Dumm
wie Brot?
Dumm wie Brot?
Eine negative Buchempfehlung

Wir stehen in einer Buchhandlung und meine Freundin sagt, ich müsse jetzt sehr stark sein, nimmt mich am Arm, führt mich um eine Ecke und stellt mich vor ein Regal. Dann lässt sie mich mit einem Buchtitel alleine, den ich erst nicht erkennen kann, höchstwahrscheinlich deshalb, weil ich ihn aus tiefstem Herzen ablehne. Optische Verdrängung zum Selbstschutz. Ich kann dann doch nicht über den Affront in Augenhöhe hinwegsehen und lese: „Dumm wie Brot“. Eine popularwissenschaftliche Abhandlung wider den Brotgenuss, verfasst von einem Dr. Perlmutt, seines Zeichens Texaner, Low-Carb-Prediger und Ernährungswissenschaftler.

Meine Freundin hatte recht, das geht mir an die Nieren, das ist ein Schlag in den Magen und lässt mich nicht unberührt. Ein kurzer Blick auf den Klappentext genügt und mir ist klar, hier agitiert jemand gegen mein Leib- und Magenthema, sagt, dass ich durch den Genuss von Brot nicht nur meine Lebenszeit verkürzen würde, sondern dass ich schnellstens zum Opfer von Demenz, Parkinson und Alzheimer würde, wenn ich nicht sogar schon eines wäre. Selbst wenn ich es nicht merkte, litte ich längst unter den Folgen des Teigwarengenusses, schleichend raube mir der Weizen den Verstand. Solche Thesen sind kein leichtes Brot für mich.

Denn ich liebe Brot, in allen möglichen Formen, von hart bis flauschig weich, von knusprig bis zäh, malzig wie buttrig süß. Ich werde bei dem Thema geradezu religiös und schätze am „Vater Unser“ die Passage „unser tägliches Brot gib uns heute“ besonders. Schon seit Kindheitstagen bin ich Brotverehrer und -genießer. Einen meiner ersten Milchzähne verlor ich an eine altbackene Semmel, ich mampfe gerne Mohnstriezerln, labe mich an Laugenbrezeln, knabbere am Kornspitz, beiße Bricke und bin für jedes echte Schweizer Buchmann Bürli dankbar. Ich esse sogar Brot zu Palatschinken. Wer sich mich zum Freund machen will, überlässt mir den Brotanschnitt, zu dem die Hamburger „Knust“ sagen, und der in Wien „Scherzel“ und von Ahnungslosen „Böse Schwiegermutter“ genannt wird.

Für gutes Brot gehe ich über Landesgrenzen hinweg, lobe gern und ausgiebig die Brotkultur anderer Länder, vornehmlich die Deutschlands. Das sei untypisch, hat mir ein Freund eines Freundes erklärt. Denn wo immer auch die Menschen aus seinem internationalen Bekanntenkreis herkämen, sie würden nicht so weit gehen, die Brotkultur eines anderen Landes über die des eigenen zu stellen.

Ohne gleich als vaterlandsloser Geselle gelten zu wollen, deutsches Brot hat mir neue Brotdimensionen eröffnet. Ich habe in Deutschland Brotsorten kennengelernt, von denen ich selbst im gastronomischen Teil meiner Ausbildung zum Tourismuskaufmann nicht ein Sterbenswort gehört habe, deren Existenz ich nicht einmal erahnte. Alleine im direkten Umfeld meiner Wohnung gibt es fünf verschiedene Bäckereien zusätzlich zu vier Supermärkten, die ebenfalls ein großes Sortiment anbieten.

So sehr ich die österreichische Brotkultur verehre, die deutsche ist mir sehr lieb geworden. Vielleicht auch, weil sie fast alle anderen Brotkulturen freudig aufnimmt und in deutschen Regalen Brot aus aller Herren Länder zu finden ist. Schwarz gebackene malzige Krusten umhüllen saftig schweren Teig, daneben Schwarzbrot, Graubrot, Weißbrot, Vollkorn, Proteinbrot … – eine Vielfalt, die kaum abzubilden ist.

Einzig ein Brot, das mir ein Freund aus Kalifornien einmal als amerikanisches „Wonderbread“ beschrieben hat, jagt mir kalte Schauer über den Rücken. Bei dieser degenerierten Farce einer Backware falle ich vom Glauben an das Gute im Brot ab. Krustenlos, aus einem Teig, der einzig zum Zweck der flauschigen Luftumhüllung geschaffen wurde, fluppt es selbst nach heftigem Zusammenpressen in seine ursprüngliche Form zurück. Ohne Beißvergnügen ist es mir ein geschmackloser Graus.

Wahrscheinlich meint der Autor von „Dumm wie Brot“ genau diese pervertierte Form dessen, was der Amerikaner Brot nennt. Das nehme ich ihm nicht übel. Er ist Texaner. Texas gilt selbst unter Weitgereisten nicht als Brotmekka. In Texas huldigt man eher dem Rind in all seinen Facetten, manchmal wählt man auch eines zum Gouverneur, später sogar zum Präsidenten. Unter Umständen hat der texanische Ernährungswissenschaftler unter dem Genuss des „Wonderbreads“ gelitten und hat die von ihm beschriebenen Folgen an sich selbst oder aber an dem oben angeführten Präsidenten beobachtet.

In den Rezensionen seines Buches werden die texanischen Thesen zur Gefährlichkeit des Brots von den Befürwortern als neueste und somit beste aller Antworten auf alle Ernährungsfragen gefeiert. Die etwas abgeklärteren Rezensenten hinterfragen ihn. Denn als Alternative zu Brot empfiehlt der Texaner möglichst roh genossenes Rindfleisch. Ein etwas zweifelhafter, wenn nicht sogar ausgesprochen dummer Rat, gilt doch der häufige Genuss von rohem Rindfleisch wissenschaftlich belegt als Darmkrebs fördernd. Da bleibe ich doch lieber beim Brot.

Credits
  • Autor: Marcus G. Kiniger
  • Fotografie: Ramona Waldner
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