Ernst Florian Winter: Kosmopolit mit Kanten

Er setzt auf Diplomatie und Weitsicht, bringt Russen und Chinesen nach Osttirol.

Der Blick auf die Vita des Osttirolers Prof. Dr. Ernst Florian Winter ist beeindruckend. Der heute 87-Jährige war 1945 als erster US-Soldat in Österreich an der Befreiung seiner Heimat beteiligt, heiratete wenig später eine Tochter aus der weltbekannten Trapp-Familie und arbeitete in nicht weniger als 83 Ländern der Erde. Winter war vor wenigen Jahren an der Realisierung des Russenhotels Zedern-Klang in Hopfgarten beteiligt und machte sich jüngst für einen China-Schwerpunkt in der geplanten „Nationalpark Akademie Hohe Tauern“ an der Felbertauernstraße stark.

Ein Weltbürger im Defereggental.

Seinen Altersitz hat Prof. Dr. Winter im Defereggental gefunden. Er ist ein höchst angenehmer Gesprächspartner, der sich trotz seiner Weltoffenheit und Weitsicht eine bemerkenswerte Bodenständigkeit bewahrt hat. Ernst Florian Winter erblickte 1923 als ältester Sohn des Wiener Vizebürgermeisters Ernst Karl Winter das Licht der Welt und entwickelte durch sein Umfeld schon früh Interesse an österreichischer Kultur und Politik. „Mein Vater war als Intellektueller der Kopf der Anti-Nazi-Bewegung“, erzählt er.

Im März 1938 flohen die Winters vor den Nationalsozialisten über die Schweiz, Frankreich und England in die Vereinigten Staaten und gelangten als eine der ersten nichtjüdischen Emigrantenfamilien New York. In Tenafly/New Jersey bekamen sie bereits am Tag nach ihrer Ankunft einen „homestead“, eine kleine Farm, zur Miete angeboten. In der neuen Umgebung fielen die Winter-Buben gleich auf, galten doch ihre kurzen Hosen als „unanständig“. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurden von der Familie typisch österreichische Traditionen fortgesetzt. „Wir hörten Schrammelmusik, aßen Wiener Schnitzel, hatten Kalender aus Österreich und besprachen alle Neuigkeiten, die wir aus unserer alten Heimat erfuhren“, erinnert sich Winter. „Mein Vater gründete die Österreichische Gemeinschaft, wo auch ausgewanderte Osttiroler dabei waren.“

Der bei der Flucht 15-jährige Ernst Florian, der innerhalb weniger Monate Englisch lernte, absolvierte die Highschool und eine Möbeltischlerausbildung, bevor er an der Columbia University mit dem Studium für Politikwissenschaft und Internationales Recht begann. An seinem 18. Geburtstag meldete er sich freiwillig zur US-Army, vermerkte im Aufnahmeformular jedoch ausdrücklich, dass er sich an der Befreiung Österreichs beteiligen möchte, jedoch nicht bereit ist, zu töten. Nach der Grundausbildung lernte er die Sprachen Japanisch und Russisch. In der Armee machte er die Bekanntschaft mit zwei Söhnen der ebenfalls aus Österreich emigrierten Trapp-Familie, die durch die preisgekrönte Filmproduktion „The Sound of Music“ Weltruhm erlangte, und lernte später auch deren Schwester Johanna kennen. Der damals 19-Jährige fand großen Gefallen an ihr, die US-Girls entsprachen nämlich nicht wirklich nach seinem Geschmack.

Zurück nach Österreich kam Ernst Florian Winter als Befreier und empfand es als großes Glück, dabei tatsächlich nie einen Schuss abgegeben haben zu müssen. Bereits im Juni 1944 bei der Invasion am D-Day in der Normandie an Land gegangen, war der Austro-Amerikaner am 27. April 1945 an der Befreiung Dachaus beteiligt. „Es war erschütternd“, berichtet er über Eindrücke, die ihn sein Leben lang begleiteten. Anfang Mai betrat er als erster US-Soldat österreichischer Herkunft bei Burghausen die Salzach und erreichte das Innviertel. Sieben Jahre nach seiner Flucht stand er wieder auf heimatlichem Boden.

Winter mit Frau Johanna und seinen sieben Kindern in den USA

Nach dem Befehl zu weiteren Kriegseinsätzen im Fernen Osten kehrte Winter ein Jahr später nach Amerika zurück, wo sein großes privates Glück ihn bereits erwartete. Nach Abschluss meines Studiums ehelichte er 1948 Baronesse Johanna von Trapp. Sie bekamen 7 Kinder, 23 Enkel und 5 Urenkel, die heute in verschiedenen Erdteilen leben. Prof. Dr. Ernst Florian Winter war Lehrbeauftragter für Geschichte und Politikwissenschaft am Iona College/New York, für diplomatische Geschichte an der Columbia University und hielt zahlreiche Gastvorträge an der Fletcher School of Law and Diplomacy, Princeton University, Georgetown University und Indiana University.

