Nature
Reloaded
Nature Reloaded
Urlaub als Utopie des anderen Lebens

Wenn Philosophen und Touristiker über „Gegenwelten und Sehnsuchtsräume“ nachdenken, dann ist Osttirol nicht mehr weit.

„Nature Reloaded“ steht auf der Titelseite einer bemerkenswerten Broschüre, die ich allen Politikern, Touristikern, Vordenkern und anderen Gestaltern des Bezirkes wärmstens ans Herz lege. Ihre Reaktionen sind vorhersehbar: „Das wissen wir doch alles längst!“

Mag sein, aber es ist nun einmal die Kunst der erfolgreichen Werber und Marketingexperten, Sehnsüchte in Worte und Bilder zu übersetzen, die jenen Impuls auslösen, der uns Konsumenten zu Käufern oder eben zu Reisenden macht. Das gelingt in diesem Werk hervorragend. Auf der Website der Österreich Werbung wird die Broschüre zum Download angeboten.

Auf das Thema gebracht hat mich übrigens der Direktor des Nationalparks Hohe Tauern Tirol, Hermann Stotter. Von ihm weiß ich, dass die Kreativtruppen der Österreich Werbung bei der Umsetzung der Kernstrategie für die Kommunikation der Jahre 2016 und 2017 schnurstracks nach Osttirol marschierten, um hier im Debanttal bzw. in der Schobergruppe das zu fotografieren und zu filmen, wonach sich der moderne Mensch fast süchtig sehnt.

Dieser von WLAN zu WLAN hastende Sklave der angeblich so sozialen Medien ertrinkt in überbordenden Informationsfluten und verliert sich im immer höher werdenden Tempo einer komplex gewordenen Lebensrealität, der zu entfliehen fast schon unmöglich scheint. Aber eben nur fast.

Im Werbespot zu „Nature Reloaded“ wandert ein schickes Paar ins Gebirge, unablässig mit dem Smartphone fotografierend, bis der junge Mann ausrutscht und sein Handy in den Fluten des Gebirgsbaches versinkt. (Hoffen wir, dass es versichert war und der Content in irgendeiner „Cloud“ gespeichert.)

Nach dem ersten Entsetzen finden die beiden – nun nicht mehr auf Facebook-Dokutrip – plötzlich zu sich selbst und den Qualitäten ihrer Umgebung: Ruhe und Ursprünglichkeit. Sie beginnen zu leben. Hans Gumpitsch, Bauer, Unternehmer und Bewirtschafter der Debanttaler Almen lachte, als ich ihn auf dieses Video ansprach. „Ja, das haben sie bei uns gedreht.“ Man müsse das Handy im Debanttal aber nicht in den Bach werfen. Es gibt dort tatsächlich keinen Empfang! „Und wir werden alles tun, um zu verhindern, dass ein Handymast aufgestellt wird“, erklärt Gumpitsch. Er beobachtet, dass die Menschen auf dem Weg hinein ins Tal noch hektisch versuchen, eine Netzverbindung herzustellen und schließlich erkennen: hier bin ich nicht erreichbar – und damit frei!

Nationalpark Hohe Tauern. „… sollen diese paar Tage mich Leben spüren lassen.“ (Philosoph Konrad Paul Liebmann über Urlaub) Foto: Peter Podpera / Österreich Werbung

Es gibt sie nämlich tatsächlich in Osttirol, die „Sehnsuchtsorte“, die eines gemeinsam haben: Sie sind nur dort zu finden, wo die Natur noch intakt und zumindest weitgehend sich selbst überlassen ist. Petra Stolba, Chefin der Österreich Werbung, beschreibt das in ihrem Editorial zur zitierten Broschüre sehr schön:

„In der Natur gelingt es, jene Fremdbestimmtheit, die unsere ureigenste innere Geschwindigkeit korrumpiert hat, wie in einem Umspannungswerk auf das natürliche Zeitmaß der Landschaft und in weiterer Folge auf unser eigenes Tempo zu transformieren. Die Natur wird zum geistigen Ereignis und setzt die Seele in Bewegung. Es gelingt eine Rückkehr zu sich selbst und zum eigenen Tempo, einhergehend mit der Sinnsuche und dem Sinnerleben im Wiederentdecken der eigenen Geschwindigkeit.“ Hans Gumpitsch lässt grüßen. Aber nicht nur er.

