Ein Malwettbewerb statt Natura 2000

Die “Virgentaler Weggefährten” treiben es immer bunter. Ein Kommentar.

Foto: kallejipp / photocase.com

Kurz vor der Bürgerbefragung in Virgen und Prägraten  meldete sich der Umweltdachverband zu Wort: die Isel werde demnächst Natura 2000 Gebiet. Umgehend reagierte die PR-Maschinerie der Virgentaler Kraftwerksplaner: Natura 2000 gefährde die Entwicklung im Tal, wurde getrommelt. Natura 2000 muss abgewürgt werden. Geht alle abstimmen gegen das böse Natura 2000!

Bis an die Grenzen der Seriosität bewegen sich ehemals ernstzunehmende Politiker wie der Virger Bürgermeister Dietmar Ruggenthaler. Er ist zu intelligent, um nicht zu wissen, was Natura 2000 wirklich bedeutet und zu arrogant, um dieses Wissen auch anderen zuzutrauen.

Auf 200 Millionen Euro, nicht ein paar Hunderttausend, schätzen Experten das Investitionspotenzial der öffentlichen Hände bei einer ernstzunehmenden Umsetzung der Richtlinien in Österreich. Wer die Natur schützt, wird in Zeiten massiver Naturzerstörung mehrfach belohnt. Mit Anerkennung, mit touristischem Markenimage, mit Lebensqualität für Einheimische und Gäste – und auch mit Geld.

Geld ist die bislang einzige Rechtfertigung für den “Virgentaler Weg”. Oder kennt jemand noch ein anderes Argument für das Kraftwerk an der Oberen Isel? Geld ist in allen Ausführungen der Befürworter das Mittel zu Zwecken, die eher vage formuliert werden. “Die Leute im Dorf halten”, “Arbeitsplätze schaffen”, “die Talfahrt aufhalten” – all das soll mit Kraftwerksgeld möglich sein.

Doch ganz offensichtlich hat Geld ein Mascherl. Wenn es von der EU, von Bund und Land für beherzten Naturschutz bezahlt wird, ist es weniger gefragt, als wenn es von einer privatwirtschaftlichen Energielobby kommt. Warum eigentlich? Weil es in andere Taschen fließt?

Und während die “Welt da draußen” sich mit europaweiten Naturschutz-Standards beschäftigt, darf man im Virgental – auf maximal drei A4-Seiten – an einem Zeichenwettbewerb zur Gestaltung des künftigen “Schwallausgleichsbeckens” teilnehmen, soeben ausgeschrieben von den Gemeinden Virgen und Prägraten gemeinsam mit den Kraftwerksplanern der INFRA.

Originaltext der PR-Aussendung zum Malwettbewerb für alle, die noch an das Kraftwerksmärchen glauben: “Bei den Vorschlägen ist zu berücksichtigen, dass große Teile des Speicherteiches und des Schwallausgleichsbeckens aufgrund der Pegeländerung der Wasseroberflächen nicht oder eingeschränkt nutzbar sind.” Da schau her!

Für die schönste Kraftwerksbehübschung gibt es aus dem Füllhorn der Planer natürlich auch einen passenden Preis: ein E-Bike!

Gerhard Pirkner

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von "Dolomitenstadt", Kommunikationsberater und Inhaber der Werbeagentur Pirkner Network. Der promovierte Politologe und Kommunikationswissenschafter arbeitete Jahrzehnte in Salzburg, Wien und München, bevor er mit seiner Familie im Jahr 2000 nach Lienz zurückkehrte und dort 2010 "Dolomitenstadt" ins Leben rief. Alle Kommentare von Gerhard Pirkner anzeigen

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4 Kommentare bisher

  1. Detektor

    Zu Leonharts Frage:

    In einer Anfragebeantwortung an LA G. Hauser zitiert LHStV. Gschwentner im Tiroler Landtag am 3.11.2011 den Tätigkeitsbericht des Nationalparks Hohe Tauern Tirol (auch auf dessen Homapage ersichtlich), nach welchem 2010 die Budgetausgaben über 2.2 Millionen Euro betragen haben, „was auch als Richtwert für die Vorjahre“ gelten könne.
    Nach Angaben von Nationalparkmitarbeitern gehen im Tiroler Anteil des Nationalparks jährlich etwa 1,6 Millionen Euro in Förderungen für Landwirtschaft, Wanderwegeerhaltung, Besucherbetreuung und Infrastrukturmaßnahmen (z.B. Lehrweg Virger Feldflur).

    Nicht vergessen werden darf auch, dass als „Ausgleich der mit dem Nationalpark verbundenen Nutzungsverzichte“ auch ein als Nationalparkentwicklungsprogramm bezeichnetes Sonderförderungsprogramm von 1992 bis 2001 Gelder in der Höhe von19,4 Millionen Euro in den Bezirk gebracht hat, welche Gesamtinvestitionen in Höhe von insgesamt 130,8 Mio. € ausgelöst haben. Dazu kam ein fünfjähriges Infrastrukturprogramm 2003 – 2007 für die zehn Osttiroler Nationalparkgemeinden, welches mit 3,63 Mio. € dotiert war (Bericht Landesrechnungshof Tirol 2006 – auf Homapage Land Tirol).

    Eine Anmerkung: In den meisten der neun Nationalparks im Alpenraum werden diese vom Tourismus mitfinanziert, da sie als besondere Werbeträger gesehen werden. In Osttirol scheint das tatsächlich umgekehrt zu sein – der Nationalpark soll die ausgestreckten Hände füllen – und wird trotzdem noch schlecht gemacht.

  2. wolf_c
    wolf_c

    http://youtu.be/rpjQLVdYKJ8, statt so einem Lied ein ‘anständiges’ Kraftwerkslied, das wär ja was?

  3. laurawin100

    Danke wieder einmal für einen mehr als treffenden Kommentar!!
    ;-)

  4. Leonhard

    Wenn wir schon beim schnöden Mammon sind: Wäre interessant, einmal zu hinterfragen, wieviel Geld aufgrund von Naturschutzmaßnahmen – allen voran vom Land Tirol/Nationalpark – in den letzten 20 Jahren schon in die Region geflossen sind.
    Da haben vor allem die Bauern und Tourismusbetriebe profitiert. Die wettern jetzt am lautesten gegen den Nationalpark, gegen Umweltschutzgruppen und gegen die EU. Typisch: Hand aufhalten, sich zurücklehnen und dann noch wettern.