Tourismuskrise, Teil 1: Poker um das große Geld

Wer zahlt schafft an, doch das nicht immer.

Liest man die Medienberichte der letzten Tage und versucht einen gemeinsamen Nenner, dann lautet dieser: Osttirols Touristiker haben sich durch Investitionsprojekte schwer verschuldet und jetzt kein Geld mehr für Marketing. Ein wackerer Steuerprüfer hat das aufgedeckt und die Landespolitik nimmt die Sache in die Hand.

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Die Realität ist weit differenzierter und hat ihre Wurzeln in der topografischen und wirtschaftlichen Grundstruktur Osttirols. Der Bezirk ist entlang einer scharfen Bruchlinie zweigeteilt: Im Lienzer Becken – der einzigen „Ebene“ Osttirols – kumulieren mittlerweile fast die Hälfte der Bevölkerung des Bezirks und fast drei Viertel seiner Wirtschaftskraft. Hier hängt der Hammer bei jeder Form von wirtschaftsabhängigen Steuern und Abgaben. Eine davon ist der „Pflichtbeitrag“, den jedes Unternehmen in Osttirol bezahlen muss, abhängig vom Umsatz, der in Tirol erwirtschaftet wird.

Fast 4 Millionen Euro machen diese Pflichtbeiträge im Bezirk pro Jahr aus, 56% bzw. 2,25 Mio Euro kommen aus dem Lienzer Talboden.

Lienz hat viele Zahler, aber wenige Betten

Als die regionalen Verbände in einen Tourismusverband Osttirol zusammengefasst wurden, sorgten nicht – wie öffentlich oft suggeriert – gemeinsame Werbelinien und Marketingstrategien für Zündstoff, sondern schlicht die Frage: wie verteilen wir jene Millionen, die vorwiegend in Lienz aufgebracht und in den „Tälern“ gebraucht werden. Das Lienzer Becken hat nämlich viel Gewerbe, Industrie und Handel – also Zahler –  aber wenige Gästebetten. In den touristisch orientierten Regionen vor allem des Isel- und Defereggentales ist es genau umgekehrt.

Kein Wunder, dass vor allem der prestigebewusste Matreier Bürgermeister samt seinem Parade-Investor Schultz auf die pralle Gans Lienz schielte. Hier gab's was zu rupfen!

Um genau das zu verhindern, wurde der Fusionsvertrag so gestaltet, dass nur ein gutes Drittel der Pflichtbeiträge in den gemeinsamen Topf eingezahlt werden, und der Rest von den Regionen selbst verwaltet und ausgegeben wird.

Ein Verein als Tresor für das Familiensilber

Da die Lienzer wissen, wie findig Andreas Köll beim Anzapfen von Geldquellen ist, haben sie neben dem Fusionsvertrag noch ein Sicherheitsschloss vor die Lade mit dem Familiensilber gehängt: den „Tourismusverein Lienzer Dolomiten“, ohne Rechtsperson, aber budgetfähig.

An diesen Verein – in dem alle relevanten Protagonisten des ehemaligen TVB Lienz sitzen – wurde mit einem Aktienpaket praktisch ein Großteil des touristischen Anlagevermögens übertragen.

In den Büchern der Tourismusregion Lienzer Talboden entstand dadurch eine fatale Optik. Hohen Schulden steht plötzlich kein Wert, kein Lift, keine Schneekanone, kein Anlagenkapital mehr gegenüber. Der Prüfer darf das kritisieren, hätte aber auch den Trick dahinter erkennen können. Hier wurde öffentliches Vermögen „in Sicherheit“ gebracht. Mit einer wenig transparenten Konstruktion.

Zweckbindung und politische Eitelkeit fördern Bauwut

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Vielsagend ist auch die Aufgabenteilung zwischen Gesamtverband und den regionalen Tourismusplayern, die ebenfalls vertraglich festgelegt wurde. Das Geld im Gemeinschaftstopf ist demnach für Werbung und Marketing vorgesehen, im Klartext Spielkapital für TVB-Obmann Franz Theurl, der den Außenauftritt verantwortet.

Die beträchtlichen Summen, die von den Regionen zurückbehalten werden, sind großteils für Investitionen – sprich Lifte und flankierende Bauten – zweckgebunden. Politiker wollen bauen, Bänder durchschneiden, Benefits an befreundete Unternehmen verteilen, Posten bei Bergbahnen vergeben usw. Sie brauchen Wählerstimmen im Bezirk, nicht Lobeshymnen in internationalen Reisemagazinen.

