Einmal Osttirol
und nicht wieder zurück
Einmal Osttirol und nicht wieder zurück
Oder: Von Flügeln und Wurzeln

Nein, wir sind keine Insel der Seligen. Leider. Die Weite des Meeres würde uns oft sicher gut tun. Und die Nähe zu Jesolo hilft da nicht wirklich. Wir sind natürlich auch nicht pauschal selig. Wir sind die, die etwas abseits vom Schuss in einer wunderschönen Gegend wohnen und darüber entweder jammern oder glücklich sind.

Wie geht es aber jenen Menschen, die in Osttirol leben, nicht aber hier geboren wurden? Sahen sie in Osttirol diese Insel der Seligen, bevor sie hierher kamen? Sind sie hier selig geworden? Was können wir von ihnen über unsere Heimat und uns selbst lernen? Und was dürfen wir von ihnen erfahren, wenn wir ihnen zuhören?

An einem Gartentisch im Mocafé, zum Beispiel. Neben einem blühenden Fliederbusch, der nach Frühling riecht und Sommer ausschaut. An einem warmen Nachmittag, der erste Urlaubsgefühle aufkommen lässt. Von einem Menschen, der mit seinem bunten Strahlen und seinem ansteckenden Lachen perfekt in dieses Bild passt. Die erste Geschichte, die Maxwell Bediako an diesem Nachmittag erzählt, tut das allerdings nicht. Es ist jene eines 25-Jährigen, der Ghana verließ, weil er dort als Journalist und Radioreporter nicht über alle für ihn selbstverständlichen Menschenrechte frei berichten durfte. Der Angst hatte, dafür verfolgt, verhaftet, geschlagen, vielleicht sogar getötet zu werden. Und der deshalb beschloss, sein Land zu verlassen, um seine Zukunftsträume dort zu verwirklichen, wo das möglich schien. Sein Ziel war nicht Osttirol, sondern Europa oder Amerika. Dass er schließlich, nach seiner Odyssee auf einem Frachtschiff, einem Rettungsboot, einem Auffanglager und zwei Asylheimen hier landete, war Zufall. Ein glücklicher?

Anfangs wohl eher nicht. Die meisten Menschen, die ihn im ersten Jahr in Lienz auf der Straße ansprachen, wollten entweder Drogen oder Streit. Sein Antrag auf Asyl und damit seine Chance auf Arbeit lag irgendwo in den Aktenbergen der Bürokratie begraben. Dort liegt er fünf Jahre später übrigens immer noch. Und mit ihm Maxwells Hoffnungen auf eine bezahlte Arbeit im Sozialbereich. Oder in der Musikbranche. Inzwischen kann er nur gratis als Fahrer für den Sozialladen arbeiten und Musik machen, wann immer es möglich ist. Ein YouTube-Video hat er zusammen mit Mike Wilhelmer schon produziert. Und in „Maxwell wake up“ trägt er sogar Lederhosen und ein kariertes Hemd. Ist das ein Zeichen, dass er hier angekommen ist?

Maxwell Bediako verließ seine Heimat Ghana als Flüchtling und landete über Umwege in Osttirol. Seine große Leidenschaft ist die Musik. In Osttirols Schulen hat er schon viele Tanz- und Musikworkshops gehalten.

Maxwell lacht. „Tiroler bin ich keiner, das sieht man, oder? Aber ich bin angekommen. Zum ersten Mal fühlte ich das, als mich Menschen hier auf der Straße als Freund grüßten.“ Als Maxwell beginnt, von seinen Freunden zu erzählen, verändert sich sein Gesichtsausdruck, seine Stimme, seine Haltung. Jetzt ist sie wieder da, die Leichtigkeit und die Unbeschwertheit, mit der er sich an diesen Gartentisch gesetzt hat. Man spürt förmlich, wie wichtig ihm Menschen sind, von denen er sich angenommen und respektiert fühlt. Seine Erzählungen von ihnen reihen sich aneinander wie die Perlen der Kette, die er trägt. Sie stammt aus Ghana. Und sie erinnert ihn an seine Großmutter. „Ich habe wahrscheinlich von meiner Großmutter im ganzen Leben nicht mehr als umgerechnet zehn Euro bekommen, aber sie hat mir unzählig viele glückliche Momente geschenkt. Sie hat mich gelehrt, Glücksmomente im Leben zu sammeln. Für mich und andere Menschen. Diese Momente geben mir das Gefühl, zu leben und Spuren zu hinterlassen.“

„Mein glücklichster Moment war die Geburt meiner kleinen Tochter. Sie ist jetzt fast zwei Jahre alt und lebt bei ihrer Mutter und Großmutter in Mittersill. Das habe ich mir eigentlich immer anders gewünscht.“ Maxwell wuchs mit seinen zwei Brüdern ohne Vater bei seiner Mutter auf und verbrachte dann seine restliche Kindheit bei seinen Großeltern und seiner Tante, weil seine Mutter diese drei Kinder nicht mit in ihre Ehe nehmen konnte. Sein Handy ist heute seine wichtigste Verbindung zu seiner Familie in Ghana und seinem Bruder in Amerika. Auf dem Handy sind auch alle Bilder seiner Tochter abgespeichert. Er zeigt sie mit dem allergrößten Stolz. Zu Recht. Die Kleine sieht entzückend aus und kann genauso strahlend lachen wie ihr Vater.

