Was uns um Lienz
alles blüht...
Was uns um Lienz alles blüht...
„Endlich wieder Frühling!“

Wer spürt es nicht, dieses Gefühl, wenn die Temperaturen steigen, die Tage länger werden und die Natur erwacht – angekündigt durch das Singen der Vögel und den ersten Insektenflug. Jetzt schickt sich auch die Pflanzenwelt an, im neuen Jahr so richtig „durchzustarten“. Junge Blätter treiben aus, die Wiesen ergrünen und erste Blüten sind zu entdecken. Viele Frühjahrsblüher zählen zu den geläufigsten Pflanzen überhaupt, weil sie nicht selten auch in Gärten kultiviert werden. Etliche auffallende Züchtungen, wie Krokusse oder Primeln, stammen dabei von heimischen Wildpflanzen ab, die in ihrer Schönheit und Eleganz den Gartenabkömmlingen um nichts nachstehen. Wer mit achtsamen Augen in der Natur unterwegs ist, kann gerade rund um Lienz manch auffallende, oft kaum bekannte Art schon früh im Jahr entdecken.

Vier lohnende Gebiete möchten wir am Beispiel ausgewählter Frühjahrsblüher vorstellen und beginnen am Schloss Bruck, wo man in der zweiten Märzhälfte insbesondere an den Waldrändern des Schlossparks mit dem sehr zeitig blühenden Mittleren Lerchensporn (Corydalis intermedia) ein botanisches „Highlight“ antreffen kann. Diese Pflanze ist deutlich kleiner als der bekannte Hohle Lerchensporn und weist im Gegensatz zu diesem nur eine wenigblütige Traube auf. Bis vor wenigen Jahren war diese unscheinbare Art in Osttirol kaum nachgewiesen. In der letzten „Roten Liste“ Tirols aus dem Jahr 2001 war sie sogar als „ausgestorben“ für Osttirol eingestuft. Jüngste Funde lassen aber den Schluss zu, dass der Mittlere Lerchensporn zumindest im unteren Drau- und Iseltal, aber auch im Virgental recht gut verbreitet ist und aufgrund der frühen Blütezeit bislang ganz einfach übersehen wurde.

Auch den Wald-Gelbstern (Gagea lutea), ein zwiebeltragendes Liliengewächs, und das violett blühende Hain-Veilchen (Viola riviniana) kann man im Schlosspark entdecken. Beide Arten sind bislang nur von wenigen Stellen in Osttirol bekannt, was verwundert, gehören sie doch andernorts, etwa im nördlichen Alpenvorland, zu den häufigen Blütenpflanzen. Vermutlich sind auch sie den Botanikern bislang einfach entgangen und auch in Osttirol viel häufiger anzutreffen.

Die unverwechselbare Erd-Primel (Primula vulgaris) kommt in Osttirol nur zwischen Dölsach und Nikolsdorf vor.

Die „Postleite“ ist auch ein gutes Ziel für Blumenliebhaber – der von Wiesen, Hecken und kleinen Laubwäldern geprägte Hangfuß zwischen Mienekugel und Nußdorf. Hier findet man den schon erwähnten Hohlen Lerchensporn (Corydalis cava) in verschiedenen Farbvarianten sowie als Besonderheit die „exotisch“ anmutende, rosa blühende Schuppenwurz (Lathraea squamaria). Diese bis 20 cm hohe Pflanze besitzt kein Blattgrün (Chlorophyll). Sie hat auch keine ausgebildeten Laubblätter, sondern nur bleiche, unscheinbare Schuppenblätter am Stängel und ist damit einer der wenigen „Vollschmarotzer“ der heimischen Pflanzenwelt. Ihre Nährstoffe bezieht die um Lienz auftretende Unterart (subsp. squamaria) über unterirdische  Saugorgane aus den Wurzeln diverser Laubhölzer. Das ist botanisch bemerkenswert, weil eine zweite, auch in Österreich vorkommende Unterart (subsp. tatrica) nur Fichtenwurzeln „anzapft“.

Die bekannte Frühlings-Knotenblume (Leucojum vernum) braucht dagegen keine fremde Hilfe – sie hat dunkelgrüne, fettig glänzende Blätter mit denen sie Photosynthese betreibt. In der Postleite ist diese ästhetisch blühende Art sehr selten geworden und derzeit nur mehr von einer Stelle bekannt. Etwas häufiger ist dieses, meist als Auwaldpflanze bekannte Narzissengewächs am sonnseitig gelegenen Hangfuß zwischen Dölsach und Nikolsdorf, wo sie entlang kleiner Bachläufe auftritt.

Der zu den Erdrauchgewächsen zählende Mittlere Lerchensporn (Corydalis intermedia) galt bis vor kurzem als ausgestorben in Osttirol.

