Mottinga
Lorven
Mottinga Lorven
Erwin Holzer ist Schnitzer und seit 40 Jahren begeisterter Sammler von Matreier Klaubauf-Lorvn. Nun bringt er ein Buch heraus – im Bildband "Mottinga Lorvn" kann man die eindrucksvolle Sammlung auf Papier bewundern.

Unterhält man sich mit Erwin Holzer über die Klaubauf-Tradition, wird schnell klar: Dieser Mann weiß, wovon er redet. Der Matreier ist nicht nur fast sein ganzes Leben lang selbst als Klaubauf unterwegs und schnitzt seine eigenen Larven, die wir ab hier – ganz wie im Iseltaler Dialekt – als „Lorvn“ bezeichnen wollen, er ist außerdem ein leidenschaftlicher Sammler. Um die 90 Stück hat er über vier Jahrzehnte angehäuft. Einige davon stammen von ihm selbst, viele andere von weiteren Matreier Schnitzern. Manche stammen von Onkels und Cousins und einige der ältesten hat Erwins Großvater, Willy Trost, der Kuroten-Willy*, bekannt als DER Matreier Klaubaufschnitzer, geschnitzt. Viele von ihnen haben heute unter Sammlern einen hohen Stellenwert.

Willy und Erika Trost, Erwins Großeltern, lebten für und von dem Brauch: Während Willy die Lorvn schnitzte und verkaufte, unterstützte Erika den „Niggla“ (Nikolaus) und die Lottaleit – sie nähte Gewänder, backte Kekse und schrieb Sprüche für den Nikolaus. Nachdem Anfang des Jahres seine Großmutter verstarb, entschloss sich Erwin, „endlich etwas aus seiner Sammlung zu machen.“ Gut ein Jahr lang trug er Geschichten und Anekdoten zusammen, sammelte Malereien und Fotos, vermaß seine Lorvn, die Miriam Raneburger fotografierte, und zum Schluss kam ein ganzes Buch heraus.

Die Verbundenheit der Familie Trost mit dem Klaubaufbrauchtum zeigt sich in Erwins Bildband „Mottinga Lorvn“ wohl am besten anhand der „Kurotengeschichte“. Willy Trosts Leidenschaft übertrug sich auf die nächsten Generationen. Auch Erwins Tochter Chiara engagiert sich – sie begleitete die wilde Truppe um Kleibeife und Nikolaus schon oft als „Engele“, während Sohn Marcel, der inzwischen in der Steiermark lebt, jedes Jahr in der ersten Dezemberwoche in Matrei unter Pelz und Lorve anzutreffen ist. In dieser Familie wird das Klaubaufgehen und alles, was damit zu tun hat, also seit Generationen groß geschrieben.

Zu den Schätzen, die Erwin im Laufe der Jahre angesammelt hat, zählt auch der originale „Tischzoich“-Tisch, um den schon vor vielen Jahrzenten in der Kuroten-Kuchl gekämpft wurde.

Erwins Bildband dokumentiert die wohl bislang umfangreichste private Sammlung von „Mottinga Lorvn“. Und blättert man ein bisschen darin, fällt eines sofort auf: Diese geschnitzten Gesichter haben wenig gemein mit den Orkfratzen, die man heute so oft an den pelzigen Gestalten sieht und die Züge, die sie tragen, ähneln auch keinen Totenköpfen. Diese Lorvn sind bunt, archaisch und auf eine gewisse Art gar nicht einmal so furchteinflößend. Kein Gesicht sieht aus wie das nächste, alle sind unterschiedlich, eine Eigenschaft, auf die der Matreier Schnitzer und passionierte Sammler viel Wert legt. Der Stil von Erwins handgeschnitzten Masken findet seine Wurzeln unverkennbar in den „Kuroten-Lorvn“, die sein Großvater einst schnitzte und doch sind die Lorvn des 54-Jährigen anders – die Oberflächen glatter und die Gesichtszüge feiner. Einer seiner Onkel animierte Erwin Ende der achtziger Jahre zum Selberschnitzen. „Er meinte, ich solle es doch einmal versuchen“, erzählt er, „das tat ich dann auch und fand schnell Gefallen an diesem Hobby. Nach einigen, im Nachhinein betrachtet, recht naiven und einfachen Versuchen wurde ich ehrgeiziger, geschickter und kreativer.“

Gibt es in Erwins Sammlung auch so etwas wie eine Lieblingslorve? „Nein“, lacht er. „Hätte ich nur eine einzige Lieblingslorve, bräuchte ich ja nicht mehr zu sammeln.“ Das eine oder andere ganz besondere Stück findet sich aber doch darunter. Die älteste aus der Sammlung zum Beispiel, die „so alt ist, dass wir gar nicht sagen können, wie alt genau. Wegen der primitiven Machart wird der Entstehungszeitpunkt ungefähr auf 1925 geschätzt.“ Dann sind da die „Kuroten-Hauslorvn“. Davon gibt es drei, von denen es zwei in Erwins Besitz geschafft haben.