Nach Österreich zurückzukehren war für ihn wie für viele andere Flüchtlinge nach dem Krieg schwer, da es sich als nicht einfach erwies, eine Aufenthaltsbewilligung zu erhalten. Der enge Kontakt Winters zur ehemaligen Heimat blieb jedoch während der Zeit in Amerika stets bestehen. 1960 ereilte Prof. Dr. Winter der Ruf der Minister Drimmel und Klaus zur Etablierung der Studienrichtung „Politikwissenschaften“ nach Österreich zurückzukommen.

Vier Jahre später wurde der Heimgekehrte vom damaligen Außenminister  Bruno Kreisky um Gründungsdirektor der Diplomatischen Akademie Wien estellt, in der er Jahrzehnte lang großes Engagement bewies. Im Verlauf seiner überaus bemerkenswerten diplomatischen Laufbahn war Prof. Dr. Winter als Direktor in der UNESCO in Paris, bei der UNEP in Nairobi und bei der UNIDO in Wien tätig. Insgesamt lebte und arbeitete er in 83 Staaten der Welt. „Das bislang letzte Land, das ich kennenlernen durfte, war Malta“, so der Weitgereiste, der neben Deutsch auch die Sprachen Englisch, Chinesisch, Japanisch, Russisch und Spanisch beherrscht. Wo hat er sich besonders wohl gefühlt? „Am liebsten habe ich in China gelebt, wo ich insgesamt fünf Jahre verbracht habe“, so Winter. „Mich haben die Menschen mit ihrer Herzlichkeit und Bescheidenheit sehr beeindruckt.“

Da Gattin Johanna im Salzburgischen aufgewachsen war und schon lange vom Leben in den Bergen träumte, begab man sich im fortgeschrittenen Alter auf die Suche nach einem gemütlichen Zuhause am Land. Osttirol war sowohl Prof. Dr. Winter als auch seiner Frau, die stets die traditionelle Gretl-Frisur trug, bereits aus früheren Jahren bekannt. Hier ließ man sich nieder und verbrachte fünf Jahre lang im Weiler Gassen in St. Veit in Defereggental. Nach Ablauf des Pachtvertrags entschloss man sich zum Kauf eines idyllisch gelegenen Grundstücks in Hopfgarten. In das neue Zuhause siedelte Prof. Dr. Winter nach dem Tod seiner geliebten Johanna im Jahr 1994. Er hatte in St. Leonhard im Passeiertal einen 300 Jahre alten Bauernhof erworben, ihn Stück für Stück abtragen und in Hopfgarten wieder aufbauen lassen. Hier hat er seinen Lebensmittelpunkt gefunden und betreibt eine kleine „Berggärtnerei“, wie er sein Selbstversorgungsareal liebevoll bezeichnet. Wesentlichen Anteil hatte Prof. Dr. Winter an der Realisierung des Hotels Zedern Klang in Hopfgarten. „Ich habe Frau Mag. Maksimova nach Osttirol gebracht“, erzählt er über seine Bekanntschaft mit der russischen Investorin. „Sie war von der Gegend und vom Menschenschlag sofort begeistert.“

Im Mai 2008 wurde Prof. Ernst Florian Winter aufgrund seines außerordentlichen Einsatzes für Österreich mit dem renommierten „Egon-Ranshofen-Wertheimer-Preis“ ausgezeichnet. Zur feierlichen Ehrung reiste der Osttiroler in das westliche Oberösterreich, das er mit seinen US-Kameraden vor genau 63 Jahren befreit hatte. Der unglaublich rüstige 87-Jährige ist nach wie vor viel unterwegs. In den vergangenen vier Jahren widmete er sich auf EU-Empfehlung dem Diplomaten-Nachwuchs in Kosovo und reiste einmal monatlich vor Ort. Mit Anfang September 2010 begann ein vergleichbares Programm in Makedonien, dem wiederum Prof. Dr. Winter vorstehen wird.

Anfang August 2010 reiste Winter mit einer Osttirol-Delegation nach China, um die freundschaftlichen Beziehungen zu festigen und möglichst viele Chinesen nach Osttirol zu bringen. Es ist geplant, dass das zum Verkauf angebotene Schloss Weißenstein zum Sitz der „Nationalpark Akademie Hohe Tauern“ sowie eines „Nationalpark Erlebniszentrums Osttirol“ wird.

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Niko.Kal

Was für eine interesante Lebensgeschichte! Gut recherchiert und fein aufbereitet.