Viel Glück für Blanik. Sie wird es brauchen.

Ein Kommentar von Gerhard Pirkner.

Mehr Lebensqualität statt politischer Macht – kein schlechter Tausch für Hannes Hibler.

„Wünsch mir ja nicht herzliches Beileid.“ Hannes Hibler hat den Punkt auch bei seinem politischen Abschied am Sonntag getroffen. Es gibt keinen Grund, ihn zu bemitleiden. Hibler wird im Mai 52 Jahre, hat eine gut gehende Anwaltskanzlei und  wird für sich mehr Freiraum und für seine Familie mehr Zeit haben, als in den vergangenen Jahren. Lebensqualität statt Macht? Kein schlechter Tausch.

Einige Tage nach dem historischen Urnengang in der Dolomitenstadt ist Ernüchterung eingekehrt. Euphorie weicht schlichter Freude. Entsetzen wird zu Entschlossenheit. Schneller als man glaubt wird der politische Alltag einkehren und mit ihm die pragmatischen Tatsachen.

Elisabeth Blanik übernimmt erstmals in ihrem Leben ein Unternehmen, und zwar ein gar nicht so kleines. Rund 200 Angestellte und 33 Millionen Jahresumsatz sind eine Herausforderung für die Architektin, die bisher nur in gesetzgebenden Gremien Politik machte, nicht in einer Exekutivfunktion.

Thumbs up! So sehen Siegerinnen aus. Elisabeth Blanik im Augenblick ihrer Wahl zur Bürgermeisterin von Lienz. Fotos: Martin Lugger.

Blanik hat sich – wie alle Newcomer in politischen Ämtern – eine Schonfrist verdient. Die Oppositionsrolle war ihr auf den Leib geschneidert, in die Führungsfunktion kann sie hineinwachsen. An die ÖVP: Wer Verena Remler für eine geeignete Staatssekretärin hält, sollte auch Elisabeth Blanik das Amt der Bürgermeisterin zutrauen.

Am Stammtisch wird derweil über Gründe und Auswirkungen des spektakulären Machtwechsels diskutiert. Der „Osttirodler“ als Sargnagel? Das M99 als Anfang vom Ende? Hibler zu spröde und Blanik einfach bürgernäher, mit mehr Gespür für das Befinden der „einfachen“ Menschen (was immer das ist)? An Vielem wird etwas dran sein. Blaniks Ansage hat gezogen: Nicht alle Macht in einer Hand.

Wer nach sieben Jahren im Amt und mit derartigen Ressourcen ausgestattet eine Wahl so hoch verliert, hat Fehler gemacht. Im politischen Stil und im demokratischen Detail. Die Sehnsucht nach Transparenz, nach „Durchblick“, nach geöffneten Schubladen und ungeschönten Zahlen hat Elisabeth Blanik in den Bürgermeistersessel gehoben.

Sie übernimmt das Amt an einem Wendepunkt in der Entwicklung des gesamten Bezirkes. Das ländliche Osttirol hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durch Betriebsansiedlungen im Lienzer Becken industrialisiert. Aus einer ehemals bürgerlichen Kleinstadt wurde ein urbaner Lebensraum. Die gepflasterte Altstadt mit ihrem Prospektidyll ist eine Realität, die gemeinnützigen Wohnareale in der Peripherie sind eine andere.

Lienz ist mehr als je zuvor Osttirols Zentrum. Die Hälfte der Bevölkerung des Bezirkes wohnt im Ballungsraum, mit all den damit zusammenhängenden Problemen. Ein Großteil der Wirtschaftskraft konzentriert sich rund um eine Stadt, die von der Leistung der angesiedelten Betriebe und von regem Einkaufstourismus aus Südtirol profitiert. Lienz hat einen gesunden Haushalt, nicht zuletzt weil Hannes Hibler hier seine Stärken ausspielte.

Ausgerechnet Gerald Hauser würdigt den scheidenden Bürgermeister mit den Worten: „Hibler war es zu verdanken, dass er den TVB Osttirol als Mitglied des Aufsichtsrates, auf stabile finanzielle Beine gestellt hat. Das ist sein wesentlicher Verdienst.“ Das ist die Ironie der Politik. Wenige Tage nachdem Hannes Hibler den Griff seines Parteikollegen Andreas Köll nach den Kassen der Bezirksstadt – zum Teil – abwendete, scheidet er aus seinem Amt.