Das führt zu Investitionslastigkeit, wie Gerhard Föger, Leiter der Tourismusabteilung des Landes zu Recht kritisiert. Es wird zuviel regionale „Hardware“ erzeugt und zuwenig an der Marke selbst gearbeitet. Millionen fließen in hinterfragbare Seil- und Rodelbahn-Projekte von Lienz bis Matrei, während Osttirol in der Tourismuskommunikation praktisch keine Rolle spielt.

Tourismuskrise Teil 2

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9 Postings bisher
dorfwirt vor 7 Jahren

nasowas: das mit liebherr stimmt - aber im tiroler tourismusgesetz ist das genau geregelt - liebherr zahlt tourismusabgaben NUR FÜR SEINE TIROLER UMSÄTZE

nasowas vor 7 Jahren

Danke für die auf den Punkt gebrachte und anschaulich vermittelte Zusammenfassung der „unendlichen Geschichte“ Tourismuskrise. Unser Tourismus krankt daran, dass das Fehlen von Innovation und Visionen mit „hardware“ kompensiert wird. Man kann sich nicht einigen, ob man den Nischen-Tourismus fördern soll oder doch – wie seit Jahrzehnten – Kitzbühel Nr.2 werden will. Jede Idee, die etwas anders ist als die eingefahrenen Bahnen, wird als „spinnert“, „grün“ oder „unrealistisch“ abgetan. Jeder Geschäftsführer, der eigene Ideen hat, wird abgesägt oder weggelobt. Übrig bleiben die üblichen Verdächtigen und willfährige ErfüllungsgehilfenZu Dorfwirt: Dass die Lienzer Firmen auch vom Tourismus profitieren, trifft für viele zu. Wäre aber Liebherr darauf angewiesen, seine Kühlschränke an Gastronomiebetriebe oder Touristen zu verkaufen, müsste er zusperren und Liebherr ist sicher der größte Zahler.

Amtsrat vor 7 Jahren

g.g.

dorfwirt vor 7 Jahren

Die obige Geschichte ist zweifellos gut geschrieben. Es ist eine Meinung und wahrscheinlich auch eine mehrheitsfähige Meinung in Lienz. Aber es ist eben eine Meinung und kein objektiver Bericht. Qualitätsmedien - und dazu will dolomitenstadt.at offensichtlich ja auch gehören - ziehen einen für jedermann erkennbaren Treffstrich zwischen Nachrichten und Kommentaren. Ich denke das Dr. Pirker seinen Bericht durchaus bewusst als Kommentar getaltet hat. Vielleicht lässt sich das dolomitenstadt.at-Team auch grafisch was einfallen, dass der Leser auch optisch sofort den Unterschied zwischen Meinung und Meldung erkennen kann ... Im Übrigen zur Meinung des Autors: JA LIENZ UND UMGEBUNG ZAHL AM MEISTEN BEITRÄGE UND HAT WENIG BETTEN. Aber wo legt beispielsweise die Fa Fließen Dobernik nicht auch in Hotels in den Tälern ihre Fließen, verkaufen die Lienzer Brauerei, die Getränkehändler Schwarzer und Leiner und der Gastrogroßhandel Zuegg ihre Waren nicht auch zu Hauf in die Hotels und Gastrobetriebe in den Tälern. ... Machen die Innenstadtkaufleute etwa keine Umsätze mit Gäste aus den Tälern ... Liste kann beliebig fortgesetzt werden ...

Behu vor 7 Jahren

Gebe Kurt absolut Recht! Allerdings hat auch Christine meiner Meinung nach die Situation nicht ganz falsch dargestellt. Fazit: Matrei darf nicht die ganze "Kohle" abschöpfen und es sollte mehr für die Marke Osttirol getan werden. Wir leben hier in einem Paradies das touristisch wesentlich besser positioniert werden sollte.

Detektor vor 7 Jahren

Hervorragende Analyse - genau das, was andere Medien im Bezirk nicht berichten (dürfen)!

Kurt vor 7 Jahren

Gratuliere, endlich ein Medium das es schnallt ! Die Sache ist im Detail nicht einfach, aber im Grundsatz schon : Lasset die Matreier nicht auf Lienzer Gelder zugreifen. Empfehle sich weiter hier zu informieren und nicht beim Köll`schen Sprachrohr Ruggenthaler.

brunnerimages vor 7 Jahren

De Grafischen Statistiken ham was für sich. Da verstehs i dann ah ;-)

Christine vor 7 Jahren

Ein Bericht der Zahlen und Fakten klar darstellt und detaillierte Information liefert, die sonst in dieser Form vor den Bürgern versteckt werden. Die Marke "Osttirol" sollte besser verkauft werden anstatt das vorgesehene oder vorhandene Budget ("das es ja nichtmehr gibt") in sinnlose Projekte zu investieren.