Dort wird sie von einer Osttiroler Rarität begleitet, nämlich von der Erd-Primel (Primula vulgaris), die im Bezirk Lienz wildwachsend nur hier vorkommt. Von den bekannten hochstieligen, ebenso gelb blühenden Verwandten wie Wald-Primel (Primula elatior) oder Arznei-Primel (Primula veris) ist die Erd-Primel leicht an der ungestielten Blütendolde und dem oft ausgebildeten Kissenwuchs zu unterscheiden. Die Samen dieser Art werden im Gegensatz zu anderen heimischen Primel-Arten von Ameisen ausgebreitet. Das erkennt  man an den letztlich schlaff am Boden liegenden Fruchtstielen. Weitgehend ident sind die Bestäuber der drei gelb blühenden Primeln. Natürliche Kreuzungen (Hybriden) zwischen diesen Arten sind häufig. Diese kaum vorhandenen Kreuzungsbarrieren bei der Gattung Primula werden auch züchterisch genutzt, um die farblich unterschiedlichsten Garten-Primeln zu erschaffen. Ähnlich ist die Lage beim Alpen-Krokus (Crocus albiflorus). Auch diese Art wurde, wenn auch in geringerem Umfang, für die Züchtung von Gartenkrokussen verwendet.

In Osttirol blau und weiß blühend – das Leberblümchen (Hepatica nobilis).
Das Hain-Veilchen (Viola riviniana) hat im Gegensatz zum häufig vorkommenden Waldveilchen (Viola reichenbachiana) einen gelblich-weißen Blütensporn.
Die Blüten des Alpen-Krokus (Crocus albiflorus) wurden als Wildsalat genutzt.

In der Natur tritt sie in zwei Farbblühvarianten (weiß und violett) auf und ist in Osttirol auf nicht zu intensiv genutzten Wiesen und Weiden noch weit verbreitet, so auch zwischen Dölsach und Nikolsdorf. Besonders schöne Krokus-Wiesen finden sich aber auch an einigen Stellen im oberen Drau- und Iseltal sowie – ein Tipp für den Landschaftsfotografen – beim Lucknerhaus im Angesicht des Großglockners. Eine wunderschöne Aufnahme dieser Blütenpracht findet man auf Seite 6 dieser Ausgabe.

Als letztes fundträchtiges Gebiet für Frühjahrsblüher sei die Lavanter Mure (Lavanter Forchach) all jenen nahegelegt, die nur wenige Meter zu Fuß gehen und sich vom Blütenrausch der hier flächig auftretenden Schnee-Heide (Erica carnea) verzaubern lassen möchten.

Huflattich, eine alte Heilpflanze (Tussilago farfara).
Die spektakuläre Schuppenwurz (Lathraea squamaria) ist ein Vollschmarotzer auf verschiedenen Gehölzen.

Die leider nur teilweise unter Naturschutz stehenden, im späteren Jahr überaus orchideenreichen Rotföhrenwälder suchen ihresgleichen in Osttirol und weisen als Besonderheit baumförmige Wacholder (Juniperus communis) auf. Neben der Schnee-Heide ist im zeitigen Frühling hier auch der bekannte Huflattich (Tussilago farfara) nicht selten, der als Heilpflanze insbesondere gegen Husten eingesetzt wird. Das lateinische Wort für Husten (tussis) findet sich sogar im wissenschaftlichen Gattungsnamen wieder. Komplettiert wird der frühe Blütenreigen im Forchach durch die unverwechselbar blauen Sterne des Leberblümchens (Hepatica nobilis), das allerdings andernorts in Osttirol (etwa bei St. Johann im Walde) in großer Individuenzahl kurioserweise auch rein weiß blühend auftritt. Weisen deren charakteristisch dreilappigen Blätter von Natur aus auch noch eine auffallende silberne Musterung (Panaschierung) auf, so wird klar, warum das aparte Leberblümchen letztlich auch Einzug in die Gärten gefunden hat.

Der Wald-Gelbstern (Gage lutea) ist nur selten in Osttirol zu finden.
Ein Inbegriff des Frühlings – die Frühlings-Knotenblume (Leucojum vernum).

Abschließend sei noch ein Wort in Sachen Naturschutz gestattet: Viele attraktive Wildpflanzen, darunter auch etliche Frühjahrsblüher, sind nach dem Tiroler Naturschutzgesetz vollkommen geschützt, einige stehen zudem als gefährdete Arten auf der Roten Liste. Einzelne Populationen sind aufgrund des fortschreitenden Lebensraumverlustes zudem derart klein, dass ihr künftiger Fortbestand fraglich erscheint.

Man sollte diese Pflanzen generell nicht ausgraben und in den Garten setzen. Die meisten der genannten Pflanzenarten sind auch im gut sortierten Gartenhandel erhältlich!

Credits
  • Autor: Oliver Stöhr
  • Fotografie: Oliver Stöhr, Susanne Gewolf
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