen, Unzulänglichkeiten, Gewalt, Alltagsfragen und das, was das Publikum darin erkennen möchte. Ganz klar, immer wieder tauchen diese Comicbilder des Widerspenstigen auf – und wenn einem Bernhard Gander gegenüber sitzt, wird deutlich, dass dies kein Zufall ist.

DOLOMITENSTADT: Beim Konzert in der Tammerburg wurde deine Musik dem Publikum angekündigt mit: „Es könnte ein irritierender Abend werden.“ Denkst du beim Schreiben das Publikum mit?

Das muss ich nicht, ich selbst bin das erste Publikum, und kein abgehobenes. Wenn ich ins Konzert gehe, will ich mich nicht anstrengen. Entweder das Stück kommt mir entgegen oder ich bleibe daheim.

Kaum kommt bei einem Konzert eine kleine Pause, geht das Räuspern los. Bei deinen Konzerten hört man eher ein Aufseufzen noch während der Musik.

Einmal hat das Publikum bei der Zugabe, dem Stück „Lamento“, sogar mitgeraunzt.

Für die Bregenzer Festspiele hast du tatsächlich eine Sitcom-Oper geschrieben?

Ja, das war der Versuch, Sitcom und Oper zu mischen, wobei die Frage im Raum schwebt, was Oper mit Sitcom zu tun habe. Ich sage: alles! Für die meisten ist eine Sitcom nur dumme Unterhaltung, für mich nicht. In diesen 20 bis 25 Minuten muss jede Sekunde genutzt werden. Unter dem Deckmäntelchen des Trash kommt viel Sozialkritisches durch die Hintertür herein. Es hat alles Platz, alles kommt auf den Punkt.

Ein Spiegel der Gesellschaft?

Ja, und für mich derzeit einer der tauglichsten, weil nicht so schulmeisterlich.

Wie wird solch ein Opernformat für die Bregenzer Festspiele aufgenommen?

Der jetzt scheidende Intendant David Pountney sagte beim Pressegespräch, dass es für ihn keine Diskrepanz zwischen Oper und Sitcom gäbe. Das finde ich ziemlich cool.

Humor als Waffe?

Die Schwierigste! Besonders beim Schreiben.

Schreibst du die Libretti selbst?

Nein. In diesem Fall waren das zwei Librettisten. Wenn Oper, dann strikte Kompetenztrennung. Ich mische mich auch kaum in die Regie ein.

Aber wenn Dramaturgen zu kürzen beginnen?

Das wäre ok. Ich habe umgekehrt auch beim Libretto angemerkt, man könnte verknappen.

Wie beeinflusst der vorhandene Sprachrhythmus die Musik?

Ich habe die Librettisten gebeten, nicht daran zu denken, dass es eine Oper wird. Denn ich weiß, wenn man Oper im Kopf hat, fängt man automatisch an, deppert zu schreiben. Diese hehre Sprache interessiert mich nicht. Ich will die Alltagssprache. Ich liebe Wörter wie „Evaluierung“. Über ein dermaßen unmusikalisches Wort eine Arie zu machen, ist fantastisch! Wenn man es zu einer Endlosschleife hinmelodieren lässt, karikiert man es. In einer Folge der Sitcom wird ein neues Sofa gesucht. Bei den Fachbegriffen „Zweisitzer“, „Ecksofa“, „Anthrazit“ hallt es mir im Ohr. Das muss eine Arie werden!

Im Kaffeehaus sitzend drängt sich die Frage auf: Was wäre, wenn man deine Musik im Kaffeehaus spielte?

Super! Man kann sie auch im Fahrstuhl spielen. Zum Glück muss ich nicht kontrollieren, was mit veröffentlichten Stücken passiert. Meist bin ich mit jenen in Kontakt, die etwas von mir spielen. Ansonsten denke ich mir: „Hoppala, das Baby ist jetzt selbständig.“

Beim Theater bestimmen die Autoren nicht ungern, wie und in welchem Rahmen ihr Stück inszeniert wird.