„Diese Stücke waren Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger durch ihren unverwechselbaren Ausdruck bei nahezu allen Matreier Klaubauf-Interessierten bekannt. Sie galten als unverkäuflich und blieben im Familienbesitz.“ Die Hauslorvn waren früher unter den „Jungen“ besonders begehrt. „Es erfüllte einen mit Stolz, wenn man mit einer von ihnen gehen durfte. Und werden sie heute getragen, kommen meist bei den älteren Nachgehern vertraute Erinnerungen hoch.“ Nun habe sich auch in Matrei der Schnitzstil geändert, doch der „Matreier Klaubauf“ unterscheide sich von anderen Klaubaufen, Perchten und Krampussen.

Maske aus ersticktem Birkenholz, Erwin Holzer, 2013.
„Wurm“, Willy Trost, 1970. Der Wurm ist eine der wertvollen „Kuroten-Hauslorvn“, die einen Namen tragen. Vom Wurm gab es einige Nachbildungen, doch keine davon wurde so gut wie das Original.

Da schneidet Erwin ein interessantes Thema an. Was macht eigentlich einen richtigen Klaubauf aus? Die Maskierung allein ist es jedenfalls nicht. „Angst hat man zuallererst einmal vorm Lärm“, meint Erwin. Klar, der Nervenkitzel der Klaubauftage beginnt ja nicht erst, wenn die pelztragenden Ungetüme vor einem stehen. Das „Tschaldern“ der Glocken allein reicht schon aus, um manchem Nachgeher kalte Schauer über den Rücken laufen zu lassen. Erwischt ein Klaubauf dann einen Nachgeher, muss er genau abschätzen, wen er wie angreifen kann. „Dafür braucht es Gefühl“, erklärt Erwin.

Solche Überlegungen mag nun vielleicht nicht ein jeder anstellen, doch nicht viele leben diesen Brauch so wie Erwin, der bereits im Alter von drei Jahren bei seinem Großvater in der Werkstatt anzutreffen war, ihm beim Schnitzen zuschaute und später, als er schon ein bisschen älter war, auch beim Schleifen und Putzen der Lorvn half. Kamen dann die Klaubauftage in der ersten Dezemberwoche, ging es beim Kuroten richtig zur Sache. Der Höhepunkt war das sogenannte „Tischzoichn“. Und nicht etwa auf einem abgesperrten Platz unter freiem Himmel, sondern in der Kuroten-Küche wurde um den Tisch gerungen. „Da war die Kuroten-Kuchl voller Klaubaufe und Nachgeher, die versuchten, den Tisch in der Kuchl zu halten“, erzählt Erwin. „Natürlich haben wir Kinder uns auch gefürchtet.“ Lebhaft erinnert er sich daran, wie er einmal aus einem kleineren Nebenraum dem Spektakel zugeschaut und „Todesängste“ ausgestanden hat. Es kam auch vor, dass das eine oder andere Möbelstück beschädigt wurde oder der Tisch gar verschwand. „Einmal, nachdem der Tisch auch am nächsten Morgen noch nicht in der Kuchl war, schickte Opa uns Kinder ins Marktle, um den Tisch zu suchen – zum Mittagessen sollte er ja wieder im Haus sein. Wir fanden ihn etwas später, rund 200 Meter vom Haus entfernt, in einem benachbarten Garten.“

„Solange es uns noch Freude bereitet, sind wir ‚Alten‘ beim Brauchtum dabei“, meint Erwin.

Das Tischzoichn, wie es früher war, gibt es jetzt schon jahrzehntelang nicht mehr. Aufrecht erhalten blieben aber die traditionellen Hausbesuche vom Nikolaus und seinem Gefolge. Dieses von Haus zu Haus Gehen ist für Erwin bis heute ein besonders essenzieller Teil der Klaubauftage. Eines ist ihm jedenfalls klar: „Brauchtum verändert sich.“ So hat er auch einen abgeklärten Blick auf die neueren Lorvn-Stile, die mehr an Gestalten aus Fantasy- oder Horrorfilmen erinnern.

„Diese Zeiterscheinungen gab es schon immer. Früher wurden die Schnitzer ja auch von Filmen inspiriert.“ Und tatsächlich, in der Zeit von Filmen wie King Kong oder Der Glöckner von Notre Dame wurden gar nicht wenige Gorilla-Masken angefertigt – oder Glöckner. Wieder betont Erwin, wie wichtig Diversität ist. „Matrei ist bekannt für die verschiedenen Schnitzer und die Vielfalt der Masken gibt diesem Brauch seine Einzigartigkeit. Würden alle das Gleiche schnitzen, wär’s ja uninteressant.“

Dennoch ist ihm wichtig, dass die Ursprünge der Tradition nicht vergessen werden. Womit wir wieder bei Erwins Buch wären. „Ein Beweggrund, meine Sammlung mit allen Klaubauf-Utensilien in Form eines Bildbands zu veröffentlichen war, auch den jungen Leuten, die nun das Brauchtum als Klaubauf weitertragen und pflegen, einen Einblick zu geben, wie sich das ‚Klaubaufgian‘ und der Schnitzstil im Laufe der Zeit verändert haben.“

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