Im Gailtal braut sich
was zusammen
Im Gailtal braut sich was zusammen
Vor 13 Jahren begannen Alois Planner und Klaus Feistritzer in Kötschach-Mauthen ihr eigenes Bier zu brauen. In einem Suppentopf. Heute zählen sie zur Elite der Craftbeer-Szene und gewinnen weltweit Preise mit kreativen Interpretationen eines Getränkeklassikers, in dem manchmal mehr steckt als Hopfen und Malz.

„Ich sag’ immer, eine Hand ist eh im Hosensack.“ Vor mir sitzt Klaus Feistritzer und lacht. Er verlor als Dreijähriger den rechten Unterarm bei einem Unfall. Aufgehalten hat ihn das auf dem Weg zur kreativen und unternehmerischen Selbstverwirklichung nicht. „Du brauchst halt mehr Nerven und mehr Geduld“, erklärt er. Gute Nerven hatte er schon immer, die Geduld musste erst reifen. Feistritzer hat eine fast schon klassische Karriere hinter sich. Erst war er Schulabbrecher, Weltenbummler und wilder Hund, hat in Ibiza Yachten poliert, in Ischgl als Snowboardlehrer gejobbt und in Australien Salatgurken und Mangos geerntet. Dann kam das Aha-Erlebnis – nicht ganz zufällig im Gasthaus und bei dem einen oder anderen Bier. Feistritzer saß mit einem Kumpel zusammen, der damals ebenfalls viel in der Welt herumkam, Alois Planner, Gastronom und Hotelier. Ab und zu trafen sich die beiden bei einem Zwischenstopp in ihrem Heimatort Kötschach-Mauthen „auf ein Bier“. Und das war es auch schon. Bier.

Alois Planer und Klaus Feistritzer mit ihrem ganzen Stolz, der nagelneuen Anlage im uralten Stadl.

Im Jahr 2003 wurde dieses Getränk quasi über Nacht zum Dreh- und Angelpunkt im Leben der beiden Freunde. Sie begannen aus einer Laune heraus, Bier zu brauen, in der Küche der Eltern „mit einem Suppenkessel und Windeln zum Abseihen“, lacht Klaus Feistritzer. Er hat 13 Jahre später nichts von der Spontaneität und Begeisterung der frühen Jahre verloren. Man merkt, die beiden Oberkärntner Brauer brennen immer noch lichterloh für ihre Passion: verdammt gute, außergewöhnliche Biere zu brauen, die von Bierpapst Conrad Seidl abwärts alle Kenner regelmäßig in Verzückung geraten lassen und bei internationalen Brau-Wettbewerben meist unter den Favoriten zu finden sind. Wir reden von „Loncium“, dem außergewöhnlichen Bier aus Mauthen, benannt nach dem alten römischen Namen des Ortsteils.

In Mauthen gibt es eine Menge Gasthäuser und den Freunden fiel nicht nur an jenem denkwürdigen Gründungsabend auf, dass in diesen Schenken zwar reichlich der Gerstensaft fließt, aber ausschließlich Einheitsgebräu die durstigen Kehlen hinunter rinnt. Was heute banal klingt, war damals, im Jahr 2003, fast visionär. Die Weltenbummler Feistritzer und Planner entdeckten die Nische der Spezialbiere für sich.

Alois prüft eine Malzlieferung. In den Zutaten, ganz speziellen Malz- und Hopfensorten, liegt das Geheimnis des Geschmacks.
Klaus prüft mit feiner Nase die Aromen einer neuen Biersorte.

„Wir waren in der Welt unterwegs und wussten, dass es ein Stout und ein Pale Ale gibt.“ Spezial- und Extrembiere, das war es, die ganze Welt als Markt, nicht nur die Umgebung! „In Mauthen brauchen sie ihr Standard-Märzen. Ich nenne sie ganz liebevoll die 08/15-Baustellensäufer. Das ist nicht unser Publikum. Wir wollten immer schon ausgefallene Biere brauen, freestylen, nicht in den kommerziellen Einheitsbrei hineinrutschen. Es ist sinnlos, sich mit der Brauunion anzulegen.“ Freestylen. Das Wort kommt öfter vor in unserem Gespräch. Ich beginne zu begreifen, was die Alleinstellung von Loncium ausmacht.

Auf die ersten Experimente im Suppentopf folgte in den Anfängen der Spezialbrauerei sehr schnell eine konsequente Professionalisierung. Feistritzer holte die Matura nach und machte gleich zwei Lehrabschlüsse: den zum Mechatroniker und den zum Betriebselektriker. Planner absolvierte die FH in Krems, wurde Marketingspezialist, machte die Buchhalterprüfung und den Braumeister. Noch während ihrer Lehrjahre bauten die beiden in den Nächten und an Wochenenden eine vollwertige Brauerei in einem alten Stadl auf. Automatisierung, Steuerung, alles wurde im Eigenbau zusammengeschraubt.