Wenn man eine Identität hat, um sich selbst zu finden und das Leben zu leben, von dem man träumt, ist es egal, wo man lebt.
Maxwell Bediako

„Ich bin froh, dass sie hier in die Schule gehen wird. Eine bessere Ausbildung als hier in Österreich könnte sie nirgendwo bekommen. Eure Volksschulen haben oft schon eine Infrastruktur, von der in Ghana nicht einmal die guten Universitäten träumen können. Aber ihr habt das alles ja auch selbst aufgebaut. Das hat nicht Gott für euch gemacht.“ Er lacht. „In Ghana müssen wir das erst tun. The pen is more important than the gun. Education is the basis for everything. Das möchte ich den Kindern in Ghana sagen. Ihr könnt wirklich stolz auf eure Schulen sein.“ Maxwell kennt die Schulen in Osttirol gut, denn er hat schon in vielen Musik- und Tanz-Workshops abgehalten oder von seiner Heimat erzählt. Und wo ist sie nun, diese Heimat? „Heimat ist da, wo man glücklich ist. Es ist wichtig, eine Identität zu haben, um sich selbst zu finden und das Leben zu leben, von dem man träumt. Dann ist es egal, wo man lebt.“

Mit sechs Kindern, einem Hund und zwei Schildkröten im Gepäck zogen Inga und Thomas Britz nach Iselsberg. Später schlossen sich auch Ingas Eltern an.

In Osttirol zu leben war dagegen immer schon der Traum von Inga und Thomas Britz. „Ich kam mit meinen Eltern 1972 nach Obertilliach. Mein Mann und ich lernten uns ebenfalls dort kennen. In Deutschland lebten wir zuerst noch 500 Kilometer voneinander entfernt. Osttirol war unsere emotionale Schnittstelle. Wir verbrachten all unsere Winter-, manchmal auch unsere Sommerurlaube hier.“ Mit 22 Jahren fuhr Inga die 675 Kilometer von Blieskastel nach Obertilliach in zwei Tagen auf ihrer Vespa, Thomas in ihrem Windschatten auf dem Rad. Mit 46 Jahren fuhren sie die Strecke in einem alten Landrover. Im Gepäck hatten sie ihre sechs Kinder, einen Hund und zwei Schildkröten. Ihr gesamtes Hab und Gut kam nach und nach in dieses damals noch völlig renovierungsbedürftige, riesige Haus am Iselsberg, das früher einmal ein Erholungsheim für Kinder und Jugendliche war. Inga und Thomas scheinen diese große Entscheidung nicht zu bereuen. Trotz der immensen Arbeit, die dieser Schritt mit sich brachte, trotz der riesigen Umstellung für sich und die Kinder, trotz der abenteuerlichen Logistik, derer es immer noch bedarf, um ihr Leben unter einen Hut zu bringen.

„Wir lieben das Leben in Osttirol. Es entspricht einfach unseren Vorstellungen vom Zusammenleben als Großfamilie.“ Und die Familie wurde noch größer. Hannah, die älteste Tochter, zog zwar wieder nach Deutschland und lebt dort jetzt mit ihrem Mann und den zwei Kindern in ihrem ehemaligen Elternhaus. Dafür zogen ihre Großeltern ebenso in das Haus am Iselsberg. „Wir sind nun schon zum zweiten Mal umgezogen, weil wir in der Nähe unserer einzigen Tochter und ihrer Familie sein möchten. Das erste Mal im Jahre 1999, wo wir von Niedersachsen ins Saarland gezogen sind und dort ein Haus gebaut haben, und im Alter von 74 und 76 Jahren nun hierher.“ Und einfach war das keinesfalls. „Erstens, weil wir beide Male von einem Ort wegziehen mussten, in dem wir uns verwurzelt fühlten, und zweitens, weil wir ganz gerne allein und selbständig gewohnt haben und es schon eine Herausforderung und ein Abenteuer ist, dann wieder in einem Haus zu leben, in dem immer etwas los ist.“

Im Haus der Familie Britz herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.