Auch manche Musiker sind da sehr heikel. Ein Kollege sagte einmal, er wolle nicht, dass seine Musik in jenem Raum einer Disco gespielt werde, drehte sich um und ging. Das ist für mich Kulturfaschismus oder Snobismus.

Vielleicht will man nicht, dass seine Musik das Titellied einer FPÖ-Veranstaltung ist?

Das möchte ich auch nicht.

Du nimmst dir immer wieder gesellschaftspolitische Themen vor. Ist Musik politisch?

Ich fürchte, eher nicht sehr, aber ich will es. Ich will über Immigration und Asyl reden! Ob das Auswirkungen hat, weiß ich nicht. Aber ich bin überzeugt, dass man seine Statements abgeben muss, damit die Diskussion am Köcheln bleibt. Natürlich ist es sinnvoller, wenn ein Politiker in der Zeit im Bild etwas sagt. Er kann viel mehr erreichen.

Nicht unbedingt. Ich halte Kunst für eines der ganz großen politischen Mittel.

Siehst du, vielleicht sollte ich doch wieder mehr daran glauben!

Unbedingt! Du hast in Innsbruck Musik studiert?

Ja, Klavier, Tonsatz und Dirigieren. Kurz vor Abschluss habe ich das Studium abgebrochen. Es wäre nicht mein Weg gewesen. Ich hatte Angst um meine Musikbegeisterung. So ging ich auf die Baustelle und wurde Spengler. Es war herrlich! Ich komme ja aus einer Handwerkerfamilie. Tischler wäre mein Lieblingsberuf gewesen. Ich habe viele Handwerkerjobs gemacht, in der Tischlerei, als Bodenleger, als Dachdecker und in der Gastronomie sowieso alles, vom Zimmermädchen bis zum Koch.

In einem Interview hast du einmal gesagt, du seist ins Komponieren hineingeschlittert.

Ich war acht Jahre im Internat. Dort habe ich mit meinem Bruder und einem Freund eine Band gegründet. Zuerst haben wir Nummern von den Beatles und Deep Purple nachgespielt, irgendwann fingen wir an, Nummern zu schreiben. Das war keine bewusste Entscheidung. Dann habe ich studiert und es war relativ bald klar: Das will ich unbedingt machen.

Sobald man etwas beruflich macht, verliert es an Leichtfüßigkeit, weil eine gewisse Disziplin dazugehört.

Ich mag Disziplin. Mit meiner Disziplin bin ich sicher der totale Antikünstler! Ich stehe um 6 Uhr morgens auf, fange um 7 Uhr an, arbeite bis Mittag, dann wieder von 2 bis 6 Uhr. Das mache ich von Montag bis Freitag, Samstag nur bis Mittag und Sonntag nie. Man hat viel mehr Freiheit, wenn man diszipliniert ist. Man muss der Inspiration entgegenlaufen.

Unter der Dusche kann man vielleicht einen netten Gedanken haben, aber wenn ich mich hinsetze, einen Bleistift in die Hand nehme, dann läuft das Werk. Und wenn gar nichts geht, gehe ich auf der Donauinsel spazieren und knalle mir die Ohren voll.

Welche Musik hörst du zur Inspiration?

Ehrlich gesagt, ich höre nur noch Metal und ich kaufe auch wahnsinnig viel. Ich habe noch nie etwas heruntergeladen. Ich brauche die CDs inzwischen auch für meinen Lieblingsnebenjob: Einmal pro Monat lege ich in einem Club auf.

Man findet bei dir zahllose Einflüsse verschiedener Genres und Komponisten: Jazz, Leoš Janácek, György Ligeti. Warum hört man den Death Metal nicht?

Es ist nicht direkt der Sound des Death Metal. Ein Orchester schwingt anders, die Musiker denken anders. Ich verwende die Struktur, die Energie des Metal.