Seine Nachfolgerin Elisabeth Blanik wird bei ihrem Blick in die Schubladen viel Kleingedrucktes finden, komplizierte Verträge und Absprachen, die Machtverhältnisse definieren und die Balance zwischen der Bezirkshauptstadt und ihrem Umland herstellen.

Sie wird sich nicht nur einer ÖVP-Mehrheit im eigenen Gemeinderat gegenüber sehen, sondern auch einer Phalanx an ÖVP-Bürgermeistern in den anderen Gemeinden, angeführt vom Schwergewicht aus Matrei. Die Interessen und Ressourcen der Stadt zu vertreten, den Ausgleich und die Kooperation mit den Landgemeinden zu suchen und dabei populär zu bleiben und eigene Versprechen einzulösen – das wird ein Balanceakt, um den die neue Bürgermeisterin nicht zu beneiden ist.

Also: Kein Beileid für Hannes Hibler, sondern viel Glück für Elisabeth Blanik. Sie wird es brauchen.

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11 Postings bisher
znarf vor 7 Jahren

Ein qualitätsvoller Kommentar von Hr. Pirkner. Kein Boulavard, wo Leute abgekanzelt werden. Das besorgen andere. Frau Bgm. Blanik habe ich bereits gratuliert. V i e l e n Dank an Dr. Hannes Hibler. Vieles ist bestens gelungen. Er hat ein geordnetes Haus mit tüchtigen Mitarbeitern übergeben können. Dass sich was ändert, liegt in der Natur der Sache. Das ist immer so, wenn die ChefitätIn neu ist. Ad multos annos, Dr. Hibler.

nanny vor 7 Jahren

bidi danke, wirklich auf den Punkt gebracht. Leute wie Sie geben wieder Hoffnung. Hier in diesem Forum sind die Kommentare ohnehin, mit ganz kleinen Ausnahmen, gut. Man kann ja über alles diskutieren. Aber Sie sollten einmal Kommentare in den Foren der Kleinen Zeitung lesen. Also da ...

bidi vor 7 Jahren

Nach dem, was in den letzten Tagen in diversen Blättern und deren Internetforen zu lesen war, ist es wirklich erfrischend, einen Kommentar wie diesen von Gerhard Pirkner zu lesen. Es zeichnet einen guten Journalisten aus, nicht mit dem Mob mitzujohlen, sondern zu recherchieren, zu analysieren und unparteiisch zu kommentieren - sine ira et studio. Hannes Hibler wird sicherlich Fehler gemacht haben - dafür hat er auch die volle Verantwortung übernommen, und ich glaube, da nur die Wahl des Bürgermeisters anstand, wird er wohl auch für die Fehler anderer die Zeche mitbezahlt haben. Es ist aber höchst unfair, wie schäbig sein durchaus charaktervoller Abgang mancherorts kommentiert wird. Gott sei Dank gibt es unerledigte Akten - ein Zeichen, dass im Rathaus gearbeitet wurde! Seine Nachfolgerin muss erst einmal beweisen, dass sie es besser kann, wozu ich ihr viel Kraft wünsche.

nasowas vor 7 Jahren

Ja, mehr Fairness bei den Journalisten wäre schon wünschenswert: Beim frühmorgendlichen Zeitungslesen ist mir die Frühstückssemmel fast im Hals stecken geblieben: Die Artikel über die Amtsübergabe empfinde ich als „Hackl“, das man einem aufrecht Abtretenden noch beim Hinausgehen ins Kreuz wirft. Da ist von Zeitschriftenstapeln und Aktenbergen die Rede, das Foto spricht aber eine andere Sprache. Ich denke schon, dass es eine geordnete Übergabe - soweit das in einem halben Tag möglich ist - gegeben haben wird, Hibler mag viele Fehler haben, er ist aber einkorrekter und integerer Mensch. Dass vermutlich viele Geschäftsfälle und Projekte offen sind, ist doch logisch. Ich möchte nicht wissen, wie berichtet worden wäre, wenn die neue Bürgermeisterin ein leeres Büro und eine gelöschte Festplatte vorgefunden hätte, wie das bei manchen Ministerien bei der Übergabe der Fall war.