Und es scheint tatsächlich ein ständiges Kommen und Gehen in diesem Haus zu sein. Ingas Terminkalender ist voll. Wann kommt Hannah mit den Kleinen auf Besuch? Wann starten Jakob und Jasper am Wochenende zu den Radrennen? Begleitet Thomas sie oder muss der selbst nach Mallorca oder Deutschland, wo die zwei Radgeschäfte sind, die er in den letzten Jahren aufgebaut hat? Welche Termine haben die drei anderen Töchter, Matilda in der Volksschule, Selma im Gymnasium oder Helene, die gerade die Abendmatura am BFI macht? Wann kommen die Gäste der Ferienwohnung an? Wann kann der Zubau für das Frühstück für die Iselsberger Musikkapelle hergerichtet werden, die dort am 1. Mai um 7.00 Uhr früh ihr Maianblasen beginnt und von Inga schon bewirtet wurde, bevor Selma als Klarinettenspielerin und Helene als Marketenderin aktiv dabei waren. Wann ist Chorprobe? Wer fährt die Kinder in die Musikschule?

Und doch ist es nicht hektisch in diesem Haus. Der große Tisch im Wohnzimmer ist für zwölf Menschen gedeckt. Es duftet nach frischem Kaffee und selbstgebackenem Apfelkuchen. Opa bringt noch Schlagsahne aus seiner Wohnung im zweiten Stock. Selma fragt ihn in bereits einwandfreiem Osttiroler Dialekt, ob er noch etwas von dem Kuchen haben möchte. Er schmunzelt: „Na, des pockat i hetz nimma.“ Es ist der einzige Satz, den er auf Osttirolerisch sagen kann. Aus seinem Munde klingt er wirklich charmant, aber passt wahrscheinlich nicht für all die Gelegenheiten, in denen er ihn ausprobiert. Auch für Inga, die in Deutschland eine logopädische Praxis hatte und deshalb schon beruflich viel mit Sprache zu tun hatte, steckt jene in Osttirol nach all den Jahren immer noch voller Rätsel und Überraschungen. Denn der Wortschatz der Osttiroler, so wortkarg sie sich manchmal auch geben, ist groß. Und letztendlich war es wohl auch ein sprachliches Missverständnis – oder sagen wir eine leichte Verständigungsunsicherheit, wegen der sie nun am 1. Mai für 50 Menschen ein Frühstück mit selbstgebackenen Brötchen und frischen Quarkaufstrichen – wie sie es nennt – vorbereitet. Aber Inga nimmt’s wie immer mit Humor. „Und es sind ja schließlich alles nette Menschen. Da mache ich das doch gerne.“

Ganze drei Generationen haben es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht.

Es wird Zeit für die Jungs, ihre Sporttaschen zu holen. Dieses Wochenende fährt Thomas, der eigentlich Architekt ist, mit ihnen zu einem Rennen an den Gardasee. Alle sechs Kinder sind begeisterte Mountainbiker. Jakob hat sich bereits für die UCI Mountainbike Marathon Weltmeisterschaft am 24. und 25. Juni im deutschen Singen qualifiziert, sein jüngerer Bruder Jasper wird in den nächsten Wochen noch alles daransetzen, dort auch dabei zu sein. Diese Sportbegeisterung ist ebenfalls einer der Gründe, wieso sie alle Osttirol so lieben. Und ihre anderen Motive schließen sich dem an: „Ruhe, gute Luft, ein angenehmes Klima, viel Natur, die bis jetzt weder vom Tourismus noch von luftschädlichen Industrien und nicht einmal einer Autobahn in Mitleidenschaft gezogen wurde – und das Wichtigste: liebenswerte Menschen.“

Je länger man der Familie Britz zuhört, desto mehr Lust bekommt man, in Osttirol zu leben. Ach ja, fast vergaß ich es. Wir tun es ja schon.

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3 Postings bisher
Lienz4ever vor 2 Monaten

​Maxwell ist eine absolute Bereicherung für Lienz - und inzwischen auch ein echter Lienzer! Ich freu mich schon ihn wieder auf der Straße, im Supermarkt oder in irgendeinem Lokal hinter den Bongos zu sehen - und mit ihm zu quatschen!

re89 vor 2 Monaten

Des isch amol richtig a netter Bericht do geht oan richtig is 💗auf ☺

chiller336 vor 2 Monaten

also ich finde, der maxwell hat sich hervorragend angepasst und ist mir mittlerweile ein guter freund geworden - immer lustig, immer freundlich, mit seinen peace brillen kennt man ihn - stets ein nettes wort auf den lippen. mittlerweile für mich ein richtiges original, das uns immer wieder mit seinen musikalischen einlagen mit z. t. einfachsten mitteln staunen lässt - go on my friend and make the world yours 👌🙏👍🙂🙃🙂