Weihnachtstext: „Hier neben mir“

Von Lisa Mitterhofer.

Weihnachten – das Fest der Liebe, doch oft scheint diese Liebe nur den leeren Platz neben sich füllen zu wollen. Den Platz der doch eigentlich für diese Leere gar nicht reserviert war. Vielleicht ist dieser Platz schon länger nicht mehr besetzt, vielleicht hat sich schon eine Staubschicht darauf gebildet, oder vielleicht ist er sogar noch warm – die Leere ist überwältigend. Überwältigender zu Weihnachten.

Ein Monat – besonders ein Tag – an dem die Abwesenheit einem präsenter wird, zwischen all dem Einkaufsstress, „Last Christmas“-Tiraden und Glühweinduft.

Genau jetzt solltest du hier sein! Genau hier neben mir!

Zur besinnlichsten Zeit des Jahres, besinnt man sich auch darauf, mit wem man sich umgibt – wer diese besonderen Plätze einnehmen darf und soll. Doch plötzlich fehlt ein Ehrengast. Manch einer dieser besonderen Gäste war schon alt oder war krank, man wusste eigentlich ja schon letztes Weihnachten, dass sein Platz heuer leer bleiben wird. Man wusste es doch – aber dennoch ist die Leere überraschend.
Übermächtige Leere macht sich auf dem verlassenen Platz breit, der doch eigentlich fix reserviert war, nicht nur für heuer, sondern für viele, viele Jahre. Jahre die einfachen so genommen wurden, ohne Vorwarnung, ohne Abbestellung der Reservierung.
Doch auch freiwillig bleiben Ehrengäste ihrem Platz fern, vielleicht haben sie einen besseren Platz gefunden, vielleicht war es einfach an der Zeit. Und auch wenn man weiß, dass sie irgendwo einen anderen Platz haben, schmerzt, dass dieser nicht mehr in Reichweite ist.

Warum bist du nicht hier? Ich brauche dich – hier neben mir!

Erinnerungen, die überall lauern und die Weihnachtszeit scheinbar ganz besonders gern haben. Hier ein Aufflackern von gemeinsamen Situationen, da ein Ort, der immer mit dem blöden Grinsen, über das man sich früher geärgert hat, verbunden sein wird. Schritte im Schnee, die ein anderes Paar neben sich vermissen.

Komm aus meiner Erinnerung! Mach Spuren hier im Schnee – hier neben mir!

Doch ein leerer Platz zieht so viel Aufmerksamkeit auf sich, da er anders ist wie die anderen. Die Leere ist ablenkend und lässt das Drumherum oft verblassen. Lässt uns die Plätze vergessen, die besetzt sind – die Ehrengäste, die gekommen sind. Vielleicht sind sie selbst überwältigt von dem leeren Platz im Raum, vielleicht nimmt er auch ihnen die Sicht auf die anderen besetzten Plätze. Aber sie sind da.
Und man selbst sitzt auch auf einen reservierten Platz. Ehrengast für die Menschen um einen herum. Ein Platz um Schneeengel zu machen, um Weihnachtslieder zu singen, um die strahlenden Kinderaugen, vor dem Christbaum, nicht zu verpassen – um Hoffnung zu haben, dass der leere Platz im Raum nicht umsonst war. Dass die scheinbar sinnlose Leere, doch ihren Sinn hat.
Irgendwann.

Dein Platz wird immer reserviert bleiben, hier neben mir.

Lisa Mitterhofer

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Dieser Beitrag wurde eingereicht zum Weihnachtstexte-Wettbewerb der Stadtbücherei Lienz. Hier finden Sie alle Weihnachtstexte auf einen Klick.

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3 Postings bisher
sblassnig vor 4 Jahren

Unglaublich zerreißend, traurig, wunderschön, ergreifend, voller Gefühl. Ein Text, der Herzen berührt.

Gertrude vor 4 Jahren

Mit Lisa habe auch ich die leeren Plätze neben mir gespürt...

Churchill vor 4 Jahren

Der Text macht sehr betroffen.