Beim Hören deiner Musik sehe ich Cartoons vor mir. Es sind widerspenstige Bilder, eigentlich ein etwa zehnjähriger Bub, der ruft: „Ich stell‘ mir die Welt anders vor und ich baue sie mir jetzt so, wie ich sie will!“

Ein super Bild! Vor allem habe ich ja wirklich schon zwei Comicfiguren vertont. Ich habe ein Klavierstück, das heißt „Peter Parker“. Das ist der bürgerliche Name von Spider Man. Hulk habe ich als „Hukl“ für Orchester und als „Khul“ für Streichquartett verwendet. Mich hat das Bild interessiert, dass er explodiert, wenn er sich ärgert. Das ist meine Traumvorstellung: infizierte Klänge oder infizierte Musiker, die sich aufbäumen, zusammensacken und neue Energie aufsaugen. Das ist auch mein eigener Zustand: immer wieder ein wenig positive Aggression.

Positive Aggression?

Aggression ist für mich in diesem Fall nicht negativ besetzt im Sinne von Destruktion, sondern eher das gute Gefühl des Anpackens. Obwohl man natürlich auch gewalttätige Fantasien hat. Das ist der Weg, sie zu kanalisieren. Mittlerweile habe ich in manchen neuen Stücken auch recht aggressive Titel.

Deine Werkliste liest sich wie ein Horrorcomic: Bunny Games, Dirty Angel, Horribili dictu, Lovely Monster, Take Death, wegda!

Ich verwende zunächst einen Arbeitstitel, weil ich das witzig und inspirierend finde, dann fokussiere ich mich auf den Titel, sehe ihn als Marschrichtung und zu 99 Prozent bleibe ich dabei.

Deshalb wundert es mich, dass du nicht selbst die Texte schreibst.

Das überlasse ich anderen, aber es stimmt, es wird immer heikler, da ich schon so viele Texte vertont habe. Ich habe ja auch ganz unmusikalische Texte vertont, wie die Reden der Maria Fekter. Das ist Poesie pur, weil es so absurd ist.

Wäre Filmmusik interessant?

Ja, am liebsten für einen Horrorfilm. Es ist fast überall zuviel Musik drin! Damit machen sie die Filme kaputt. Da etwas Dezentes zu finden, das funktioniert, wäre eine Herausforderung.

Könntest du deine Musik auch in Lienz schreiben?

Vielleicht würde sie anders sein. Denn ich glaube, man ist Umwelteinflüssen ausgesetzt, ohne dass man es merkt. Wien ist jetzt meine Heimat, dort habe ich ein anderes Arbeitsgefühl.

Nein, einen ganz großen Unterschied würde es nicht mehr machen. Denn dass ich plötzlich esoterische Musik schreibe …

Das würde mich dann doch eher schockieren.

Klangschalenmusik vielleicht?

Und was würde Beethoven heute komponieren?

Black Metal!


Kurzbiografie:

Der gebürtige Lienzer Bernhard Gander studierte am Tiroler Landeskonservatorium Klavier, Tonsatz und Dirigieren. Später folgten ein Kompositionsstudium bei Beat Furrer in Graz sowie die Ausbildung in Elektroakustischer Musik am Studio UPIC/Paris und am Schweizerischen Zentrum für Computermusik in Zürich.

Der leidenschaftliche Wahlwiener arbeitet mit zahlreichen (inter)nationalen Festivals und Orchestern zusammen, u.a. Klangforum Wien, Ensemble Modern, Wiener Konzerthaus, steirischer herbst, ORF, Wiener Festwochen, musica strassbourg, wittener tage für neue kammermusik. Er hat zahlreiche Preise erhalten, etwa das Staatsstipendium für Komposition 2005/07 und den Ernst Krenek Preis 2012. Jüngstes Werk ist die eben erschienene Vinyl „Take Death“!

Credits
  • Interview: Daniela Ingruber
  • Fotografie: Marion Luttenberger
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