Kurt vor 7 Jahren

Find ich gut. Zum einen den Kommentar, zum anderen links: "Viel Glück für Eisabeth Blanik" und rechts : "Manolo Blahnik -77%". Passt !

ansa vor 7 Jahren

Ich denke das Herr Pirkner hier vielen aus der Seele spricht. Frau Blanik verdient eine faire Chance die Sie meiner Meinung nach auch nützen wird. Herr Hibler hat seine Arbeit im Großen und Ganzen ganz gut gemacht - Lienz ist wirklich schöner geworden. Ich persönlich möchte mich dafür bei Herrn Hibler bedanken - es macht Freude in Lienz zu wohnen! Zu "dolo" - es tut mir sehr leid aber eine Beweihräucherung kann ich in diesem Artikel beim besten Willen nicht erkennen. ....und abgesehen davon "der Wahlkampf ist vorbei". Jetzt heißt es weiterarbeiten - für die Bürger!

bienemaja vor 7 Jahren

Bravo Gerhard ! wieder ein treffender Kommentar !! einige Zeitungen hätten so einen Redakteur wie dich dringend nötig .....

nanny vor 7 Jahren

Wieder ein ausgezeichneter Artikel von Gerhard Pirkner, der objektiv analysiert. Danke. Alle wünschen Frau DI Blanik Glück und ein gutes Händchen, ist ja auch wichtig für Lienz. Aber mit tendenziösem Geschreibe, wie von dolo, hilft man jetzt niemandem. Der Wahlkampf ist vorbei, es geht ans Arbeiten. Und finanziell steht Lienz derzeit gar nicht so schlecht da. Ich hoffe, es bleibt so.

dolo vor 7 Jahren

Bei all den Beweihräucherungen im obigen Artikel, sollte man nicht vergessen, dass J. Hibler aus mehreren Gründen nicht mehr zum BGM gewählt wurde: Einerseits die opulente Geldverschwendung beim Osttirodler, andererseits das totale Versagen und blockieren beim m99. Man sollte die Bürger einer Stadt nicht gegeneinander ausspielen. Dass es für Blanik schwer werden wird ist unbestritten; denn ein Blick in die leergeräumten Kassen werden Ihr schnell klar machen, dass ein Hallenbad neu, sowie auch eine Nordschule neu ohne enorme Verschuldung nicht machbar sein werden. Bei sämtlichen Projekten, die sie in Angriff nehmen wird, muss sie sich mit der Absoluten der VP im Gemeinderat herumschlagen...und die werden zu verhindern suchen, dass Blanik in Ihrer Amtszeit punkten wird... denn natürlich weiss die VP dass die Bürgernähe eines Bürgermeisters mit keiner (überzahlten) Wahlwerbung zu kompensieren sein wird.

nasowas vor 7 Jahren

Danke Gerhard Pirkner, der Kommentar hat es wieder mal auf den Punkt gebracht! Danke Hannes Hibler, er hat einen gut aufgestellten "Betrieb" hinterlassen und hat sich auch als Verlierer als Mensch mit Format bewiesen. Die neue Bürgermeisterin wird - wie Hallo richtig festgestellt hat - eine Reihe von Baustellen, teilweise fast fertig, teilweise in der Planungsphase - abzuarbeiten haben und muss den Spagat zwischen Wünschen und Machbarkeit, zwischen Stadt-Mutter und Managerin erst mal schaffen. Lienz zuliebe muss man ihr alles Gute dafür wünschen.

hallo vor 7 Jahren

die Ärmel, zumindest auf dem Foto, hat sie schon mal hoch "gekrepelt". Jetzt kann sie wirklich zeigen was passiert mit.....

der Nordschule dem Schwimmbad dem alten RGO-Areal dem Hauptplatz dem Hochstein dem Citybus dem Mühlenareal (M99) dem Postgebäude (UnoCenter) dem Eislaufplatz der Haidenhoflift-Beschneiung den Ampeln der B100 dem Stadtsaal der Umfahrung und der Trassenführung usw.

Sie wird wirklich viel Glück brauchen - sehr viel!