Lesen Sie zum Beispiel auch die Reportage der Journalistin und „Teilzeit-Hirtin“ Kathrin Schwediauer und Sie werden wissen, was gemeint ist. Oder den Reisebericht der aus Villgraten stammenden und in Graz lebenden Designerin Margit Steidl, die gemeinsam mit einer Grazer Pressefotografin den Karnischen Höhenweg ging. Die beiden Frauen haben Gedanken und Bilder von dieser 6-Tage-Wanderung mitgebracht, die nicht trefflicher beschreiben könnten, was die Österreich Werbung zu vermarkten versucht. Mit einem ganz wesentlichen Unterschied: es sind keine Werbeslogans und -bilder, sondern echte Erfahrungen, Eindrücke einer Wirklichkeit, die weit mehr ist, als ein Urlaubsversprechen.

Egal ob Hirtin oder Höhenweg, was diese echten Erlebnisse gemeinsam haben, ist ihre Exklusivität, die sich mit Masse nicht verträgt. Die neue Lust an der Natur hat etwas Sinnliches. Man kann die Stille hören, den Wald riechen, das Quellwasser schmecken und sich dabei vor allem dann privilegiert fühlen, wenn weit und breit keine andere Menschenseele zu sehen ist.

Foto: Ramona Waldner

Und so bleibt ein Dilemma, das zumindest im Konzept auch der Österreich Werbung bewusst ist: „Nachhaltiger, naturnaher Tourismus bietet die Möglichkeit, den peripheren, ländlichen Raum mit wirtschaftlichen Interessen zu versöhnen. Allerdings ist der Grat schmal zwischen Natürlichkeit und Naturinszenierung, zwischen tradierter Originalität und Kitsch, zwischen selbstbewusster Eigenart und Anbiederung, zwischen wirtschaftlichem Erfolg und Raubbau an der Natur.“

Sehr oft steckt auch der Nationalpark Hohe Tauern in diesem Dilemma, ein Park, den die Österreich Werbung nicht nur im Video und in den neuesten Kampagnen zu einer Kernzone für das neue – und alte – Erleben purer Natur erklärt. Immer wieder sehen sich Hermann Stotter und seine Ranger mit dem Vorwurf konfrontiert, zu viel Naturschutz und zu wenig Naturvermarktung zu betreiben. Dabei sind die Mitarbeiter des Parks die Hüter des höchsten Gutes, das heute und noch viel mehr in Zukunft einem modernen Menschen in all seiner technologisch-urbanen Fremdbestimmtheit geboten werden kann: Freiheit.

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann sagt es sehr schön: „Urlaub wird immer mehr zur Utopie des anderen Lebens. So, als ob sich das, wofür es sich lohnt zu leben, im Urlaub zuträgt. Befreit von den ‚Fesseln des Alltags‘ sollen diese paar Tage mich ‚Leben spüren lassen‘ …“

Genau deshalb widmen wir viele Themen in dieser Sommerausgabe von DOLOMITENSTADT der unvergleichlichen Natur Osttirols. Wir verstehen unsere Naturreportagen als Einladung an all jene, die Sehnsucht, aber auch Respekt haben. Erleben wir das Unvergleichliche und kämpfen wir gemeinsam gegen jeden Versuch, es zu „vermarkten“. Natur hat keinen Preis, sie ist unbezahlbar. Umso höher ist deshalb ihr Wert, den die neuen Gäste, die Sinn- und Ruhesucher, die Ein- und Ausatmer, die Riecher und Schmecker, die Geher und Stauner auch honorieren. Machen wir diesen Menschen das Angebot, die „Utopie des anderen Lebens“ für ein paar Tage wahr werden zu lassen. Und sie werden kommen.

Credits
  • Autor: Gerhard Pirkner
  • Fotografie: Ramona Waldner / Peter Podpera (2)
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