Erst vor Kurzem wurde diese erste 500-Liter-Anlage ausgemustert und durch eine neue 2000-Liter-Anlage mit 20-Hektoliter Sudhaus ersetzt. Jetzt ist Loncium-Bier sozusagen erwachsen geworden und mit ihm seine Erfinder, mittlerweile beide Familienväter und auch Arbeitgeber: „Wir haben einen Lehrling, auch ein Spätberufener mit 26 Jahren, und Brigitte, unsere Sekretärin. Sie war in Australien und hat ihren Mann mitgebracht. Er arbeitet auch für uns. Wir haben also fünf Arbeitsplätze in Kötschach-Mauthen geschaffen“, erklärt Klaus und man merkt, dass er stolz darauf ist.

Viel weiter wachsen wollen die Brauer aber nicht mehr. Sie sind eine Craftbier-Brauerei, und „Craft Beer“ ist handgebrautes Bier, das vor allem von der Kreativität seiner Erzeuger lebt. Acht fixe Sorten führt die Manufaktur Loncium permanent im Sortiment, laufend werden neue Spezialbiere entwickelt, manchmal saisonal, manchmal zu speziellen Anlässen. Vor acht Jahren brauten Feistritzer und Planner ihr erstes „Session IPA“ und nannten es „Carinthipa“ als Hommage an die Heimat. IPA steht für „India Pale Ale“, ein obergäriges Spezialbier, bei dem der Hopfen den Geschmack prägt. „Es ist wie kochen“, erklärt Feistritzer.

Auch die hochwertigen Designerbiere bestehen meist nur aus Hopfen, Gerste oder Weizen, Malz und Wasser. Entscheidend ist, was man aus diesen wenigen Zutaten macht. „Es gibt in Amerika, Neuseeland und Australien geile Aromahopfen, die Deutschen haben tolle Malzsorten und je nach Kategorie werden diese Zutaten betont und variiert,“ erklärt der Bierdesigner. Zuerst sucht man einen Bierstil, dann beginnt die kreative Komposition der Zutaten. Die Kategorien – Pils, Märzen, Weizen, Bock – müssen nämlich sauber eingehalten werden, weil bei internationalen Wettbewerben nach diesen Kategorien bewertet wird und gute Wettbewerbsergebnisse die beste Werbung sind.

Es gibt doch nichts Schöneres, als mit der Region, von der Region und für die Region etwas zu machen.
Klaus Feistritzer

Manchmal kümmert das Reinheitsgebot Hildegard von Bingens die beiden Gailtaler wenig. Dann mixen sie in ihr Bier zum Beispiel auch Orangenschalen und Zimt, wie in das „Sweet Krampus“, ein Stout-Beer, von dem 10 000 Liter – ein Schiffscontainer voll – für einen kanadischen Abnehmer gebraut werden. Es wird in einem Craft-Beer-Kalender in ganz Kanada zur Nikolauszeit beworben „und ist etwas ganz Spezielles“. Speziell ist auch ein Stout, das in Barriquefässern gelagert wird und dadurch eine besondere Note bekommt. Es hat 8,5 Prozent Alkoholgehalt, eine Haltbarkeit von fünf Jahren und wird als „Vintage Barrique“ in 0,33 Liter Champagnerflaschen verkauft – um zehn Euro pro Fläschchen.

Loncium hat 800 Kunden in Österreich, liefert an Abnehmer in aller Welt und ist doch ein sehr regionales Unternehmen geblieben, mit zwei Entrepreneuren, die sich nicht schonen. Feistritzer und Planner arbeiten zwischen zehn und zwölf Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche und wirken unermüdlich. Alois Planner betreibt gleich neben der Brauerei ein Brau-Hotel, Feistritzers Familie hat einen Brau-Gasthof. So schließt sich der Kreis. In Kärnten und Osttirol liefern die Unternehmer ihr Bier auch persönlich aus. „Wenn ich selbst ausliefere, bin ich beim Kunden vor Ort. Ich bringe zwei Kisteln und zwei Fassln hin und habe mehr Spanne als beim Großhändler,“ rechnet Feistritzer vor. Auch der internationale Vertrieb läuft direkt von Kötschach-Mauthen in die Welt.

Acht fixe Sorten führt die Craftbeer-Brauerei Loncium im Sortiment, daneben werden saisonal laufend neue Biere entwickelt und in alle Welt geliefert. Loncium, der Markenname, leitet sich von einer alten Bezeichnung für Mauthen ab.

Ob die beiden am Ziel sind, will ich wissen, und ob sie noch Träume haben? Die Antwort klingt so bescheiden wie weise: „Wir beide wollen gut unsere Familien ernähren. Wir wollen den Leuten zeigen und erklären, dass man auch aus wenig etwas machen kann, wenn man das nutzt, was da ist. Es gibt doch nichts Schöneres, als mit der Region, von der Region und für die Region etwas zu machen.“

MEHR
Alles über das Gailtaler Bier:

www.loncium.at

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Ramona Waldner
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